Montag, 30. Januar 2023

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Jugendkriminalität
"Ungeklärte Perspektiven sind ein Risikofaktor"

Laut einer Studie werden bestimmte Flüchtlingsgruppen häufiger gewalttätig. Das Ergebnis sei keine völlige Überraschung, aber dennoch bemerkenswert, sagte Albrecht Lüter, Leiter der Berliner Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention im Dlf. Bei unbegleiteten Minderjährigen sei es wichtig, einen Ersatz zur elterlichen Erziehung anzubieten.

Albrecht Lüter im Gespräch mit Irene Geuer | 04.01.2018

    Drei Jugendliche gehen einen Flur entlang. Sie sind von hinten zu sehen.
    Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind nicht überall willkommen. Diese hier haben in Baden-Württemberg eine Bleibe gefunden. (dpa / Uli Deck)
    Irene Geuer: Eine neue Studie über Jugend- und Flüchtlingskriminalität gibt uns zu denken. Diese Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, an der auch der Kriminologe Christian Pfeiffer mitgewirkt hat, untersuchte die Gewaltstraftaten, die bei der Polizei in Niedersachsen 2014 und 2015 registriert wurden. Erste Erkenntnis, eine Zunahme der Gewaltkriminalität um 10,4 Prozent. Und die Analyse der aufgeklärten Straftaten zeigt, dass der Anstieg insbesondere Flüchtlingen zuzurechnen ist. Die Studie liefert Zahlen und auch Vorschläge, die Situation zu verbessern. Und das will diskutiert werden. Ich habe deshalb vor unserer Sendung mit Albrecht Lüter gesprochen, von der Camino Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich – ansässig in Berlin, wo sich viel mit Gewaltprävention und Jugend beschäftigt wird. Herr Lüter, hat Sie das Ergebnis der Studie überrascht?
    Albrecht Lüter: Nur teilweise. Als Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention, die vom Land Berlin gefördert wird, führen wir selbst jährlich ein sogenanntes Monitoring Jugendgewaltdelinquenz durch, das heißt, wir beobachten die Entwicklung von Jugendgewalt, von Jugendkriminalität in Berlin im Zeitverlauf und haben bereits in unserer letzten Ausgabe, die eben auch das Jahr 2016 im Fokus hat, diesen Anstieg festgestellt, der einen langjährigen rückläufigen Trend jetzt zunächst mal etwas abfedert. Wir haben auch kontrolliert die Belastung von Jugendlichen mit unsicherem Aufenthaltsstatus und haben da ebenfalls festgestellt, dass im Bereich, beispielsweise der sogenannten Rohheitsdelikte und der Gewaltkriminalität, diese Gruppe etwas stärker belastet ist. Insofern keine völlige Überraschung, aber im Hinblick auf die Forschung zur Jugendgewaltdelinquenz ist dennoch diese gewisse Veränderung nichtsdestotrotz bemerkenswert und Herr Pfeiffer bestätigt das jetzt noch mal eindrücklich.
    Übrigens gar nicht nur auf den Bereich der Flüchtlinge bezogen, er berücksichtigt auch zahlreiche andere Aspekte, und ich finde es wichtig, weil die Wahrnehmung der Studie sich so auf diesen Aspekt Flucht und Zuwanderung fokussiert, dass wir im Bereich der Jugendkriminalität auch noch eine andere gegenläufige Entwicklung haben, auf die Herr Pfeiffer auch hinweist, nämlich den ganzen Bereich der Onlinegewalt, also nicht der physischen Gewalt, der Körperverletzung, sondern des Cybermobbings. Auch hier haben wir in den letzten Jahren, ganz unabhängig von den Geflüchteten, Zuwächse, die bisher noch gar nicht ausreichend im Fokus stehen.
