In dem Journal versuchte de Rougemont vor allem, den Nationalsozialismus als eine totalitäre Staatsreligion zu beschreiben, die - wie er es sah - ins religiöse Vakuum der damaligen Gesellschaft eingeströmt war und mit ihrer auf Hitler ausgerichteten Mystik und dem Kult des totalen Staates die christlichen Werte bedrohte. Diese Ansicht vom Nationalsozialismus als vor allem religiöses und nicht einfach nur politisches Phänomen muß damals in Frankreich mit erheblichem Stirnrunzeln aufgenommen worden sein - in einem jetzt mitabgedruckten Postskriptum zu in Holland und Argentinien erschienenen Übersetzungen hatte sich de Rougemont jedenfalls schon 1939 genötigt gesehen, Vorwürfen aus antifaschistischen Kreisen entgegenzutreten, mit seinen Diagnosen letztlich "Hitlers Spiel" mitgespielt zu haben. (Unumstritten war sein Journal damals um so weniger, als er und seine protestantischen Pariser Zirkel nicht gerade als demokratiefreundlich bekannt waren und häufig den Liberalismus und das parlamentarische System attackierten. Diese Züge von de Rougemonts intellektuellem Profil sollte man heute nicht übersehen.)
Was ist es also, was dieses Journal mitzuteilen hat? Die rund achtzig eigentlichen Tagebuchseiten aus der Zeit zwischen Oktober 1935 und Juni 1936 enthalten meist längere Eintragungen, die jeweils Erfahrungen einiger Wochen zusammenfaßen. Nach ersten Eindrücken von Frankfurt und der Universität begann de Rougemont bald, seine Beobachtungen, Begegnungen und Gespräche mit Deutschen unter bestimmten Motiven zu bündeln wie etwa "Das Bürgertum", "Wirtschaft", "Anekdoten" oder "Gespräch mit einem SA-Mann". Man merkt schnell, daß er nicht so sehr mit dem eigentlichen Gestus von Tagebüchern die verschiedensten Alltagsereignisse sammelt; vielmehr hat ihn sein intellektuelles Temperament das Tagebuch eher als politisches Reflexionsmedium nutzen lassen, wobei der Beobachter oft hinter dem Theoretiker zurücktritt. Dadurch ist zumindest auf der Ebene der Fakten in diesem Journal wenig zu finden, was aus dieser Zeit nicht auch anderswo längst schon - und oft sogar viel genauer - geschildert wurde.
Den eigentlichen Kern des Journals bildet de Rougemonts politische Interpretation des Nationalsozialismus. Im Grunde beschreibt er die Erfahrung, wie seine eigene politische Philosophie in diesen Monaten mit der Realität der nationalsozialistischen Machtinszenierungen zusammenstieß und sich ihre Dimensionen verständlich zu machen suchte. Der Auslöser für seine Erfahrung eines - wie er dann schrieb - "heiligen Schreckens" war ein Auftritt Hitlers in Frankfurt, kurz nachdem deutsche Truppen das Rheinland wiederbesetzt hatten. De Rougemont war schon in den Wochen zuvor aufgefallen, wie sehr die Worte "Kampf" und "Krieg" in der Propaganda vorherrschten und hatte das einmal in der Frage an einen SA-Mann zusammengefaßt: "Aber warum muß auch Ihr Frieden noch ein Krieg sein?" Auch während der Besetzung des Rheinlands war ihm die "merkwürdige Affektivität" aufgefallen, die "den Waffen, der Sache des Krieges in diesem Land entgegengebracht (wird)". Aber erst Hitlers Auftritt bei der Frankfurter Massenveranstaltung hatte ihm verständlich gemacht, daß dieses ihm vorher geradezu altgermanisch anmutende Kriegerische tatsächlich zu der neuen, militanten Religion mit eigener "Liturgie" und "sakralen Zeremonien" gehörte.
De Rougemonts Schlüsselerfahrung war eine Desillusionierung: "Ich hatte gedacht, an einer Massenveranstaltung teilzunehmen, an einer politischen Kundgebung. Aber sie zelebrieren ihren Kult!" Ist diese Entdeckung, daß der Nationalsozialismus ein neuer, anti-christlicher Massenkult der totalen Volksgemeinschaft mit höchst aggressiven Zügen war, nun wirklich neu? Vielleicht war sie das 1938 für jene Kreise im europäischen Ausland, die vorher die Gewalttätigkeit, mit der in Deutschland seit 1933 jede Opposition zerschlagen wurde, ebenso wie die 'kultische' Selbstinszenierung des Nationalsozialismus vornehm übersehen hatten.
Recht aufschlußreich ist de Rougemonts Journal jedoch als Dokument, wie ein christlich geprägter politischer Denker mit der eigenen Desillusionierung über den Nationalsozialismus fertig wurde. De Rougemonts "heiliger Schrecken" war ja durch die plötzliche Einsicht ausgelöst, daß die Nazis nicht etwa - wie sie behaupteten und viele glaubten - das christliche Abendland vor dem "Nihilismus" der Moderne retteten, sondern selbst ein Teil dieses modernen "Nihilismus" waren; und ihre kultisch-religiöse Politik sollte zwar den zerfallenen Zauber der Vormoderne gewaltsam wiederherstellen, konnte dabei aber nur die christlichen Traditionen weiter zerstören. Das war de Rougemonts eigentlicher Schock in den Frankfurter Monaten, aus dem er die große Herausforderung für das Christentum ablas. Aus diesem Blickwinkel verschwimmen dann allerdings Kommunismus, Nationalsozialismus und sogar Liberalismus und Demokratie in Windeseile zum Grau-in-Grau des modernen "Nihilismus"; und gleichzeitig hat de Rougemont damals jeden nur politisch und nicht christlich verstandenen Antifaschismus verworfen, weil vom christlichen Standpunkt aus der moderne Nihilismus nur einen einzigen wirklichen Gegner habe: die christliche Religion.
Das ist nun weder sonderlich neu, noch ist eine solche politische Theologie ganz unproblematisch, mit der sich letztlich auch die moderne Demokratie bekämpfen ließe. Im übrigen ist dieses "Journal aus Deutschland" eher ein Buch über politische Theorie als wirklich ein Tagebuch über den deutschen Alltag 1935/36. Schon deshalb ist es unseriös, dieses Journal nun gegen die Tagebücher Victor Klemperers auszuspielen, was ein auf dem Umschlag prangendes Zitat Jürg Altweggs aus der FAZ tut, wonach "de Rougement den Deutschen über die Rätsel und die Greuel ihrer Vergangenheit" mehr mitzuteilen habe "als Klemperer und Goldhagen zusammen". Immerhin hat der Dresdener Romanist Klemperer damals im dezidierten Sinn Tagebücher geschrieben, und nicht nur von einem mehrmonatigen Besuch, sondern aus der gesamten Zeit der für ihn von Jahr zu Jahr gefährlicheren Lage von 1933 - 45. Sicher sind de Rougemonts politische Reflexionen nicht uninteressant und recht lehrreich. Aber wenn sie hier als bahnbrechende Neuerung angepriesen werden - dann wird man den Verdacht nicht los, daß dieses Journal so noch einmal zu instrumentalisieren versucht wird. Es hat nämlich nicht etwa mehr, sondern nur etwas anderes zu den "Rätseln" der deutschen Vergangenheit mitzuteilen als Goldhagen oder Klemperer.