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Startseite@mediasresDabeisein ist alles?26.11.2019

Journalismus auf TikTokDabeisein ist alles?

Die Videos der Clip-App TikTok erreichen inzwischen Hunderte Millionen Menschen weltweit. Auch Medienhäuser wollen von diesem Erfolg profitieren und bieten eigene Kanäle an. Doch Kritiker sind skeptisch und warnen vor Datenmissbrauch und Zensur auf der chinesischen Plattform.

Von Sinje Stadtlich

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Jan Hofer im ersten Video der Tagesschau in der Clip-App TikTok. (Deutschlandfunk)
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Jan Hofer posiert im Tagesschau-Studio. Er dreht an Reglern, wodurch sich das Muster seiner Krawatte verändert, und grinst in die Kamera. Das ist der erste Clip vom offiziellen Tagesschau-Account auf der Teenie-App TikTok. Die ARD will damit nach eigener Aussage "neben journalistischen Inhalten für eine junge Zielgruppe auch einen humorvollen Blick hinter die Kulissen der erfolgreichsten TV-Nachrichtensendung" liefern.

"Echte Innovationsarbeit" sei das, denn journalistische Ansätze gäbe es bisher "noch kaum". Tatsächlich lebt die Plattform vor allem von lustigen kurzen Musik-Clips, in denen Jugendliche tanzen, Playback singen oder Szenen aus ihrem Alltag filmen. Auch das öffentlich-rechtliche Jugendangebot Funk ist auf TikTok präsent, genauso wie der Radiosender EinsLive vom WDR.

Schon länger dabei: die Washington Post

Denn für Medienhäuser ist TikTok eine gute Möglichkeit, eine sehr junge Zielgruppe zu erreichen. Vor allem in den USA experimentieren sie schon länger damit. Die Washington Post hat mittlerweile 265.000 Follower und erreicht mit einem durchschnittlichen TikTok eine halbe Millionen Aufrufe. Dave Jorgenson ist persönlich ein großer Fan der App und hatte die Idee zu dem Washington-Post-Kanal:

"Wir haben viele Ziele mit unserem TikTok-Account. Sobald wir auch Links in der App posten dürfen, was hoffentlich demnächst der Fall sein wird, können wir Nutzer über TikTok auf unsere Website lenken und so Traffic erzeugen. Im Moment geht es aber vor allem darum, die Seite aufzubauen, Leute für die Zeitung zu begeistern, und das läuft sehr erfolgreich. Ein langfristiges Ziel ist außerdem, die Washington Post als Zeitung zu etablieren, die mit der Zeit geht - was ja für alle Zeitungen immer schwieriger wird."

Berichte über Zensur und Datenmissbrauch

Im Moment geht es ums Image, ums Dabeisein. Geld verdienen können Medienhäuser mit TikTok nicht. Und Kritiker weisen auf die Gefahren der App hin: Sie wurde 2017 von dem chinesischen Konzern Bytedance auf den Markt gebracht, einem der wertvollsten Startups der Welt. Parallel betreibt der Konzern die chinesische Variante Douyin. Immer wieder gab es Vorwürfe, auch die Daten der TikTok-Nutzer würden in China landen.

Zuletzt hatten die US-Aufsichtsbehörden gegen die Vorgängerversion von TikTok eine Rekordstrafe von 5,7 Millionen Dollar verhängt, weil das Unternehmen widerrechtlich Daten Minderjähriger gesammelt hatte. Außerdem gibt es Berichte über Zensur. Videos zu den Protesten in Hongkong zum Beispiel finde man auf TikTok nicht so leicht, sagt Michael Socolow, Journalismus-Professor an der University of Maine.

"Ich finde es problematisch, wenn TikTok für Journalismus benutzt wird. Die chinesische Mutterfirma Bytedance ist sehr intransparent, wenn es darum geht, wie sie mit den Inhalten umgehen. Wir wissen, dass sie zumindest in der Vergangenheit Inhalte zensiert haben. Jetzt sollen wir ihnen einfach so glauben, dass sie das nicht mehr tun. Aber sie veröffentlichen nichts über ihre Richtlinien, was auf TikTok erlaubt ist und was nicht."

TikToks über Hongkong-Proteste werden geblockt

TikTok dementiert sowohl die Vorwürfe über Datenmissbrauch als auch die über Zensur. Die App werde nicht aus China betrieben und arbeite nach geltenden Gesetzen der jeweiligen Länder. Doch neue Recherchen von netzpolitik.org haben gerade gezeigt: TikTok kann bis heute Videos von politischen Protesten unterdrücken und auf vielfältige Weise bestimmen, welche Inhalte sichtbar sind. Michael Socolow findet es problematisch, wenn Journalisten TikTok unkritisch nutzen.

"Ich denke, wenn man als Journalist TikTok benutzt, dann sollte man es so machen, dass man nicht seine journalistischen Prinzipien verrät. Macht doch TikToks über die Hongkong-Proteste, über den Handelskrieg mit China. Macht TikToks über alles, was ihr sonst auch berichtet und von dem ihr wisst, dass TikTok es in der Vergangenheit zensiert hat und dann guckt mal, was TikTok damit macht. Und entscheidet dann, wie ihr damit umgeht."

Die US-Konkurrenz greift an

Genau das hat die Tagesschau gemacht. Eins der ersten TikToks nach Jan Hofers Krawattentest ist ein Erklärvideo über die Proteste in Hongkong:

"...das sieht im Rest von China anders aus, da gibt’s keine Demokratie. Da liegt die Macht bei nur einer Partei. Und die überwacht die Menschen und unterdrückt Minderheiten..."

Wohl auch ein Signal an die Kritiker, die moniert hatten, hier würde der Rundfunkbeitrag indirekt zur Unterstützung einer Diktatur genutzt. Bis jetzt ist der Clip problemlos abrufbar.

Bleibt noch die Frage, ob der Hype um TikTok anhält. Facebook testet mit Instagram Reels gerade schon zum zweiten Mal ein Konkurrenzprodukt, im Prinzip eine Kopie von TikTok - nur eben ohne den chinesischen Hintergrund.

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