    "Strukturen geben Jugendlichen eine bestimmte Ordnung"
    Geuer: Womit man ja auch dann denken könnte, dass die Gewalt sich bei den hier schon länger lebenden Jugendlichen einfach in ein anderes Feld bewegt hat. Die Studie sagt aber, wenn wir mal bei der körperlichen Gewalt bleiben, dass weniger von dieser Gewalt bei den hier länger lebenden Jugendlichen passiert, weil sie weniger Gewalterfahrung haben und mehr Liebe erfahren. Kann man das auf jugendliche Flüchtlinge aus Afrika zum Beispiel übersetzen?
    Lüter: Es ist bekannt, dass die Gewalterfahrung in der Erziehung, also Gewalt durch Eltern, in der Kinder und Jugendliche Opfererfahrungen machen, eine der stärksten Erklärungsfaktoren für Jugendgewalt ist, und insofern Veränderung der Erziehungsstile im langen Zeitverlauf in Deutschland ist ein wichtiger Aspekt. Wenn wir das jetzt beziehen auf die hier hergekommen Neueinwanderer, dann müssten wir uns vielleicht Gedanken machen über Erziehungsstile in den arabischen Ländern. Das ist aber ein sehr, sehr kompliziertes Feld, das man so in der Kürze, glaube ich, auch nicht erschöpfend behandeln kann. Wichtig ist möglicherweise die Gewalterfahrung, die die Jugendlichen jetzt auf ihrem Weg hierher gemacht haben. Auf der anderen Seite die Frage des stützenden Umfeldes, gerade wenn wir von unbegleiteten Minderjährigen sprechen, dann ist die Rolle der elterlichen Autorität, sei sie positiv oder negativ, natürlich erst mal außer Kraft gesetzt.
    Gerade das ist oft eine besondere Risikosituation, weil Strukturen den Jugendlichen eine bestimmte Ordnung geben, eine bestimmte Unterstützung, eine bestimmte Orientierung dann wegfallen. Das heißt, die Prävention ist hier gefordert, Alternativen überhaupt zu so einer elterlichen Erziehung anzubieten. Das bedeutet verlässliche Bindungen, stabile Bezugspersonen in Einrichtungen, in der Jugendhilfe, möglicherweise aber auch in Form von Sportangeboten, um dieses Vakuum, in dem sich die jungen Menschen befinden, etwas aufzufangen.
    Ein junger Mann hebt seine geballte Faust target=
    Bestimmte Flüchtlingsgruppen laut Studie häufiger gewalttätig
    Die Zahlen kommen aus Niedersachsen, der Auftrag vom Bundesfamilienministerium, die Studie von Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem. Sie haben die Entwicklung der Gewaltkriminalität in Niedersachsen untersucht und festgestellt: Bestimmte Flüchtlingsgruppen werden häufiger gewalttätig, als der Rest der Bevölkerung. Allerdings lohnt es, die Zahlen genau anzuschauen.
    "Müssen diese Jugendlichen hier qualifizieren"
    Geuer: Die Studie sagt ja auch, dass abgewiesene Flüchtlinge hier eher Straftaten begehen, und da wird der Vorschlag gemacht, diese doch in der ihnen verbleibenden Zeit sie weiterzubilden für die Tourismusbranche, damit sie in ihrem Land dann in dieser Branche arbeiten können. Was sagen Sie zu solchen Lösungsvorschlägen?
