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Julian Assanges und der globale Datenklau

Zwar zog sich Julian Assange zurück, als er wahrnahm, dass er nicht Maßstab aller Dinge werden würde. Dennoch beschert er Alex Gibneys Dokumentarfilm die stärksten Momente, der sonst zu sehr versucht, einfache Antworten zu finden.

Von Josef Schnelle | 07.07.2013

    "Sehen Sie, jeder hat Geheimnisse. Einige der Dinge, die ein Staat tun muss, um seine Menschen sicher und frei zu halten müssen geheim bleiben, damit sie erfolgreich sind. Wenn sie allgemein bekannt sind, können sie ihre Arbeit nicht mehr machen. Um es jetzt ganz klar zu sagen. Wir stehlen Geheimnisse, wir stehlen die Geheimnisse anderer Nationen. Das kann man nicht über eine lange Zeit erfolgreich machen."

    Michael Hayden muss es wissen. Er war von 1999 bis 2005 Direktor des militärischen Nachrichtendienstes NSA, der durch seine digitalen Ausspähungspraktiken in den letzten Wochen ins Gerede gekommen ist. Und von 2006 bis 2009 Direktor der CIA, die auch nicht gerade dafür bekannt ist, mit Samthandschuhen zu ermitteln. Nach diesem Zitat hat Alex Gibney gleich seinen ganzen Dokumentarfilm über die Geschichte von Wikileaks und Julian Assange benannt.

    In einem kommentierten Transkript des Filmdrehbuchs beklagt Julian Assange gleich zu Beginn, dieser Titel sei irreführend, weil er und insbesondere Wikileaks eine solche Aussage nie geäußert haben. Neben vielen Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten benennt der in der ecuadorianischen Botschaft in London festsitzende berühmteste Geheimnisverräter der Welt damit eigentlich das Grundproblem des Films. Gibney kann sich nicht so recht entscheiden, ob er ein Film über die Geheimpraktiken der US-Regierung drehen will oder einen über die Erfindung und den Aufstieg Julian Assanges und der Enthüllungsplattform Wikileaks.

    Gibney ist einer der renommiertesten Dokumentarfilmer in Hollywood, gewann für "Taxi to the Dark-Side" über Folter und Verhörpraktiken der US-Army 2008 einen Oskar. Auch seine Dokumentation "Enron: The Smartest Guy in the Room" wurde vielfach preisgekrönt. Gibney ist ein nimmermüder Enthüllungsjournalist und drehte unter anderem Filme über sexuellen Missbrauch in der amerikanischen katholischen Kirche und über die ungleiche Verteilung des Reichtums in Amerika. Früher, als die Enthüllungen noch in Büchern geschahen, hätte man einen wie ihn einen "Muckraker", einen Schmutzaufwirbler in der Tradition von Upton Sinclair genannt, der mit seinem Tatsachenbericht "Der Dschungel" über die Zustände in Schlachthöfen Chicagos 1906 das Genre des investigativen Romans begründet hatte. Inzwischen zählt nur noch das bewegte Bild, weswegen sich die "Schmutzaufwirbler" von heute eher der Filmkamera bemächtigt haben.

    Bei "We Steal secrets" geriet der Regisseur jedoch in eine Zwickmühle. Er wollte über den Skandal berichten, der sich in der Veröffentlichung von Hunderten von Geheimdokumenten der USA zur Kriegs- und Außenpolitik zeigt, deren spektakulärer Höhepunkt das Video einer erlaubten Tötungsaktion an Zivilisten war.

    Gleichzeitig konnte er nicht umhin, sich auch mit der neuartigen Praktik der Internetseite von Wikileaks im Umgang mit Geheiminformationen zu beschäftigen, die diese ihr zugespielten Dokumente ins Netz stellte und mit großen Zeitungen wie der "New York Times", dem "Guardian" und dem "Spiegel" zusammenarbeitete. Und natürlich spielte der Chef von Wikileaks Julian Assange in dieser Geschichte eine bedeutende Rolle. Anfangs mit an Bord bei diesem Projekt zog sich Assange irgendwann zurück, als klar wurde, dass nicht allein er zum Maßstab aller Dinge im Film werden würde. Trotzdem beschert er dem Film einige seiner beeindruckensten Momente. Der Reporter Mark Davis beobachtete Assanges ersten großen Auftritt.

    "Er ging hinaus wie ein ewiger Student und nach 50 Metern war er plötzlich ein Rockstar, einer der berühmtesten Menschen auf der ganzen Erde."

    Julian Assange und seine Mitstreiter haben die Enthüllung von Geheimdienstinformationen im Internet hoffähig gemacht. Das Thema ist eigentlich zu groß für einen einzigen Dokumentarfilm und daran scheitert er auch, so interessant einzelne Aspekte auch sind. Alex Gibney zeigt sich mehrfach der Komplexität des Themas nicht gewachsen. Wer sind die Bösen in diesem Spiel und warum sind sie es? Sind die Guten von Wikileaks nur gut oder auch ein bisschen dubios? Ist der Geheimnisverrat eine gute Tat oder auch ein neues Geschäftsmodell? Der Film bemüht sich zu sehr, einfache Antworten auf diese Fragen zu finden und biete außer "Talking Heads" und öffentlichen Dokumenten auch visuell kaum Neues.

    Nachts im Fernsehen kann man so einen Film gut anschauen. Ausgesprochene Kinoqualitäten entwickelt er jedoch nicht.