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Startseite@mediasres"Die Geflüchteten kommen kaum zu Wort"01.08.2017

Journalismus-Studie"Die Geflüchteten kommen kaum zu Wort"

Eine Studie hat die mediale Berichterstattung über Geflüchtete zwischen Januar und April 2017 untersucht. Im Interview erläutert Studienleiter Thomas Hestermann die Ergebnisse, die kein gutes Licht auf viele deutsche Redaktionen werfen.

Thomas Hestermann im Gespräch mit Bettina Köster

Flüchtlinge laufen am 27.08.2015 mit Koffern bepackt auf einem Weg einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Ingelheim (Rheinland-Pfalz) entlang, während ein Kind im Vordergrund vorbeiläuft.  (picture alliance/dpa - Christoph Schmidt)
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Eine Studie der Macromedia Hochschule, der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hat sich mit der aktuellen mediale Berichterstattung über Geflüchtete beschäftigt. In vier Wochen zwischen Januar und April 2017 untersuchten die Studienmacher die Berichterstattung von "Bild"-Zeitung, SZ, FAZ, taz sowie die Nachrichten und Boulevadmagazine der acht reichweitenstärksten deutschen Fernsehsender. Bei den insgesamt 283 Zeitungsartikeln und 81 Fernsehbeiträgen in diesem Zeitraum, die von Geflüchteten gehandelt haben, fiel laut Studienleiter Thomas Hestermann vor allem eins auf:

"Es gibt viele Geschichten von Ausländern, die Probleme machen - das ist das Medienklischee. Manchmal auch von Ausländern, die Probleme haben. Aber unglaublich wenig von Einwanderen und Geflüchteten, die Probleme lösen." Darüber hinaus sieht er als besonders kritisch, dass die Geflüchteten selbst kaum befragt würden. 

"Neugier lohnt sich für viele Journalisten nicht"

Dass so wenig Geflüchtete in den Berichten zu Wort kommen, führt Hestermanns u.a. auf Sprachbarrieren zurück, aber auch darauf, dass sich Neugier für viele Journalisten einfach nicht lohne. "Wer neugierig ist, wer initiativ ist, wer mehr arbeitet als andere, kriegt zumindest als freier Journalist auch nicht mehr bezahlt."

Häufig schickten die Redaktionen ihre Reporter zu wenig nach draußen, weshalb es oft bei der schnellen Geschichte bleibe oder dem Statement aus der Pressekonferenz, dass aus der Pressemitteilung abgeschrieben werde.


Das Interview in voller Länge

Bettina Köster:  Erst vor kurzem hatten wir hier in mediasres den Medienwissenschaftler Michael Haller im Gespräch, weil er in einer Studie die Berichterstattung über Flüchtlinge in den Leitmedien ins Visier genommen hat. Eine zentrale Botschaft kann man daraus formulieren: Die Medien haben sich zu sehr mit den politischen Eliten gemein gemacht, als im Jahr 2015 sehr viele Flüchtlinge nach Europa kamen. Die Willkommenskultur wurde hochgehalten und zu wenig hinterfragt.

Der Medienwissenschaftler Thomas Hestermann von der Hochschule Macromedia hat da jetzt noch einmal eine aktuelle Studie nachgeschoben. Auch er hat sich die Berichte über Geflüchtete und Zugewanderte genauer angeschaut - allerdings ganz aktuell in diesem Jahr. Ich habe ihn gefragt, ob er ähnliches herausgefunden hat wie sein Kollege Haller.

Thomas Hestermann: Also tatsächlich spielte in der Berichterstattung der Zeitung und der Fernsehnachrichten die Politik eine große Rolle - mit 38,9 Prozent der Berichte. Polizei und Justiz sind dort stark vertreten – und Behörden. Was ich auffällig finde - sehr, sehr wenig die Geflüchteten selbst, die kommen nur in maximal 20 Prozent bei den Berichten der FAZ zu Wort.

Köster: Welchen Zeitraum haben Sie sich denn angeschaut?

Hestermann: Wir haben im Grunde den Zeitraum nach der Haller-Studie erfasst – nämlich 2017 vier Wochen jeweils in Januar bis April – und haben ein relativ aktuelles Bild der Stimmungslage und der Medienberichterstattung geliefert.

Köster: Sie sagen gerade, die Geflüchteten selbst kamen kaum zu Wort. Das heißt, es wurde immer über sie gesprochen und über das, was passiert ist, vielleicht in den Heimen oder auch bei der Integration. Oder wie müssen wir uns das vorstellen?

"Bei Flüchtlingen scheint das keinem aufzufallen"

Hestermann: Ja, das ist wirklich auffällig. Ganz unten auf der Skala ist die BILD-Zeitung, die sonst ja als sehr recherche-stark gilt. Da kam ein einziger ausländischer Gesprächspartner in vier Wochen Berichterstattung zu Wort. In der FAZ waren es übrigens am meisten mit 20 Prozent. Manchmal sind es ganz verblüffende Geschichten, wenn etwa die TAZ über ein Flüchtlingsheim in Bautzen berichtet und dort ausschließlich der Leiter dieser Einrichtung zu Wort kommt, der sich auch etwas beschwert über die angeblich antriebslosen Asylbewerber. Stelle man sich doch nur mal für ein paar Sekunden vor, da würde die taz über ein Frauenhaus berichten, da würde nur der männliche Einrichtungsleiter zu Wort kommen, der so ein bisschen über die Frauen herzieht, das würde wahrscheinlich einen Empörungssturm geben. Nur bei Ausländern, bei Flüchtlingen scheint das keinem aufzufallen.

