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StartseiteKultur heuteTexte über Seelenbefindlichkeiten 11.05.2014

Junge deutsche LiteraturTexte über Seelenbefindlichkeiten

An der Volksbühne in Berlin wurde über die vermeintliche Schwäche der jungen deutschsprachigen Literatur diskutiert. Nach zwei äußerst konfliktfreien Diskussionsabenden stellt Cornelius Wüllenkemper fest, dass es in Deutschland offenbar an strittigen Themen fehlt und der Literaturmarkt einem elitären Paralleluniversum gleicht.

Von Cornelius Wüllenkemper

Berliner Schaubühne am Lehniner Platz (AP Archiv)
Nach zwei Diskussionsabenden über die Trägheit der jungen deutschen Literatur kann festgehalten werden: Literatur kann politisch wirken, auch wenn sie ein genuin unpolitisches Thema hat. (AP Archiv)
Weiterführende Information

"Mehr Mut, mehr Fantasie!" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 09.05.2014)

Florian Kessler wurde als Sohn einer Gymnasiallehrerin und eines Neurologieprofessors geboren. Mit 21 Jahren begann er, in Hildesheim den Studiengang "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus" zu belegen. Er übte also durchaus Selbstkritik als er unlängst monierte, die Söhne und Töchter des Bildungsbürgertums brächten ausschließlich formierte, langweile Literatur hervor, die sich um sich selbst drehe. Wer die letzten Jahrgänge des Open Mike-Wettbewerbs für Jungautoren in Berlin miterlebte, findet das bestätigt: Ordentlich gekämmte 20-Jährige tragen hier in perfekter Diktion Texte über Seelenbefindlichkeiten und post-materialistischen Ennui vor. Thomas Urban, der vor drei Jahren in seinem Erstlingswerk "Plan D" von einer DDR im Jahre 2011 erzählte, hatte dafür auf dem Berliner Podium eine einleuchtende Erklärung.

"Wir leben ja zum Glück zur Abwechslung mal nicht in einer Diktatur in Deutschland und leben in einer relativ liberalen Gesellschaft. Wenn man das mal global vergleicht, haben einen, wie ich finde, ziemlich gut funktionierenden Rechtsstaat. Das ist eben auch ein ziemlich geringer Leidensdruck."

Es kam nur wenig Spannung auf

Die zwei Diskussionsabende trugen den bemerkenswerten Titel "Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren". Keinerlei Subversion oder politische Agitation weit und breit. Aber wer will die überhaupt noch lesen, wenn das literarische Milieu, von Christian Kracht über Julie Zeh bis hin zu Benjamin von Stuckrad-Barre ausschließlich der Gesellschaftsklasse angehört, der es zu gut geht, um sich zu entrüsten? Zwischen Olga Grjasnowa, Nora Bossong und Simon Urban kam auf dem Podium in der Volksbühne wenn überhaupt nur äußerst wenig Spannung auf. Der Autor und Literaturwissenschaftler Thomas Klupp raffte sich wenigstens dazu auf, an seinen Kollegen zu kritisieren....

"...dass sich alles immer noch praktisch historisch auf die zwei großen Komplexe Totalitarismus im Dritten Reich und quasi in der DDR abarbeitet. Das macht mich wahnsinnig müde! Und deswegen habe ich bei Politischer Literatur als erstes immer dieses Ideologische im Kopf. Ich finde das voll blöd, und denke, das müsste eigentlich viel gegenwartsgesättigtere Dinge geben."

Gute Literatur kann Warnehmung verschieben

Klupp verstieg sich im Verlauf der bierseligen Diskussion zu der gewagten These, dass es nun einmal statistisch bewiesen sei, dass Menschen aus dem sozial schwachen Milieu nicht schreiben könnten. Das war in den Hallen der Ost-Berliner Volksbühne wenigstens eine gelungene Provokation.

ber haben wir den politischen Gegenwartsroman nach Heinrich Böll und Günther Grass nicht sowieso längst freiwillig abgeschafft? Und geht es bei Literatur nicht per Definition mehr um Sprache und ihre subversive Energie als um bloße Inhalte? Der Suhrkamp-Lektor Lars Claßen ist davon überzeugt, "dass gute Literatur es schon vermag, Verschiebungen vorzunehmen in den Wahrnehmungen, im Denken, in der Überzeugung. Und das ist durchaus ein subversives Potenzial, das die Literatur haben kann. Und das ist ein Kriterium zum Beispiel. Es spielt aber erst mal keine Rolle, was für einen Stoff sich der Text annimmt."

Einträchtige Diskussion über Selbstverständlichkeiten

Die Agentin Julia Eichhorn bestätigte, dass auch für sie die "Dringlichkeit des Erzählens" und die literarische Qualität eines Textes entscheidend seien. Wie dieser dann dem Verlag und später dem Leser präsentiert und verkauft werde, stehe auf einem anderen Blatt. Literatur-Kritiker Ijoma Mangold gab zu bedenken:

"Es ist sehr viel leichter, einen Roman dadurch zu charakterisieren, dass man sagt: Oh, er berührt ein heikles Thema dieser Gesellschaft! Da brauchen sie vier Begriffe, und jeder weiß: Ah darum geht's, den Roman lese ich! Wenn sie allerdings sagen: Enorm, wie der plötzlich mit Adjektiven arbeitet und dadurch so eine ganz vage Sinnlichkeit. Das ist sehr sehr schwierig!"

Nach zwei äußerst konfliktfreien Diskussionsabenden über die Trägheit der jungen deutschen Literatur kann festgehalten werden: Literatur kann politisch wirken, auch wenn sie ein genuin unpolitisches Thema hat. Vielleicht beweist gerade die einträchtige Diskussion über derartige Selbstverständlichkeiten, dass es in Deutschland womöglich an strittigen Themen fehlt und der Literaturmarkt zusehends einem elitären Paralleluniversum gleicht.

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