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StartseiteBüchermarktEin charismatischer Dichter und sein Männerbund 08.07.2018

Jürgen Egyptien: "Stefan George. Dichter und Prophet"Ein charismatischer Dichter und sein Männerbund

Bezwingende Ausstrahlung, Aura eines auserwählten Sehers: Vielen Literaten und Gelehrte aus drei Schülergenerationen ließen sich über dreißig Jahre lang von Stefan George faszinieren, inspirieren und dominieren. Der "Meister", wie er in seinem Kreis gerufen wurde, ist ein Phänomen und ein Rätsel - bis heute.

Von Jörg Später

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Buchcover: Jürgen Egyptien: "Stefan George. Dichter und Prophet" (Buchcover: Theiss Verliag in der WBG, Hintergrundfoto: imago stock&people)
Buchcover: Jürgen Egyptien: "Stefan George. Dichter und Prophet" (Buchcover: Theiss Verliag in der WBG, Hintergrundfoto: imago stock&people)
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Jürgen Egyptien hat seiner Biografie Stefan Georges ein Zitat seines Helden vorangestellt:

"Wenn die Zeitgenossen berichteten, um Napoleons Haupt habe eine Glorie gestrahlt und sein Blick habe die Körper entflammt wie ein Blitz, so sei das zwar unhaltbar, aber immer noch unvergleichbar viel wahrer, als wenn die Historiker behaupteten, er sei ein Mensch gewesen wie sie selbst."

Einmalige charismatische Ausstrahlung

George sagte auch von sich selbst, er sei kein Mensch wie andere. Es gab um ihn herum - in seinem Kreis - überaus intelligente Menschen, die ihn fast als Überirdischen erlebten. Ernst Robert Curtius zum Beispiel schrieb 1910 als vierundzwanzigjähriger promovierter Romanist an George:

"Meister! Das Erlebnis des wunderbaren Abends durchzittert mich, und treibt mich, Ihnen aus tiefbewegtem Herzen zu danken. Sie wissen alles, ich kann Ihnen nichts sagen, das Sie nicht wüssten. Aber das kann mich nicht hindern, Ihnen zu sagen, dass jene Stunden für mich geweihte Stunden gewesen sind, die Frucht bringen werden. Dass Ihre Worte blitzartig weite dämmrige Strecken meiner geistigen Welt erhellt haben, dass sie mir auf allen berührten Gebieten eine zwingende, überzeugende Orientierung meines Denkens und Wollens gegeben haben - das war eine Erfahrung, tief beglückend und bereichernd. Und doch habe ich noch Gewaltigeres, noch Erschütternderes in diesen Stunden erlebt: eine menschliche Wucht jenseits von allem Gesagten, eine seelische Macht, vor der ich mich in tiefer Demut beuge. Hier gibt es kein Bewundern, kein Danken mehr, nur noch Hingabe und Verehrung."

Wie kam jemand wie Curtius dazu, so zu schreiben, auf die Knie zu gehen, sich auszuliefern? Warum ließen sich die vielen anderen Literaten und Gelehrten aus drei Schülergenerationen seit der Jahrhundertwende über dreißig Jahre lang von ihrem Meister faszinieren, inspirieren und dominieren? Warum hielten sie diesen Egomanen für genial und nicht etwa für verrückt? Das ist das Rätsel, das es zu lösen gilt. Egyptiens erster Satz heißt:

"Stefan George war zweifellos ein Mensch. Ebenso zweifellos war Stefan George ein ganz besonderer Mensch. Er war ein Mensch mit einer einmaligen charismatischen Ausstrahlung, die von nicht wenigen als so bezwingend empfunden wurde, dass die Begegnung mit ihm in ihrem Leben als Augenblick einer existenziellen Neugeburt Epoche machte."