Köster: Woran liegt das Ihrer Meinung nach, dass Flüchtlinge selber nicht zu Wort kommen? Okay, man kann jetzt sagen, das sind die Sprachbarrieren. Aber die Zeitung könnte da ja auch einen Übersetzer engagieren oder auch selber, ein Interview auf Englisch führen beispielsweise.

Hestermann: Das ist wirklich verblüffend. Ich meine, der Deutschlandfunk selber hat es ja auch selber gemacht - mit dem Ü-Wagen rumgefahren. Das sind natürlich manchmal schon Schwierigkeiten, Sprachbarrieren. Da muss man auch ein bisschen aus sind herausgehen. Ich habe das mal mit Journalisten diskutiert und die haben gesagt, Neugier lohnt sich nicht. Wer wirklich neugierig ist, wer initiativ ist, mehr arbeitet als andere, kriegt zumindest als freier Journalist auch nicht mehr bezahlt. Häufig schicken die Redaktionen ihre Reporter auch viel zu wenig nach draußen. Und damit bleibt dann die schnelle Geschichte, die Pressekonferenz, das politische Statement, das man womöglich nur von irgendwelchen Stellungnahmen am Ende abschreibt.

Köster: Wenn Geflüchtete zu Wort kommen, wie werden sie dann dargestellt?

Kaum Berichte über Erfolgsgeschichten

Hestermann: Das ist sehr unterschiedlich. Zum Teil gibt es dann wirklich Betroffene, die Geschichten erzählen, dass sie Probleme haben, die zum Teil auch von Anschlägen berichten. Obwohl das erstaunlich wenig in der aktuellen Berichterstattung überhaupt eine Rolle spielt. Das war für uns auch so verblüffend. Die Zahl der Berichte, die thematisieren, dass Tatverdächtige, mutmaßliche Gewalttäter Ausländer sind, hat sich vervierfacht innerhalb der letzten drei Jahre, während die Zahl der Berichte, die über Opfer erscheinen sind, sich halbiert hat im selben Zeitraum. Also man guckt immer mehr auf die Täter und immer weniger auf Opfer. Es gibt viele Geschichten von Ausländern, die oft Probleme machen - das ist so das Medienklischee, manche auch von Ausländern, die Probleme haben, und ich finde, unglaublich wenig Erfolgsgeschichten, Geschichte eben von Einwanderern, von Flüchtlingen, die Probleme lösen.

Köster: Wenn Sie jetzt Kontakt zu den Redaktionen aufnehmen, wie ist denn da die Resonanz zu diesen Ergebnissen, dass da tatsächlich auch ein so reduziertes Bild von Flüchtlingen reproduziert wird?

Hestermann: Ich spüre erst einmal sehr viel Neugier. Manchmal werden auch einfach diese Zwänge beschrieben, dass die Recherche-Kraft für Redaktionen viel zu gering ist. Es wird manchmal auch damit argumentiert, dass ja das Publikum das entsprechend anfrage, also dass das Publikum auch wissen wolle, ob nun ein Tatverdächtiger ein Türke, ein Syrer oder eben ein Deutscher sei. Da kann ich nur zurück fragen, warum wird das dann eben bei Betroffenen von Gewalt zu wenig berichtet, warum wird die immer noch angestiegene Gewalt gegen Asylbewerberheime kaum noch in den Berichten erwähnt. Das sind alles Fragen, die sich – finde ich – Journalisten selber stellen müssen. Es gibt, finde ich, ein tolles Zitat von Mathias Döpfner, dem Springer-Chef und dem Chef des Verlegerverbandes, der sagt, wir müssen mit allen reden, Journalisten müssen mit allen reden, auch mit den zwielichtigen Gestalten, aber dann bitte doch auch schön mit den Betroffenen selbst. Dass zum Beispiel gerade die BILD-Zeitung, die aus dem Springer-Verlag kommt, das in dem Untersuchungszeitraum so wenig gemacht hat, das finde ich eigentlich verblüffend, das passt eigentlich gar nicht zu der Zeitung und zu dieser Recherche-Stärke. Ich glaube, da müssten manche Redaktionen ein bisschen umdenken und die Neugier neu trainieren.

"Neugier neu entwickeln"

Köster: Was passiert denn jetzt mit der Studie? Wandert die in die Schublade oder geht die an die Redaktionen?

Hestermann: Die wird ja jetzt im Fachmagazin "Journalist" erscheinen. Da lesen sie Journalisten und hoffentlich nützt es was. Unsere Forschung ist gerade an der Hochschule Macromedia sehr eng verknüpft mit der Journalisten-Ausbildung. Wir bilden Journalisten aus und beschäftigen uns auch wissenschaftlich mit Journalismus. Von daher ist immer die Hoffnung, dass junge Journalisten sagen, okay das kriegen wir vielleicht ein bisschen besser hin, wie können da vielleicht neugieriger an das Thema rangehen. Meine Erfahrung ist auch, bei unserer auch langjährigen Fernsehforschung, wo wir ja immer auch wieder blinde Flecken zum Beispiel in der Gewaltberichterstattung gezeigt haben, Journalisten sind bei all dem, was man ihnen verwerfen kann, doch vom Prinzip her auch neugierig - auch neugierig auf die eigenen dunklen Flecken, auf die eigenen vielleicht auch Defizite. Von daher bin ich da gar nicht so pessimistisch, dass ich schon glaube, dass der Journalismus sich immer wieder auch erneuern wird und vielleicht da auch die Neugier neu entwickeln wird.

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