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Startseite@mediasresDas Problem mit der "Political Correctness"29.10.2018

Journalisten diskutierenDas Problem mit der "Political Correctness"

Verbieten sich Redaktionen selbst den Mund? Dringen noch Zwischentöne durch? Oder ist am Ende gar die liberale Meinungsdemokratie ganz kaputt? Auf den Münchner Medientagen zeigen sich Journalisten selbstkritisch – aber auch selbstbewusst.

Von Peter Weissenburger

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26.10.2018, Bayern, München: Isabel Schayani, Journalistin (l-r), Klaus Brinkbäumer, ehemaliger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Gesa Mayr, Chefredakteurin von Watson.de, Julia Bönisch, Chefredakteurin von sueddeutsche.de, Daniel Drepper, Chefredakteur von BuzzFeed Deutschland, Anja Reschke, Journalistin, und Bernd Ulrich, stellvertredender. Chefredakteur und Ressortleiter Politik bei "Die Zeit", nehmen auf den 32. Medientagen München an einer Diskussion zum Thema "Political Correctness" oder "Wie liberal ist unsere Mediendemokratie wirklich"? teil. (dpa/ Matthias Balk)
Diskussion zum Thema "Political Correctness" auf den 32. Medientagen München 2018 (dpa/ Matthias Balk)
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"Zeit"-Beitrag zur privaten Seenotrettung Kein Thema für eine einseitige Zuspitzung

US-Journalismusforscher "Politik-Journalismus ist kaputt"

"…wir haben auf ganzer Linie verloren, wir haben uns gar nicht mehr richtig verhalten können…"

"…dieses Schnitte machen wollen, auch mit Leuten, die ja wie ich klar eine liberale Flüchtlingspolitik vertreten…"

 "…und dann beginnt ein Shitstorm, den man natürlich nicht mehr aufhalten kann."

Pro- und Contra zum Thema private Seenotrettung: Ein Fehler?

Ist die liberale Meinungsdemokratie kaputt? Das war die Frage auf dem Abschlusspanel der diesjährigen Medientage in München. Die These hatte ORF-Journalist Armin Wolf zu Anfang in den Raum geworfen.

"Tatsächlich können viele von uns offenbar immer schwerer mit anderen Meinungen umgehen, was dann dazu führt, dass sich die Zeit genötigt fühlt, sich für einen Text zum Thema private Seenotrettung bei ihren Lesern zu entschuldigen."

Im Juli hatte die Zeit unter der Überschrift "Oder soll man es lassen?" ein Pro-und-Contra zur privaten Seenotrettung im Mittelmeer veröffentlicht. Der verantwortliche Ressortchef Bernd Ulrich hatte zwar im Nachhinein die Art der Fragestellung als Fehler bezeichnet. Er findet einige Reaktionen aber weiterhin schockierend, sagte er in München.

"Es wurde gesagt‚ die Zeit ist jetzt auch aus dem Kreis derer ausgeschieden, mit denen man kommunizieren kann – und das fand ich dann, von ernstzunehmenden Leuten, eigentlich eine überzogene Reaktionsweise."

Der Verdacht, dass Redaktionen sich selbst den Mund verbieten

Die Runde diskutierte unter dem Titel "Political Correctness". Ein Begriff, der sich erstaunlich nachhaltig in die Debatte eingeschlichen hat. Wo von "Political Correctness" die Rede ist, ist der Zensurvorwurf greifbar. Gerade im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Flüchtlinge stehen Redaktionen oft unter Verdacht, sie würden sich selbst den Mund verbieten.

"Das Thema ist natürlich wahnsinnig kompliziert, weil es nämlich dieses Tabu betrifft, dass wir uns selber auferlegt haben, seit wir eilig 2015 so Minderheitenschützer-Flüchtlingsversteher-Pro-Asyl-Redakteure geworden sind", sagt Isabel Schayani vom Westdeutschen Rundfunk. Schayani verantwortet das Online-Angebot WDRforyou, das sich an Geflüchtete in Deutschland richtet. Es gebe durchaus Themen, über die zurückhaltend berichtet werde, sagt sie.

"Also, meines Erachtens haben ein guter Anteil von afghanischen jungen Flüchtlingen, die uns da alle erzählen, sie sind jetzt plötzlich 15, sehen aber aus wie 50, sich sehr häufig ihr Alter ermogelt, weil sie auf dem Weg hierhin von den Schleppern gesagt gekriegt haben: 'Sag mal du bist jung, dann kommst du besser durch'. Die eigentliche Dimension, wie viele das sind, und wie kompliziert das wird, ich glaube dass wir das nicht berichtet haben."

Die Angst vor dem Vorwurf der Einseitigkeit

Zeit-Redakteur Bernd Ulrich hingegen sieht in der Debatte vor allem eins:

"Dass man Druck ausüben wollte auf die als liberal empfundenen Medien, die in Deutschland und Österreich dominieren. Aber wir sollten uns jetzt nicht eine Meinungskeuschheit auferlegen, nur weil bestimmte Meinungen von bestimmten Leuten nicht mehr als akzeptabel angesehen werden."

Auf Rufe nach Haltung von der einen Seite folgen normalerweise Zensurvorwürfe von der anderen. Zwischentöne dringen in sozialen Netzwerken nicht durch. Die Angst vor dem Vorwurf der Einseitigkeit ist groß. Die Berichterstattung über die Willkommenskultur von 2015 empfinden die meisten rückblickend als Fehler. So auch Julia Bönisch von der Süddeutschen Zeitung.

"Ich glaube, da haben wir die Chancen etwas überbetont, und die Willkommenskultur, die es hier gab sehr gefeiert, und haben die Herausforderungen, die damit einhergehen viel zu wenig beachtet. Bei uns in der Redaktion kam dann die Diskussion darüber sehr stark auf nach Köln, nach der Silvesternacht. Und das hat bei uns dann dazu geführt, dass wir das viel bewusster betrachtet haben."

"Medien müssen nicht ausgewogen berichten"

Man dürfe daraus nun aber auch nicht schließen, dass man es immer allen Seiten recht machen müsse, warnt Klaus Brinkbäumer, noch bis Jahresende Chefredakteur des Spiegel.

"Manchmal ist etwas erwiesen. Und nein, Medien müssen nicht ausgewogen darüber berichten, dass die einen sagen, der Klimawandel sei real, und die anderen, er sei erfunden. Müssen sie nicht. Medien müssen auch nicht schreiben, dass Trump ein netter Kerl sei, weil er's nicht ist."

Immerhin darüber waren sich dann auch alle einig. Aber schließlich waren auf diesem Podium diejenigen gar nicht vertreten, die ein Ende der liberalen Meinungsdemokratie heraufbeschwören. Sondern wie Moderatorin Anja Reschke sagt…

"Das linksgrünversiffte Meinungskartell."

Das Wort "Political Correctness" haben die Gäste übrigens weitgehend vermieden. Wohlgefühlt hatte sich mit dem Titel ohnehin niemand. Und doch hat der Begriff spürbar die Diskussion bestimmt. Der Verdacht, dass man Meinungen vorgebe, dass man erziehen wolle, dass Maulkörbe verteilt würden, schwang immerzu mit. Es zeigt, welche Macht ein Wort über die Gedanken ausüben kann, selbst wenn es gar nicht ausgesprochen wird.

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