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StartseiteForschung aktuellGeschichten von Wanderungen und Migration 04.03.2019

Johannes Krause und Thomas Trappe "Die Reise unserer Gene"Geschichten von Wanderungen und Migration

Reihe "Auslese kompakt"

Migration und Wanderungsbewegungen sind keine Phänomene der Neuzeit: Seit der Mensch den aufrechten Gang beherrschte, trieb es ihn aus seiner Heimat Afrika in die ganze Welt. Der Paläoanthropologie Johannes Krause und der Journalist Thomas Trappe zeigen in ihrem Buch: Ohne Einwanderer wäre Europa gar nicht denkbar.

Von Christine Westerhaus

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Ein Schädel aus der Frühgeschichte der Menschheit im Historischen Museum in der georgischen Hauptstadt Tbilisi. (imago stock&people)
Ein Schädel aus der Frühgeschichte der Menschheit im Historischen Museum in der georgischen Hauptstadt Tbilisi. (imago stock&people)
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Was verraten unsere Gene über uns? Und was über die Geschichte unserer Vorfahren? Johannes Krause interessiert sich für diese großen Fragen. In seinem Buch mit dem Titel "Die Reise unserer Gene" versucht der Paläoanthropologe sie zu beantworten - mithilfe neuester Forschungsergebnisse, an denen er selbst maßgeblich beteiligt war.

Was unsere Forschung in den letzten Jahren ja bewiesen hat, ist das Migration und Einwanderung, genetische Veränderungen, Verschiebungen ein Teil der Menschheitsgeschichte sind. Also wir sind alle im Prinzip ein genetisches Potpourri."

Geschichte(n) von Wanderungen und Migration 

In seinem Buch räumt Johannes Krause mit dem Mythos auf, dass es so etwas wie Urvölker gibt, also Bevölkerungsgruppen, die schon seit Urzeiten in bestimmten Gebieten gelebt haben. Die Analyse des Genoms seit langem verstorbener Menschen und Tiere verrät: Unsere Vorfahren waren schon immer auf Wanderschaft und schon die Frühmenschen haben ihr Erbgut untereinander ausgetauscht, wo auch immer sie sich begegnet sind.

"Viele Siedlungsgebiete der Neandertaler waren von der Außenwelt abgeschirmt. Mangels Auswahl pflanzten sich die Urmenschen mit nahen und fernen Verwandten fort, was zur Verbreitung schädlicher Mutationen führte. Verständlich, dass man jede Gelegenheit nutzte, um den Kreis der Möglichkeiten zu erweitern und neue Bekanntschaften zu schließen – selbst wenn es sich um Angehörige einer anderen Menschenform handelte."

Der Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena schreibt verständlich und unterhaltsam, sodass der Leser seinen Erzählungen über die Wanderwege unserer Vorfahren trotz komplexer Materie fast immer folgen kann. Der Einfluss des Wissenschaftsjournalisten und Co-Autors Thomas Trappe, ist deutlich spürbar: Die Texte sind klar strukturiert, die Sprache kurzweilig. Außerdem erleichtern Faktenboxen den Überblick, in denen Fachbegriffe oder bedeutende Forschungsergebnisse erklärt werden.

Wanderungsbewegungen sind keine Phänomene der Neuzeit

Durch lebendige Beschreibungen regt das Buch die Fantasie des Lesers an: Wenn das Autorenduo etwa die rauen Lebensbedingungen schildert, die während der immer wiederkehrenden Eiszeiten in Europa in den letzten Hunderttausend Jahren herrschten, spürt der Leser förmlich die Kälte, vor der unsere Vorfahren in ihren Höhlen Schutz suchen mussten.

"Vor etwa 12.900 Jahren erlebten Europa und Nordasien einen Klimawandel, der innerhalb eines Menschenlebens spürbar gewesen sein muss. In dieser Zeit sanken die Durchschnittstemperaturen innerhalb von fünfzig Jahren in Teilen Europas um sagenhafte zwölf Grad. Die Kälte brach über die Menschen regelrecht herein, und wahrscheinlich gab es nach der kurzen Blütezeit erst einmal wieder einen drastischen Bevölkerungsrückgang.

Johannes Krause versteht es, aktuelle Forschungsergebnisse mit unterhaltsamen Geschichten zu verweben. Sein Buch ist stellenweise fesselnd wie ein Roman und man möchte unbedingt weiterlesen, um mehr über das Leben unserer Vorfahren zu lernen. Dabei sind manche Details aus der Vergangenheit, die Krause beschreibt, zwar nur Spekulation und nicht wissenschaftlich belegt. Doch der renommierte Forscher hat diesen Weg bewusst gewählt. Und der Leser ist dankbar, dass er sich nicht in wissenschaftliche Debatten verstrickt.

Zielgruppe:
Alle, die sich für Archäologie und die Geschichte unserer Vorfahren interessieren, kommen bei diesem Sachbuch garantiert auf ihre Kosten.

Erkenntnisgewinn:
Wir alle haben einen Migrationshintergrund. Und ohne die vielen Einwanderer, die neue kulturelle Errungenschaften mit sich brachten, wäre Europa heute nicht das, was es ist.

Spaßfaktor:
Unterhaltsame und wissenschaftlich gut dokumentierte Geschichten über die Wanderschaften und Beweggründe unserer Vorfahren.

Die Reise unserer Gene:
Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren

Von Johannes Krause und Thomas Trappe
Propyläen Verlag 2019, 283 Seiten, 22 Euro

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