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StartseiteMusikjournalWiederentdeckung mit Wucht23.08.2021

Jugendwerk von MussorgskyWiederentdeckung mit Wucht

162 Jahre lang schlummerte der "Marsch des Schamil" in einer Bibliothek. Nun wurde das Jugendwerk von Modest Mussorgsky rekonstruiert und in Moskau uraufgeführt. Brisant ist das Thema des Stückes: Es geht um einen Imam, der gegen die russischen Eroberer kämpfte.

Von Anastassia Boutsko

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Der russische Komponist Modest Petrowitsch Mussorgski, 21. März 1839 in Karewo geboren, am 28. März 1881 in Petersburg verstorben, schwarz-weiß-Aufnahme (dpa/picture alliance/)
Modest Mussorgsky wurde 1839 im Nordwesten Russlands geboren. (dpa/picture alliance/)
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Mussorgsky war wahrlich ein Weltmeister unter den Komponisten, was die schusselige Behandlung des eigenen genialischen Schaffens anbelangt. In seinem kurzen (er wurde nur 42), von Alkoholismus geprägten Leben ließ der wohl eigentümlichste der russischen Komponisten so einiges halbfertig und unvollendet. Auch einige seiner zentralen Werke – wie etwa das grandiose Operngemälde "Chowanschtschina" – überlebten nur dank einer mehr oder minder willkürlichen Rekonstruktion durch andere Komponisten, vor allem durch Mussorgskys Freund Rimsky-Korsakow.

Unvollendetes Werk

Vieles blieb dennoch auf der Strecke. Darunter der knapp 6-minütige "Marsch des Schamil" für Tenor, Bass, Chor und – wahrscheinlich – Orchester. Erhalten ist nur die Klavierfassung. Die Moskauer Musikwissenschaftlerinnen Anna Winogradowa und Antonina Lebedewa haben das Manuskript gesichtet und rekonstruiert.

"Dass ein unvollendetes Werk von Mussorgsky in der öffentlichen Publitschnaja-Bibliothek in Sankt Petersburg liegt, wussten Musikwissenschaftler bereits in den 1930er Jahren. Unter anderem wurde es von Andrej Rimsky-Korsakow, dem Sohn des Komponisten und Mussorgsky-Forscher, erwähnt. Es wurde aber nicht publiziert und erst recht nie aufgeführt. Also hatten wir keine Ahnung, wie es klingen kann."

Während die Musik fast komplett überliefert war (es fehlen lediglich die ersten zwei Seiten des Manuskripts), bedurfte der Text, von Mussorgsky nur skizziert, einer sorgfältigen Rekonstruktion und Anpassung an die Musik. Im ersten Teil des Chores wird die Zeile "Lja, lja khi il Allala" gesungen – so hat Mussorgsky phonetisch das muslimisch Glaubensbekenntnis interpretiert.

Die jungen Sänger der Moskauer Popow-Chorakademie unter Denis Khramov studierten den Chor ein und gestalteten die Uraufführung des 1859 entstandenen Werks vor kurzem in Moskau – vor einem kleinen Kreis interessierter Wissenschaftler im schönen Saal des Instituts für Kunstforschung. 
Der zweite Teil wird von den Ausrufen "Imam berejscheker!" eingeleitet – was wohl als "Der rechtgläubige Imam!" zu übersetzen ist, ebenso als phonetische Wahrnehmung von Mussorgsky.

Auseinandersetzung mit dem Islam

Der dritte Teil des Chores ist eine etwas variierte Wiederholung des Anfangs. Warum jedoch hat sich der damals gerade 20-jährige Mussorgsky im Jahr 1859 überhaupt mit dem Thema Islam auseinandergesetzt, und woher kommt der Titel "Marsch des Schamil"? 

Die Geschichte ist spannend. Antonina Lebedewa berichtet:

"Folgende historische Ereignisse sind zu beachten: 1859 ging der Krim-Krieg mit der Festnahme des Imam Schamil endgültig zu Ende. Jahrzehntelang hatte Imam Schamil den Widerstand gegen die russische Eroberung des Nordostkaukasus angeführt. Sein Mut war legendär, bis heute wird Schamil als Held verehrt, kaukasische Völker streiten sich, zu welcher Nationalität er gehörte. War Schamil ein Ossete, Dagestaner oder Aware? Auf jeden Fall war Imam Schamil der große Führer aller Bergvölker."

Schamil faszinierte – und zwar nicht nur seine Mitstreiter im Nordkaukasus, sondern auch seine Gegner. Er wird nach St. Petersburg geholt und dort mit Zeichen der Anerkennung regelrecht überschüttet. Schamil wird von Mitgliedern der Zarenfamilie empfangen, er besucht Theater und sogar das Ballett, seine Söhne werden in das privilegierte Lyzeum am Zarenhof aufgenommen. Ausführlich berichtet die Presse über jeden Schritt Schamils. Sein Portrait – mit markantem Gesicht, rot gefärbtem Bart, Kopfbedeckung aus schwarzem Schafsfell – ist in jedem Fotogeschäft zu erwerben.

Faszination für Imam Schamil

Auch der junge Offizier Modest Mussorgsky, der gerade das Preobraschenskij-Garderegiment verlassen hat, um sich dem Komponieren zu widmen, ist begeistert.

Offensichtlich handelt es sich bei Mussorgskys Stück um einen Chor der Gefolgsleute von Schamil, die ihren Anführer preisen. Ob Mussorgsky angedacht hatte, ein größeres Werk, etwa eine Kantate oder gar eine Oper über Schamil zu schreiben? Diese Vermutung würde zu weit greifen, meint die Musikforscherin Lebedewa. Klar ist für sie aber: Der junge Komponist suchte nach Stoffen und war schon zu diesem Zeitpunkt an starken, widersprüchlichen Figuren und religiösen Themen interessiert – was sich in seinem weiteren Schaffen fortsetzen sollte. Sie zählt auf:


"'Sin-ahhe-eriba' und 'Josua, der Sohn Nuns' – so heißen die nächsten Werke Mussorgskys, seine großen und ebenso selten gesungenen Chöre zu biblischen Sujets. Dann folgt 'Salambo', Held der gleichnamigen und ebenso unvollendeten Oper über den Anführer eines Söldneraufstandes in Karthago. Und dann zeichnen sich schon Figuren von Fürst Chowanskij und von Zar Boris ab. Auch in der Melodik des 'Schamil' und in den langsamen Harmonie-Wechseln sind schon Anklänge an die großen Volkschöre von 'Boris Godunow' und 'Chowanschtschina' herauszuhören."

Zur Zeit arbeitet ein junger russischer Komponist an einer Orchesterfassung des Werks. Eine Aufführung könnte Ende des Jahres stattfinden.

Entdeckerin Antonina Lebedewa ist sicher: "Schamil" ist viel mehr als eine Rarität. Es gehört ins Repertoire und muss von einem breiten Publikum wahrgenommen werden.

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