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StartseiteKultur heuteJude, Priester, Librettist22.03.2006

Jude, Priester, Librettist

Das bewegte Leben des Lorenzo da Ponte in einer Ausstellung des Jüdischen Museums in Wien

Lorenzo da Ponte war nicht nur der kongeniale Librettist Mozarts - der italienische Jude, Dichter, Lebemann und Ladykiller gilt auch als eine der schillerndsten Figuren der europäischen Aufklärung. Das Jüdische Museum in Wien zeigt derzeit in der Ausstellung "Lorenzo da Ponte. Aufbruch in die Neue Welt" Relikte eines abenteuerlichen Lebens.

Von Günter Kaindlstorfer

Unbekannter Meister: Lorenzo Da Ponte, o. J. (um 1830) (Columbia University, City of New York)
Unbekannter Meister: Lorenzo Da Ponte, o. J. (um 1830) (Columbia University, City of New York)
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Keine einfache Sache, das abenteuerliche Leben Lorenzo da Pontes in einer Ausstellung nachzuzeichnen. Im Jüdischen Museum Wien entledigt man sich der Aufgabe mit Anstand. Das Kuratorenteam rund um Herbert Lachmayer und Werner Hanak rollt die Biographie vom Mozarts wohl brillantestem Textdichter in einem fast schon filmischen Verfahren in der Rückblende auf. Zunächst lernt man den alten, in New York lebenden Dichter kennen, einen würdigen Greis, der vom Dolce Vita bereits etwas ausgelaugt von einem wuchtigen Ölschinken blickt. Durchschreitet man die kreisförmig angelegte Schau, bewegt man sich immer mehr in Richtung Jugend und Kindheit da Pontes zurück. Und die war ganz gewiss nicht ohne Härten. Im jüdischen Ghetto einer venezianischen Kleinstadt geboren, tritt Lorenzo da Ponte mit vierzehn zum christlichen Glauben über. Er wird katholischer Priester, geht nach Venedig, macht als Stegfreifdichter und Weiberheld Furore - und muss 1781 vor den Nachstellungen der Inquisition nach Wien fliehen. In der Residenzstadt Josefs II. wird da Ponte zum gefeierten Librettisten. 1785 beginnt seine Zusammenarbeit mit Wolfgang Amadeus Mozart. Innerhalb weniger Jahre entstehen drei Opern, nach deren Uraufführung die Geschichte der Musik neu geschrieben werden muss. "Le Nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Così fan tutte".

Der junge Kurator Werner Hanak hat die Ausstellung im Wiener Jüdischen Museum mitgestaltet. Über die Kooperation Mozarts mit Da Ponte meint er:

" Da haben sich wirklich die zwei richtigen getroffen. Mozart hat ja auch sehr dramatisch gedacht, und da Ponte war als Autor absolut flexibel. Die beiden haben sich, wie das bei einem guten Team durchaus üblich ist, gegenseitig hineingeredet."

Nach dem Tod Josefs II. sind Da Pontes Tage in Wien gezählt. Der Protegé des verblichenen Monarchen wird, wie in der Donaumetropole üblich, von Neidern und Konkurrenten gnadenlos niederintrigiert. Der Dichter setzt sich nach London ab, feiert dort auch einige schöne Erfolge als Impresario am "King's Theatre". Doch, ach, das liebe Geld! Aufgebrachte Gläubiger setzen ihm zu, belagern ihn, bedrängen ihn - und in einer letzten, abenteuerliche Volte seines Lebens flieht Lorenzo da Ponte in die USA. Er wird amerikanischer Staatsbürger, in New York hält er sich als Drogeriewarenhändler, Sprachlehrer, Prosciutto-Importeur und unbezahlter Columbia-Professor über Wasser.

" Er hat in den Vereinigten Staaten einfach auch überleben müssen. Er hatte dort keinen ihm wohl gesonnenen Fürsten, der ihn hätte finanzieren können. 1833, im stolzen Alter von 82 Jahren, ist es ihm dann immerhin noch gelungen, das erste fixe Opernhaus in New York zu gründen. Leider musste es nach einem Jahr wieder zusperren. Der Wille war da, nur das Geld hat gefehlt."

Die Ausstellungsmacher bemühen sich auch, da Pontes Rolle als freier bürgerlicher Künstler in einem spätfeudalistischen Umfeld ins Blickfeld zu rücken. Sie tun das in einer kühnen, fast experimentell zu nennenden Ausstellungsarchitektur. Was die Exponate betrifft, müssen sie sich allerdings auf Konventionelles beschränken: auf Briefe, Bücher, Bilder, Notenblätter, Schautafeln. Ewas mehr Mut zum Multimedialen wäre da nicht von Schaden gewesen.

Fanatische Mozartologen werden in der Wiener Ausstellung vermutlich wenig Neues erfahren. Für musik- und kulturhistorisch weniger Beschlagene bietet die Da-Ponte-Schau allerdings eine glänzende Gelegenheit, das unerhörte Leben eines Mannes kennen zu lernen, dessen Vita selbst schon Stoff für mehrere Opernlibretti geboten hätte.

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