    Lüter: Ich finde erst mal wichtig für die Debatte um Kriminalität von Flüchtlingen, dass Herr Pfeiffer einige erklärende Faktoren beibringt. Das ist durchaus ein sinnvoller Beitrag zur Versachlichung der Diskussion. Dazu gehört die hohe Anzeigebereitschaft, die er in den Vordergrund bringt, die sozusagen die Kriminalität, die wir im Hellfeld überhaupt beobachten können, um das Doppelte gegenüber Herkunftsdeutschen erhöht. Dazu gehört auch die überproportionale Vertretung von männlichen Jugendlichen, die auch unter Herkunftsdeutschen ein enorm erhöhtes Risiko haben, Gewalttaten zu begehen und noch verschiedene andere Faktoren und eben auch die Frage der Perspektiven, und auch da spricht er natürlich einen sehr wichtigen Punkt an: Ungeklärte Perspektiven, leere Zeit, die nicht genutzt werden kann, wir kennen das in Deutschland vor allen Dingen aus der Frage der Schulabbrecher. Das ist ein Risikofaktor, das macht auch anfälliger für Ansprachen der Kleinkriminalität, und insofern ist es enorm wichtig, die Zeit, die die Jugendlichen hier, mit welchem Ende auch immer, verbringen, zu nutzen, um ihnen konkrete Angebote zu machen. Das können einfach auch Angebote sein zur strukturierten Freizeitgestaltung, also haltende Netzwerke, die sie vom Abrutschen in die Kriminalität schützen, aber auch Qualifizierungsangebote.
    Da sind auch die gesamten Systeme der Berufsorientierung, der Schule, auch der Jugendhilfe gefordert, solche Angebote zu machen. Die andere Frage ist allerdings, ob Herr Pfeiffer die Chancen, die diesen Jugendlichen sich in den Rückkehrländern, also jetzt sprechen wir vom Maghreb, bieten, nicht etwas überschätzt. Die ganze Umwälzung des arabischen und auch nordafrikanischen Raums, die mit dem Arabischen Frühling begonnen hat, ging ja nicht zuletzt zurück auf die Aufstände von jungen Männern, jungen Menschen, die wenig Perspektiven in ihren Heimatländern haben. Ich persönlich denke also, das ist der richtige Schritt, wir müssen diese Jugendlichen hier qualifizieren und ihnen etwas anbieten, ihnen etwas mitgeben, die Frage auch der Rückführung humanitärer gestalten. Ob damit das Problem des Migrationsdrucks wirklich gelöst ist und tatsächlich mittelfristig Perspektiven in diesen Rückkehrländern entstehen, das steht, glaube ich, noch mal auf einem ganz anderen Blatt und ist tatsächlich wahrscheinlich eine Aufgabe für Jahrzehnte, diesen Ländern Entwicklungsperspektiven anzubieten.
    Jugendliche Flüchtlinge sitzen an einem Tisch target=
    Pfeiffer: "Wir müssen alles tun, damit sie aus der Falle rauskommen"
    Als Mittel gegen Gewalttaten von Flüchtlingen fordert der Kriminologe Christian Pfeiffer ein freiwilliges Rückkehrerprogramm für abgelehnte Asylbewerber. Die Ausweisung sei ein extrem mühsamer Weg, daher lohnten sich solche Investitionen zur Kriminalitätsprävention, sagte Mitautor Christian Pfeiffer im Dlf.
    "Einwanderungsgesetz ist eher etwas für hoch qualifizierte Gruppen"
    Geuer: Ganz oben bei den Vorschlägen, was man tun sollte, steht in dieser Studie die Forderung nach einem Einwanderungsgesetz. Ist damit vielleicht mehr gelöst als das, was wir bis jetzt gelöst haben?
    Lüter: Grundsätzlich ist sicherlich die Frage der strukturierten Regulierung der Arbeitsmigration nach Deutschland eine sinnvolle Perspektive. Allerdings, Herr Pfeiffer argumentiert ein bisschen so, dass es gerade mit Blick auf diese Jugendlichen Anreize geben könnte, auch eben diese Zeit hier zu nutzen, um ihre Chance, auch bleiben zu dürfen, zu erhöhen. Klassisch ist ein Einwanderungsgesetz eher etwas, was sich auf hoch qualifizierte Gruppen, die dem Arbeitsmarkt auch wirklich Kompetenzen anzubieten haben, richtet, wie wir es beispielsweise aus Kanada kennen, wo Punktesysteme dann entwickelt werden. Diese jungen Flüchtlinge sind ja oft nicht qualifiziert für den Arbeitsmarkt. Ich denke insofern, dass man an der Stelle die Effekte hier auch nicht überschätzen sollte.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.