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Journalistenausbildung in Gefahr

Die Journalistenausbildung in Leipzig hat einen guten Ruf und eine lange Tradition. Doch jetzt hat der Institutsrat massive Kürzungen beschlossen, die nach Meinung vieler die Qualität gefährden. Bei der PR dagegen ist eine zusätzliche Professur geplant.

Von Ralf Geißler | 20.01.2011

Wie viele Journalisten braucht das Land? Nicht mehr so viele - glaubt man zumindest am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften der Universität Leipzig. Der Institutsrat hat ein Profilpapier beschlossen. Und das sieht bei der traditionsreichen Leipziger Journalistenausbildung drastische Einschnitte vor. Eine von zwei Professuren soll abgeschafft und durch eine Juniorprofessur ersetzt werden. Die Zahl der Mitarbeiter soll von sechs auf einen sinken. Journalistikprofessor Marcel Machill findet die Entscheidung falsch:

"Wenn tatsächlich das Konzept umgesetzt wird, das der Institutsrat beschlossen hat, dann würde die Journalistik nicht nur von den Studentenzahlen, sondern auch von den Dozentenzahlen derart zusammengestrichen, dass man mittelfristig keine seriöse breite Journalistikausbildung mehr machen kann. Das heißt: Die Journalistik würde austrocknen."

Das sehen seine Studenten ähnlich. Sie haben Leipzig wegen Renommee und Praxisnähe gewählt. Für die Journalistikausbildung mussten sie einen Aufnahmetest bestehen. Nun fürchten sie Qualitätsverluste. Vera Dallmann studiert im ersten Semester:

"Es ist eben so, wenn man von sechs fünf Mitarbeiter wegkürzt, dann ist eben das Angebot überhaupt nicht mehr das Gleiche. Und wir haben jetzt diesen Luxus, dass wir Ressort-Journalismus haben, zwischen Kultur, Politik und Lokales wählen können. Und auch wirklich Sprecherziehung haben. Ein gutes Angebot auch in Richtung Praxis. Und mit einem Mitarbeiter kann man das nicht machen. Das kann mir keiner erzählen."

Kommilitone Matthias Deggeller pflichtet ihr bei:

"Also ganz ehrlich fühle ich mich ziemlich auf den Arm genommen. Ich glaube, dass durch diese Kürzungen sehr viele Medienpartner auch abspringen werden, denn es wird einfach nicht mehr garantiert, dass die Journalisten in Leipzig auf einem so hohen Niveau ausgebildet werden."

Der Institutsrat, der die Kürzungen beschlossen hat, wird derzeit von einem PR-Professor geleitet - von Ansgar Zerfaß. Ausgerechnet seine Abteilung würde vom Umbau des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaften profitieren. Die Pläne sehen bei der Leipziger PR eine zusätzliche Professur für Gesundheits- und Umweltkommunikation vor. Dort könnte man zum Beispiel Pharma-Lobbyisten ausbilden oder zur Arzt-Patienten-Kommunikation forschen. Zerfaß spricht von einem Innovationsangebot und bestreitet, dass sein Lehrbereich auf Kosten der Journalistik wachsen wolle:

"Wir haben nach der Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge fünf Studiengänge mit insgesamt 1300 Studenten. Und die Ressourcen des Instituts, die Lehrkapazitäten, reichen nur etwa für die Hälfte aus. Das ist eine Frage dieses Umbaus. Wir müssen also, da wir nicht zusätzliche Ressourcen bekommen, die bisherigen Studiengänge besser integrieren und vernetzen, dass das überhaupt haltbar ist. "

Die Universität sei keine Journalistenschule, sagt Zerfaß, und eine Neuaufstellung der gesamten Kommunikations- und Medienwissenschaften unvermeidlich. Doch die Widerstände gegen die jetzigen Pläne sind erheblich. Absolventen protestieren ebenso wie Journalisten-Verbände. Fast alle verweisen auf die Tradition der Journalistenausbildung. Für Professor Machill geht es auch um eine gesellschaftliche Frage:

"Wohin werden eigentlich die Ressourcen gegeben? Gehen sie mehr in Richtung zielgerichtete Kommunikation und Lobby-Arbeit? Oder gehen sie in Richtung unabhängigen Journalismus, der genau diese Lobby-Arbeiten und zielgerichteten Kommunikationen aufdecken soll und für Zuschauer und Zuhörer transparent machen soll? Und das ist genau die falsche Entwicklung, die jetzt bei uns am Institut stattfindet."

Im Dezember haben sechs Journalistikprofessoren in Leipzig eine Bewerbungsvorlesung gehalten. Sie würden gern die derzeit offene zweite Professur besetzen. Doch werden die Umbaupläne beschlossen, müsste das Anstellungsverfahren gestoppt werden. Nächste Woche bespricht der Fakultätsrat das Profilpapier. Am Ende wird die neue Rektorin Beate Schücking entscheiden. Sie beginnt ihre Arbeit in Leipzig im März.