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StartseiteSport am WochenendeEuropas Top-Talente beim Dorfturnier03.06.2017

JugendfußballEuropas Top-Talente beim Dorfturnier

Der TuS Stemwede, ein Dorfverein aus Ostwestfalen, lädt seit 40 Jahren zu einem U19-Turnier bei dem es für die jungen Spieler neben einem Pokal auch um ihre Zukunft geht, wenn sich der FC Liverpool, Tottenham Hotspur und Galatasaray Istanbul messen.

Von Michael Borgers

U19-Turnier in Stemwede: Galatasaray gegen Tottenham. (Michael Borgers)
Galatasaray gegen Tottenham. Internationaler Fußball in Stemwede. (Michael Borgers)

"Der Hamburger SV und der FC Kopenhagen. Schiedsrichter der Partie ist Julian Engelmann." So begrüßt der Stadionsprecher die Aktiven zum Jugendturnier.

Es ist Zeit für große Namen im kleinen Stemwede: Wo sonst am Dorfrand zwischen Schulzentrum und Ackerweiden Kreisliga-Fußball gespielt wird, ist heute Prominenz aus dem In- und Ausland am Start. Der HSV und Kopenhagen spielen das erste Halbfinale, das zweite wenig später Red Bull Brasil und der SV Rödinghausen, das Überraschungsteam aus der Region, das zuvor Liverpool, Istanbul und Stuttgart hinter sich gelassen hat. Und nicht nur die Klubs in Stemwede sind an diesem sonnigen Finaltag namhaft.

Stadionsprecher: "Wir sehen im Tor mit der Nummer eins: Jakob Golz."

Jakob Golz, Sohn einer Vereinslegende: Richard Golz, der über viele Jahre das Tor der Hamburger hütete. Und genau dort will auch Jakob hin, wie sein Vater – vom HSV-Nachwuchs zu den Profis.

Erst Stemwede, dann Nationalmannschaft

Gelungen ist dieser Sprung schon vielen, die in den vergangenen vier Jahrzehnten an dem Nachwuchsturnier in Ostwestfalen teilgenommen haben. Die Veranstalter haben überschlagen: Der Marktwert aller Top-Spieler ergebe über eine Milliarde Euro, mehr als 140 seien später Nationalspieler ihres Landes geworden.

"Alan Shearer, seinerzeit der Spielführer Nationalmannschaft von England, hat mit Southampton gespielt. Marcel Jansen, vielleicht ein junges Beispiel. Viele Bremer Spieler, die jetzt auch in der ersten Mannschaft spielen, Man kann ellenlang aufzählen. Das ist natürlich schön, wenn man sieht, dass hier ein bisschen der Weg in den Profibereich geebnet wurde", freut sich  Wolfgang Rosengarten, einer der Organisatoren der ersten Stunde. Seit damals – 1978 luden die Stemweder zum ersten Mal zu ihrem U19-Cup – habe sich viel getan, erinnert sich Rosengarten. Vor allem: Der Fußball wurde immer professioneller.

"Und die Spieler wachsen ja mit dieser Entwicklung, mit dem Kommerz, der Vermarktung, all diesen Dingen wachsen die auf, auch in ihrem persönlichen Umfeld. Und ist die Aufgabe der Trainer und Vereine, ein Auge darauf zu haben, dass die Spieler am Boden leiben", so Rosengarten.

Eine Aufgabe, die in gewisser Weise auch dem Turnier in der Provinz und seinen Machern gelingt, wie Jens Nowotny findet: "Die machen jetzt nicht vor jeder Mannschaft den Diener. Und ich glaube, dass das ein ganz wichtiger Punkt sein kann, um zu zeigen: Junge, Fußball, ja, Du bist auch bei 'ner tollen Mannschaft. Aber guck Dir mal an, was wir auf die Beine stellen, damit Du guten Fußball spielen kannst."

Berater für Teenager

 Vom Vereinsheim aus, wenige Meter vom Spielfeldrand entfernt, schaut der Ex-Profi zu. Nowotny spielte für Karlsruhe, Leverkusen und die deutsche Nationalmannschaft, wurde 2006 Vize-Weltmeister. Seit einigen Jahren arbeitet er als Spielerberater – und ist Botschafter des Turniers. Doch nach Ostwestfalen komme er vor allem als Fan, betont er: "Weil: Spielerberatung in dem Alter – wenn man nicht schon 'nen Spieler hat, den man beraten kann, ist es schon fast durch. Weil von den Jungs, den großen Klubs: Die haben schon alle ihre Berater so zwei, drei Jahre. Locker."

Talentscouts nehmen heute schon 12- und 13-Jährige ins Visier. Immer wieder machen große Klubs wie der FC Barcelona Schlagzeilen, wenn sie so junge Kinder unter Vertrag nehmen.

Auch Nowotny wechselte als 16-Jähriger zum Nachwuchs eines Bundesligisten, des KSC. Seine eigene Sozialisation sei dennoch eine andere gewesen, die Fußballwelt damals eine heilere, sagt der 43-Jährige: "Die Jungs hier trainieren, sieben-, acht-, neunmal die Woche. Plus Schule. Plus Erwachsenwerden. Plus Führerschein. Plus, was man alles als Normaljunge so erlebt. Das ist schon enorm, was da gefordert wird.

Wenn der Traum platzt

Doch nur den wenigsten gelinge der Sprung zu den Profis – auch von denen, die gerade in Stemwede vor seinen Augen aufliefen: "Die Jungs, die hier spielen, sehen ja bloß die von der Generation davor, die Spieler die es geschafft haben. Von denen sieht jeder einen Mario Götze, der durchgestartet ist von der Jugend, Profi und dann zur Nationalmannschaft - und dann auch noch das entscheidende Tor geschossen bei der WM."

Keiner sehe diejenigen, deren Traum vom Leben als Fußballprofi eines Tages platze. Damit umzugehen, sich um die jungen Spieler zu kümmern – diese Verantwortung übernähmen weder Vereine noch Verbände. Und auch nicht Spielerberater wie er selbst, räumt Nowotny selbstkritisch ein.

Auch in Stemwede geht es an diesem Tag nicht um geplatzte Träume. Die Spieler kämpfen um den vielleicht letzten Titel einer langen Saison. So wie Jakob Golz, der gegen Kopenhagen zwei Elfmeter hält und seiner Mannschaft damit den Finaleinzug ermöglicht – wo der HSV dann allerdings gegen RB Brasil verliert, wieder im Elfmeterschießen.    

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