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Jugendschutz-Bericht
Sorglos im Netz unterwegs

Chatten, Bilder teilen oder daddeln - die meisten Jugendlichen sind in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Instagram aktiv. Doch läuft die Mediennutzung nicht immer harmlos ab. Laut Jahresbericht "Jugendschutz im Netz" wurden im vergangenen Jahr fast 8.000 Verstöße registriert. Minderjährige veröffentlichen zum Teil selbst Bilder und Texte, die Jugendschützer alarmieren.

Von Verena Kemna | 13.05.2015
    Eine 13-jährige Jugendliche spieltauf ihrem Smartphone das Spiel "Candy Crush".
    Immer mehr Jugendliche surfen mobil im Internet. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
    Rennen, spielen, bauen, der Abenteuerspielplatz liegt versteckt zwischen mehrstöckigen Altbauten im Berliner Stadtteil Wilmersdorf. Der Erzieher Lennart Taddiken sitzt mit einigen Kindern auf einer Holzbank. Die meisten kommen jeden Tag in das Jugendzentrum Spirale. Sie essen hier, treffen ihre Freunde. Wir helfen den Sechs- bis Zwölfjährigen auch bei den Hausaufgaben, erzählt Lennart Taddiken.
    "Wir haben zweimal in der Woche ein Lerncafé, wo die Kinder sowohl Hausaufgaben machen können, sie dürfen aber auch im Internet mal gewisse Sachen machen."
    Jojo, elf Jahre alt, sitzt neben ihm. Er kennt das Angebot der Internetplattform YouNow ziemlich genau, dabei ist der Zugang erst ab 13 Jahren offiziell gestattet. Ob im Kinderzimmer, auf der Straße oder in der Schule, mit jedem gewöhnlichen Smartphone können Filme live ins Internet übertragen werden. Vor allem Kinder und Jugendliche geben freimütig Alter und Adresse preis. An Mobbing durch Gleichaltrige und sexuelle Belästigung durch Erwachsene denken sie dabei nicht. Der elfjährige Jojo: "Eine Freundin von mir nutzt das immer, die streamt auch öfters und manche fragen dann auch, wie alt bist du? Da muss sie manchmal ein bisschen lügen, sie ist elf Jahre alt und sie hat Angst, dass sie Ärger bekommt."
    Immer wieder neue Trends für Jugendliche im Internet
    Lennart Taddiken schüttelt den Kopf. Für ihn und die anderen Erzieher im Jugendzentrum ist es fast unmöglich, die immer wieder neuen Trends für Jugendliche im Internet zu kennen. Kaum steht Lennart Taddiken vor dem Computerraum, ist er umringt von den Kleinsten.
    "Gibt's Computer? Sechs Jahre alt, nein, es gibt keinen Computer. Gerade bei den ganz Kleinen und dass finde ich schon ein bisschen grenzwertig. Die kommen hier an und wollen sofort in diesen multimedialen Bereich obwohl es hier nun wirklich viele Möglichkeiten gibt. Das sehe ich als bedenklich an, wenn Kinder in dem Alter nur noch vor dem Computer sitzen oder nur noch irgendwelche Spiele spielen wollen."
    Fast 8.000 Verstöße gegen den Jugendschutz wurden im vergangenen Jahr registriert. Nur die wenigsten, nicht einmal 20 Prozent, fanden sich auf deutschen Servern. Bei den meisten Verstößen geht es um Pornografie, extremistische Inhalte und Missbrauchsdarstellungen von Kindern, erklärt Friedemann Schindler von jugendschutz.net. Die Einrichtung der Jugendministerien der Länder beobachtet die Einhaltung des Jugendschutzes im Internet. Der Trend zeigt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche mobil im Internet surfen.
    "Dass momentan die Entwicklung des Netzes schneller voran schreitet als die Konzepte das 'jugendschutzkonform' zu gestalten und da brauche wir ein anderes Denken, dass schon bei der Entwicklung von solchen Formaten wie YouNow überlegt wird, welche Jugendschutzprobleme könnten da auftreten und wie kann ich dagegen steuern und wie kann ich die Sicherheit in das Produkt schon einbauen."
    Freiwillige Selbstkontrolle
    Immer mehr Anbieter schließen sich dem Verein der Freiwilligen Selbstkontrolle an. Es sei eine Herausforderung, die Selbstkontrolleinrichtungen langfristig auch auf europäischer Ebene zu vernetzen. Gerade Anbieter wie Google, Facebook und Apple seien an sicheren Produkten interessiert, erklärt Friedemann Schindler.
    "Gerade im letzten Jahr hat auch die Diskussion angefangen, dass die großen Plattformbetreiber wie Google oder Facebook, sich Gedanken darüber machen, dass sie eigene Kinderprodukte anbieten, also da gibt es schon Bewegung."
    Auch Siegfried Schneider, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten fordert, dass die Freiwillige Selbstkontrolle gestärkt wird.
    "Das bietet die Chance, dass wir einen Ansprechpartner haben, aber, dass internationale Unternehmen auch Ansprechpartner in Deutschland haben, die sie beraten können. Jedes Land hat ja auch bestimmte Ansprüche an den Jugendschutz, der nicht identisch in jedem Land ist. Ich muss als amerikanisches Unternehmen auch wissen, was in Deutschland, was in Europa an Ansprüchen formuliert ist. Da ist gerade die Arbeit der Selbstkontrolle für mich ganz entscheidend."
    Er fordert nicht nur besseren Jugendschutz im Internet, sondern auch mehr Aufklärung für Eltern, Lehrer und Schüler.