Angetan vom Symbolismus

Ja, George war ein Mensch und keine Ameise - Ameisen waren in seinen Augen hingegen die entseelten, amerikanisierten Zivilisationsbewohner in den geistlosen Städten um ihn herum. Was für ein besonderer Mensch also war Egyptiens George? Nun: Mit vier Jahren schrieb dieser Hochbegabte in Büdesheim und Bingen bereits Gedichte und erfand drei Kunstsprachen. So einer lebte schon als Kind in einer Fantasiewelt. Mit zwanzig Jahren durfte er durch die wirkliche Welt reisen. In London, in Spanien und vor allem in Paris suchte er die "Schönheit" als die höchste Idee, ein absoluter Wert. Er fand sie zunächst im Symbolismus. Vor allem Stéphane Mallarmé hatte es George angetan. Nach diesen ästhetischen Erlebnissen sprach er privat fast nur noch Spanisch und Französisch. Georges Kosmopolitismus war ein wenig kauzig. Sein Sehnsuchtsort, eine Gegenwelt, war nicht, wie bei vielen anderen deutschen Intellektuellen Russland, sondern, auch hier solitär, Mexiko. Um 1890 sammelten sich die ersten Jünger um den Dichter, dessen Hymnen ein - wie es heißt - "Musterbeispiel an Formbeherrschung und Klangzauber" waren.

"Hinaus zum strom! Wo stolz die hohen rohre
Im linden winde ihre fahnen schwingen
Und wehren junger wellen schmeichelchore
Zum ufermoose kosend vorzudringen."

Generalangriff auf den rationalistischen Zeitgeist

Um 1905 war George in Berlin und tatsächlich in aller Munde. Selbst Georg Simmel, der jüdische Soziologe der modernen Großstadt, war von dem geheimnisumwobenen Lyriker fasziniert, obwohl dieser doch Berlin als Metropole der Moderne geradezu hasste und als "Stadt der Huren, Händler und Juden" denunzierte. Leider erfahren wir nicht, worin die Anziehungskraft Georges auf den Gründervater der modernen Soziologie bestand, zumal der esoterische Dichter gerade diese Wissenschaft ablehnte. Stattdessen berichtet Egyptien, dass gleich mehrere illustre Gäste von Lesekreisen und Salongesprächen ihre Begegnung mit Stefan George in angesehenen Zeitschriften publizierten. Es muss zugegangen sein wie bei einer Séance. Der Verleger Georg Bondi erinnerte sich:

"Der Abend war höchst eindrucksvoll und ungemein feierlich; kein elektrisches Licht brannte, nur Wachskerzen leuchteten. Die Art, wie George las, stand in vollem Gegensatz zu aller Theatralik: etwas psalmodierend in gleich stark bleibendem Ton, ohne die Stimme zu heben oder zu senken. Es ging auch beim Lesen eine zauberhafte Wirkung von ihm aus, wie immer."

George war ein Verseflüsterer. "Kunst für die Kunst" war die Formel des Formgläubigen. In dieser Sphäre der Kunst sollten nur die Gesetze des Geistes herrschen. Das Leben rechtfertigte sich ausschließlich als ästhetisches Phänomen. Die Erneuerung der deutschen Dichtung sollte für George in Abgrenzung zum Naturalismus und seiner sozialkritischen Tendenzen geschehen. Im Zusammenwirken mit Kosmikern wie Karl Wolfskehl und Ludwig Klages blies er zum Generalangriff auf den rationalistischen Zeitgeist, wie sein Biograf herausarbeitet.

George-Kreis wie eine Sekte

Zum Glück hatte der Prophet nicht wirklich magische Kräfte, sondern schrieb nur Gedichte. Auf seine Schüler wirkte gleichwohl die Aura des auserwählten Sehers. Ein neuer Nietzsche schien unter ihnen zu weilen. Für den George-Kreis waren Form und Unterwerfung stilbildend, denkstilbildend. Bezeichnend für die autoritären Züge dieses weltanschaulichen Männerbundes ist, dass George Friedrich Gundolf, einen seiner ersten Jünger und für ein Jahrzehnt sein ehrenamtlicher Privatsekretär, verstieß, weil er die falsche Frau geheiratet hatte. Noch aufschlussreicher ist es, dass die anderen Jünger das vom "Meister" verhängte Kontaktverbot zu dem anerkannten Germanistikprofessor befolgten. Und bestürzend ist schließlich, dass der getreue Gundolf selber das Urteil akzeptierte und sogar verteidigte. Das ganze Gefüge dieser Sekte, zeigt Egyptien, bestand aus Belohnungen und Bestrafungen, Einladungen und Ausladungen.

