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StartseiteKultur heuteSinnieren über den Stress 12.01.2014

JournalismusSinnieren über den Stress

Mehrere Untersuchungen haben ergeben, dass Journalist ein besonders anstrengender Beruf ist. In einer aktuellen Studie in den USA rangiert er auf der Stress-Skala unter den Top Ten - hinter Soldaten und Feuerwehrleuten, aber noch vor Polizisten. Eine Glosse.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) spricht nach der Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums mit Journalisten (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Zeitdruck, Außentermine, Konkurrenz - die Arbeit als Journalist kann stressig sein. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Weiterführende Information

"Milchmännerrechnung" verfälscht Frauenquote (Deutschlandradio Kultur, Interview, 25.11.2013)

Anfang Januar, wenn die Weihnachtsplätzchen noch nicht aufgegessen, etliche Kollegen noch im Urlaub und interessante Themen so selten sind wie korrekte Satzzeichen im Internet, da sitzen wir zwischen Sonnenauf- und -untergang in der Redaktion und sinnieren über unseren stressigen Beruf. Journalismus, der Inbegriff von atemloser Spannung! Was sind wir nicht für Belastungen ausgesetzt! Das tägliche Nacherzählen von Altbekanntem mit einem winzigen aktuellen Appendix, im Fachjargon als "Weiterdreh" bezeichnet: dies und die heroische Kanalisierung von Sturzbächen der Belanglosigkeit in publizistische Gefäße führen zu jener auf die Dauer gesundheitsgefährdenden Nervenentblößung namens Stress.

Und dann erst die psychodramatischen Vorgänge auf der sozialen Ebene: die Zumutungen der Haushierarchie, die zwischenmenschlichen Verwerfungen auf Konferenzen und das Speisenangebot der Kantine - alles extrem wirksame Stressfaktoren, ganz zu schweigen von dem kitzligen Moment am Mikrofon, auf den es, wenn das Rotlicht leuchtet, wirklich ankommt.

Gut, letzteres gehört zum sogenannten Eu-Stress, dem guten, im positiven Sinne aufpeitschenden Anregungsgefühl, um dessentwillen wir diesen Beruf ja angestrebt haben. Aber eigentlich gehört noch viel mehr dazu, und zwar ungefähr alles, was in arbeitssoziologischen Untersuchungen mit naserümpfender Attitüde als "stressig" verbucht und verglichen wird: das Ringen mit dem Zeitdruck, die Notwendigkeit der Improvisation, die Überraschung durch Unerwartetes, das Lüften von Geheimnissen, die Feindschaft mächtiger Gegner und mitunter sogar die persönliche Gefährdung. Was bedeutet da der Begriff "Arbeitsbelastung", wenn der Spaß an der Arbeit in genau diesen Formen der Belastung liegt? Manche Menschen fühlen eben den Regen, andere werden einfach bloß nass.

Übrigens gilt das in zunehmendem Maße für Frauen. Der Journalismus ist längst keine Männerdomäne mehr, wenn ihm auch immer noch so ein Harte-Jungs-Image anhaftet. Der Direktor der Akademie der Bayerischen Presse hat soeben unter den Kursteilnehmern des vergangenen Jahres ein Verhältnis von 71 zu 29 Prozent zugunsten der weiblichen Nachwuchskräfte ermittelt - und dies dürfte unter Volontären dem bundesweiten Schnitt entsprechen. Vielleicht hat das mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Branche zu tun, denn zumindest bei der gedruckten Presse gibt es kaum noch Jobs mit attraktivem Einkommen. Außerdem gilt auch im Inhaltlichen: Journalismus ist die neue Sozialpädagogik.

So kommt allerdings auf die in der Redaktion noch verbliebenen harten Jungs ein ganz neuartiger Stressfaktor hinzu, nämlich ein gut ausgebildetes Fräuleinwunder. Da ist es nicht verblüffend, wenn man aus lauter Verzweiflung über die Themenflaute im Januar seine eigene Angst in Form einer Stress-Studie thematisiert, die nicht Herzchirurgen oder Hochspannungstechniker, Flugzeugpiloten oder Väter von Töchtern aufs Heldenpodest hebt, sondern Journalisten neben Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleuten, was so peinlich ist, dass man eigentlich nicht noch eine Glosse darüber schreiben sollte. 

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