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Startseite@mediasresBesser wettern mit Kachelmann01.08.2019

Jörg KachelmannBesser wettern mit Kachelmann

Der Metereologe Jörg Kachelmann weiß Bescheid mit Sturm und Hagel, aber wettern kann er auch. Das tut er auf Twitter regelmäßig und attackiert gerne auch Medien. Dabei erweise er sich als wahres Sprachgenie, lobt unser Glossist.

Von Arno Orzessek

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Der Moderator Jörg Kachelmann, aufgenommen am Rande der MDR Talkshow "Riverboat" am 07.06.2019 in Leipzig. (picture alliance/dpa)
Moderator Jörg Kachelmann (picture alliance/dpa)
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Zunächst eine traurige Nachricht: Vorgestern hat sich Jörg Kachelmann für einen Monat in den Urlaub verabschiedet. Und zwar "auch auf Twitter", wie er auf Twitter mitteilte. Deshalb gilt unser Beileid den 132.000 Followern des einzig wahren Wettergottes.

Sie werden ja den lieben August lang auf Entzug sein, vergeblich schmachtend nach unfehlbaren Gewitterprognosen. Und nach den fiesen Tweets, die Kachelmann regelmäßig auf die depperte Medienwelt herabschleudert, so ähnlich wie einst Zeus Blitz und Donner auf aufmüpfige Menschenkinder.

Die "FAZ" spielt beleidigte Leberwurst

Doch nutzen wir die Zeit bis zur Wiederkunft des Wettergottes. Würdigen wir seine jüngsten Twitter-Ergüsse! Vorleistungen dazu hat die "FAZ" erbracht, wenn auch in bedenklicher Beleidigte-Leberwurst-Pose. Die argusäugige "FAZ"-Autorin Andrea Diener hatte "nur ein paar Stunden im Twitterleben des Wetterunternehmers Jörg Kachelmann" beobachtet - das jedenfalls behauptete sie - und schon dabei Wortfunde noch und noch gemacht.

Hier einige davon: "skrupellose Journalistendarsteller", "'Extremsommer'-Medioten", "kollektive Bescheuerung in Medienhäusern", "menschenverachtender Blödsinn", "frei erfundener Schwachsinn", "völliger Stuss" und so weiter.

Diener wollte Kachelmann daraus, wie gesagt, einen Strick drehen – hing dann aber quasi selber dran. Weil zum Beispiel der "FAZ"-Leser Uwe Bussenius gegen ihre Intention in der Kommentarspalte postete: "Welchen Sprachreichtum doch die deutsche Sprache bietet. Bitte mehr davon!"

"Vollpfosteneske" Attacken

Und hat Bussenius nicht recht? Betrachten wir allein folgendes Kleinod: "vollpfosteneskes Narrativ vieler Medien und absichtliche Desinformation heulbojesk-potsdämlicher Klimaprofessoren". Wobei, kurze Info, "potsdämlich" eine schmucke Verpaarung von "dämlich" und "Potsdam" ist, weil dort Kachelmanns meteorologischer Intimfeind arbeitet, der Klimaprofessor Stefan Rahmstorf.

Aber so oder so, liebe Kulturpessimisten und Verächter der sozialen Medien, geben Sie es ruhig zu: Was das rhetorische Vermögen angeht, vereint der Twitterer Kachelmann den Ingrimm des ruhmreichen Kotzbrockens Arthur Schopenhauer mit dem Detailwahnsinn des Buchstabenfexes Jean Paul.

Allein die clowneske Verwendung von "-esk": Kachelmann kennt neben "vollpfostenesk" und "heulbojesk" auch "porschesk" (abgeleitet von "Porsche") und "kleinschniepelesk" (abgeleitet von "kleiner Schniepel"). Was der heutige "klickschlampeske" Journalismus, den Kachelmann, na ja, dann doch auch irgendwie heulbojesk beklagt, seltsam finden mag.

Sprachlich hochwertige Aufklärung

Aber wer weiß denn schon, ob es die Kachelmann'schen Sprachinnovationen nicht eines Tages in den Duden schaffen! Sicher ist: Das Sprachgenie Kachelmann leistet auf Twitter auch sachliche Aufklärungsarbeit.

So erfährt man etwa, welche Faktoren Waldbrand auslösen – als da sind: "Rauchende Idioten - Blödparker mit heißen Katalysatoren - Brandstifter – Grilldeppen". Und genauso, was keinen Waldbrand auslöst: "Glasscherben - Wassertropfen - geheime Waldbranderzeugungsweltalllinsen der Reptiloiden".

Gerade das mit den Reptiloiden gehört beileibe nicht zur Allgemeinbildung. Manche Follower dürften kaum ahnen, dass es sich dabei um fiktive Wesen aus Science Fiction und Phantasy handelt, wissen aber dank Kachelmann schon im Voraus: Unsere Waldbrände lösen die, Gott sei Dank, nicht aus!

Getrieben von Zorn

Ja, man könnte sich fragen, warum der brillante Unterhalter Jörg Kachelmann immerzu twittert, als sei ihm ein Elefant über die Leber gelaufen. Die Antwort darauf steht in "Zorn und Zeit", dem hellsichtigen Buch des Philosophen Peter Sloterdijk. Hauptthese: Der Zorn ist die eigentliche Triebfeder der Geschichte.

Wir ergänzen: ganz sicher aber die eigentliche Triebfeder des Jörg Kachelmann. Das muss jedoch nichts Schlimmes sein. Sloterdijk bedauert, dass wir Abendländer es verlernt haben, produktiv zornig zu sein. Augenscheinlich ist der Wettergott in diesem Punkt uns allen voraus und hat den produktiven Zorn neu erlernt.

Denken wir drüber nach! Im Übrigen möchten wir uns Kachelmanns Wünschen anschließen: "Genießen Sie die Stille […]. Ende des Monats geht’s wieder los, danke."

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