Egyptien sucht die Lösung des Rätsels, das uns Curtius anfangs gestellt hat, in Georges Charisma. Er fragt: Wer war dieser Mensch, der eine derartige körperliche und geistig bezwingenden Präsenz besaß? Er fragt nicht: Was waren das für Menschen, die in George einen Meister und Propheten sahen? Das Charisma Georges steht für den Autor außer Frage. Er möchte nicht, wie Thomas Karlauf in seiner Biografie von 2007 Max Webers zeitgenössischer Diagnose folgend, die charismatische Herrschaft Georges analysieren, sondern der George-Forscher fühlt sich in die Dichtergemeinschaft ein:

"Über Stefan George zu schreiben, lässt sich nicht mit dem Schreiben über Bertolt Brecht, Thomas Mann oder Gottfried Benn vergleichen. In Georges Leben sind Dutzende andere Leben aufs Innigste verflochten, und sie alle zusammen bilden das Projekt einer ästhetischen, der Zeit und dem Alltag enthobenen Sphäre eines gesteigerten Daseins. Es ist meine Überzeugung, dass eine George-Biografie nur in dem Versuch, dieses von Freundschaft und Liebe getragene Netzwerk sichtbar zu machen, ihrer Aufgabe gerecht werden kann."

Zu viele Details - zu wenige Antworten

Diese Sphäre und das Netzwerk von Liebe und Freundschaft werden in aller Detailliertheit auf engbedruckten 472 Seiten dargestellt. Zu großen Teilen ist dadurch leider auch ein Klein-Klein von unzähligen Kontakten, Begegnungen, auch Verstoßungen und Zerwürfnissen entstanden. Wahrscheinlich kennt niemand George so gut wie Jürgen Egyptien - das muss der Leser manchmal ausbaden, beispielsweise wenn er über den Uroboros aus der Kosmogenesis-Lehre der theosophisch fühlenden Helene Blavatsky lesen muss oder erfährt, dass George die Sieben für die wichtigste Zahl zum Verständnis der Lebensgesetze hielt.

Auch dass der Meister in seinen letzten Monaten in Minusio im Tessin gerne Kastanienpürree und Berliner Pfannkuchen aß, will man nicht unbedingt wissen. Gewusst hätte ich allerdings gerne, von was George und seine weltflüchtigen Dichterfreunde eigentlich gelebt haben, wer also die Pfannkuchen bezahlt hat. Und leider erfährt man trotz oder vielleicht auch wegen aller Details nicht wirklich, warum George so bewundert wurde und was seinen Bewunderern im Leben denn so fehlte, dass sie glaubten, bei ihm einen Schatz finden zu können. Egyptien bietet eben nur Georges Charisma als Erklärung an.

Thema Sexualität und Gewalt ausgespart

Worüber hingegen Egyptien schweigt, ist das Thema Sexualität und Gewalt im George-Kreis. Er glaubt offenbar an die Rede vom pädagogischen Eros und die rein ästhetische Bedeutung des Jugend- und Kindheitskults innerhalb der Reformpädagogik, der Jugendbewegung und eben auch bei den homoerotischen Georgianern. "Die poetische Evokation der epiphanen Begegnung mit dem Göttlichen in Gestalt des Eros ist der Kern der dichterischen Prophetie Georges", heißt es in der Nachbemerkung, in der sich Egyptien gegen Spekulationen über Georges Intimleben verwahrt.

Dass hinter dem pädagogischen Eros eher sexueller Missbrauch stand, haben Julia Encke und Alexander Camann in großen Artikeln in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und der Zeit in den vergangenen Wochen für wahrscheinlich gehalten. Wolfgang Frommel, der nach dem Vorbild Georges im Castrum Peregrini in Amsterdam zwischen 1950 und 2007 einen Kreis um sich gebildet hatte, wurde von ehemaligen Schülern nicht nur sexuelle Übergriffe vorgeworfen, sondern auch, dass der ganze Kult überhaupt nur zur Tarnung des päderastischen Männerbundes gedient habe. War nicht Stefan George selbst - so die weiterführende Frage - ein praktizierender Päderast und die Machtstrukturen in seinem Kreis geeignet, Sex gegen Zugehörigkeit einzufordern? Egyptien hingegen feiert das Castrum Peregrini als "Zitadelle des Georgeschen Erbes", die sich "unbeirrt von allen Wendungen des Zeitgeistes" etabliert hat. Dem geheimen Deutschland solche Geheimnisse zu entreißen, findet der Biograf offenbar unseriös und bloß eine modische Erscheinung.

Historische Verortung ds George-Phänomens fehlt

Was bedeutet es eigentlich, wenn um 1920 eine Gruppe äußerst begabter junger Männer in einem charismatischen Dichter "den archimedischen Punkt außerhalb des Zeitalters erblickt, eine Gestalt, von der aus das kulturelle Erneuerungswerk einzig unternommen" werden könne? Zu einer Zeit, in der die als kalt und asozial wahrgenommene kapitalistische Moderne nach einem verhängnisvollen furchtbaren Weltkrieg restauriert wurde, allerdings in Deutschland unter der politischen Form der Republik? Es war doch allgemein die Zeit der Kreise und der Weltanschauungsangebote, um der als entfremdet empfundenen Gesellschaft zu entkommen.

Nicht nur um George scharten sich die jungen Männer, die einen Sinn suchten und einen Führer. Überall sprossen religiöse Erneuerungsbewegungen und zivilisationskritische Gemeinschaften wie Pilze aus dem Boden wie etwa die Anthroposophie Steiners. In der Kunst gab es den Aufstand des Expressionismus, in der Politik den des Kommunismus. Auch im Judentum gab es junge Menschen auf der Suche nach Echtheit und Eigentlichkeit oder nach mystischen Erfahrungen, beispielsweise um den "Zauberjuden" Oskar Goldberg in Berlin oder den orthodoxen, aber weltoffenen Rabbiner Nobel in Frankfurt am Main. Mit einem vergleichenden Querblick zu anderen Kreisen hätte man das George-Phänomen historisch verorten können.

George und der Nationalsozialismus

Es gibt in Egyptiens Buch allerdings auch Passagen und Kapitel, bei denen der Autor durchaus distanziert von außen auf den Kreis schaut. Sehr klar und differenziert wird die Haltung von George zum Krieg 1914-1918 geschildert, die sich abhob von der Kriegsbegeisterung, die seine Jünger befallen hatte.

"Die emotionale Distanz, die George zu der Kriegsstimmung einnahm, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch er den Krieg als Schicksalsprüfung interpretierte und daher auch mit der aktiven Teilnahme der Kreismitglieder einverstanden war. (…) Mit Beginn des Jahre 1916 [und] mit Blick auf die sinnlosen Grabenkämpfe sah George im Krieg nicht länger eine schicksalhafte Prüfung. Er fürchtete den Blutzoll, den die deutsche Jugend entrichten musste, und natürlich vor allem weitere Verluste in seinem Freundeskreis."

Im zunehmenden Lebensalter oder besser: in den Krisenjahren der klassischen Moderne konnte selbst ein Unpolitischer die Politik nicht ignorieren, allenfalls selbstständige und von den großen Zeittendenzen sich abgrenzende Positionen einnehmen. George konnte sich nicht durchgängig als der große Geist inszenieren, der sich nicht die Finger schmutzig macht. Eine überzeugende Argumentation gelingt Egyptien im Kapitel über das Verhältnis Georges zur nationalsozialistischen Bewegung und Partei. Die "Enkel-Generation" unter den Schülern hatte nämlich nationalsozialistisches Ideengut in den Kreis hineingetragen. Ein neuer Tonfall machte sich breit, der sich direkt gegen die Vorgängergeneration, also gegen "Georges Söhne", richtete, von denen viele Juden waren. Der Meister selbst reagierte nicht mehr meisterlich, sondern verhielt sich indifferent. Allenfalls beklagte er sich über die Politisierung des Ästhetischen. Sein Schweigen über den Antisemitismus bedeutete für die jüdischen Kreismitglieder eine Distanzierung. In seinem Kreis war der "Meister" ein Getriebener geworden, der seine jüngsten Jünger nicht mehr nach Belieben dominieren und manipulieren konnte.

"Man muss sagen, dass George in dieser historischen Situation hilflos und überfordert wirkt. Psychologisch gesehen resultierte seine Konfliktscheu aus der Angst eines alternden Mannes vor dem Verlust der persönlichen Bindung an die junge Generation in seinem Umfeld. Dieser Verlust hätte ihn  auch vor ganz praktische Probleme der Alltagsbewältigung gestellt. Zum anderen ging diese Überforderung auch auf Georges im tiefsten Inneren apolitischen Haltung zurück. Die Beschäftigung mit tagespolitischen Fragen empfand er als Zumutung, als eine ungeliebte Notwendigkeit der Zeitläufte."

Trennung des Geistigen und des Politischen 

George selbst pflegte einen eigentümlichen Nationalismus, der nicht den politisch verengten Nationalismus meinte, sondern ihm im Sinne des "Geheimen Deutschland" eine europäische Dimension einschrieb. Gleichwohl trieb ihn seine Erlösungsfantasie im nationalen Maßstab in das Lager, das eben die Nationalsozialisten anführten. Im Grunde teilte er auch die Stereotypen über die Juden, nur hatte er selbst positive Erfahrungen mit Juden gemacht. Wie auch mit einzelnen Frauen übrigens, während er "die moderne Frau, die fortschrittliche, gottlos gewordene Frau", also die selbstbestimmte Frau, ablehnte. Bis zum Beginn des "Dritten Reiches" glaubte George, Verbindendes im Nationalsozialismus entdecken zu können. Die staatliche Regierungsform war ihm egal, solange sie nicht sozialistisch war. Als ihm Kultusminister Rust Anfang Mai 1933 die Präsidentschaft in der Sektion Dichtung der Preußischen Akademie der Künste antrug, lehnte er ab:

"irgend-welchen posten – auch ehrenhalber – der sog. Akademie kann ich nicht annehmen ebensowenig einen sold. Ich habe seit fast einem halben jahrhundert deutsche dichtung und deutschen geist verwaltet ohne akademie, ja hätte es eine gegeben wahrscheinlich gegen sie. Die ahnherrschaft der neuen nationalen bewegung leugne ich durchaus nicht ab und schiebe auch meine gesitige mitwirkung nicht beiseite. Was ich dafür tun konnte habe ich getan. […] Die gesetze des geistigen und des politischen sind gewiss sehr verschieden. Wo sie sich treffen und wo geist herabsteigt zum allgemeingut, das ist ein äusserst verwickelter vorgang."

Stefan George ist heute den meisten sicherlich eine fremde Figur. Seine Verse stammen aus einer lyrisch-heroisch-sakralen Welt, die es so nicht mehr gibt.

"Nun klagt nicht mehr – denn auch ihr wart erkoren –
Dass eure tage unerfüllt entschwebt…
Preist eure stadt, die einen gott geboren!
Preist eure zeit in der ein gott gelebt!"

Auch der Biograf unter dem Bann der Persönlichkeit

Das Fremde vertraut machen - das gelingt Egyptiens Biografie nicht wirklich. Es hätte nur gelingen können, wenn der Autor sich sein vertrautes Sujet fremd gemacht hätte. Vielleicht wäre es besser gewesen, mehr Stimmen zu sammeln, die nicht unter dem Bann Georges standen. Egyptien selbst bleibt zwar meist wissenschaftlich distanziert und politisch kritisch gegenüber seinem Protagonisten. Doch es gibt auch lange Passagen, in der der "Meister" selbst zu einer "Gestalt" zu werden scheint, als die er sich selbst inszeniert hat - einer wie Platon, Hölderlin, Dante, Goethe, Schiller. Warum ihn seine Jünger in diesem Größenwahn darin bekräftigt haben, bekommt man in dieser Biografie nicht wirklich erklärt. Der Autor findet eben selbst, dass es Georges Persönlichkeit war, dessen Zauber den Kreis erfüllte. Ein klein wenig steht auch Eyptien noch unter Georges Bann, auch hundertfünfzig Jahre nach seiner Geburt.

Jürgen Egyptien: "Stefan George. Dichter und Prophet"
Theiss Verlag in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt. 504 Seiten, 29,95 Euro.

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