Mittwoch, 07. Dezember 2022

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Juristen nach dem Studium
Nur die Besten haben es leicht

Die Branche der Juristen ist laut Deutschem Anwaltsverein relativ konjunktur- und saisonunabhängig. Die Jobsuche scheint aber schwieriger zu werden, zumindest für Berufsanfänger. Von den arbeitslosen Juristen sind fast 60 Prozent unter 35 Jahre alt.

Von Stephanie Kowalewski | 17.07.2015

    Eine Lupe zeigt Paragrafen Paragraphen Zeichen.
    Auch bei den Juristen müssen Berufseinsteiger Jobs mit der Lupe suchen. (imago / Jochen Tack)
    Etwas nervös warten die Bewerber im schicken dunklen Anzug oder Kostüm auf ihr Einzelgespräch bei Vertretern einiger großer Anwaltskanzleien. Dort eine Stelle zu finden, ist der Traum vieler Juristen, aber nur die Besten haben da eine Chance, sagt Jurastudent Sven Bertling. "Was man so hört, ist es auch notenabhängig. Das heißt, die Situation ist nicht schlecht, sofern die Note mitspielt. Bei schlechteren Noten, wie ich das bei Freunden mitbekommen hab, kann es dann sehr schwierig sein, an Großkanzleien zu kommen. Das heißt aber nicht, dass es nicht in mittelständischen oder kleineren Kanzleien durchaus möglich ist."
    Der 25-Jährige studiert im elften Semester Jura in Bonn und sucht gerade eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Kanzlei. Auch sowas macht sich bei der späteren Jobsuche sehr gut, weiß er. Stimmt genau, sagt Simon Schmitt, der als Personalberater für Frankfurter Kanzleien immer auf der Suche nach geeignetem Nachwuchs ist. Er weiß, worauf bei der Auswahl neuer Kollegen - neben den Noten – besonders geachtet wird: "Natürlich spielen auch Qualifikationen eine Rolle wie Promotion oder Master, am besten aus dem Ausland, Auslandserfahrung, Englischkenntnisse, natürlich auch Praktika, Nebentätigkeiten. Das sind alles Themen, die eine Rolle spielen, bei der Auswahl von Juristen."
    Und Stefan Heutz, Partner der Kanzlei Kümmerlein in Essen, rät angehenden Juristen, sich nicht nur auf das Studium zu konzentrieren, nicht nur die Noten im Blick zu haben. "Den berühmten Fachidioten mag dann eben doch niemand langfristig haben. Wir suchen Anwaltstypen. Das heißt, sie müssen in der Lage sein, Mandanten zu binden, zu überzeugen. Das ist ein ganz wichtiges Kriterium."
    Doch selbst mit etlichen Zusatzqualifikationen und guten Noten kann es schwierig sein, eine Stelle zu finden. Junge Juristen ströhmen schneller auf den Markt, als alte ausscheiden. Im Durchscnitt sind Anwälte heute um die 50 Jahre alt. Die Folgen bekommt auch Thomas H. (*) zu spüren. Er hat seine beiden Staatsexamen mit voll befriedigend und befriedigend abgelegt, also den Noten, die gewünscht sind - und findet dennoch keine Stelle. Am liebsten würde sich der 31-jährige Jurist in einem Unternehmen um Medienrecht oder den gewerblichen Rechtsschutz kümmern, aber das bleibt vorest wohl nur ein Traum, sagt er. "Es gibt nicht allzuviele Stellen, die tasächlich auch für Berufsanfänger geeignet sind. Also, viele Kanzleien nehmen schon auch Anfänger, aber wenn man jetzt in andere Bereiche möchte, zum Beispiel in Unternehmen oder so, dann siehts zum Beginn erst einmal schlecht aus. Nicht ganz so einfach, wie ich es mir erhofft habe."
    Etliche Bewerbungen an Unternehmen hat er schon verschickt, war auch bei dem ein oder anderen Vorstellungsgespräch, doch bislang ohne Erfolg. Jetzt hat er seine Strategie geändert. "Deswegen ist es wahrscheinlich sinnvoller, erst einmal den Umweg über eine Kanzlei zu gehen. Und vielleicht gefällts einem ja dann auch so gut, dass man da auch bleiben möchte."
    Manche Jurastudenten plädieren derzeit dafür, die Staatsexamen abzuschaffen und stattdessen Bachelor und Master einzuführen. Es sei unnötig, alle als Volljuristen auszubilden, sagen sie, und plädieren für eine frühe Spezialisierung. Wer später Mietrechtsklagen bearbeitet, müsste doch kein Verfassungsrecht pauken. Muss er doch, sagen die anderen, denn Zivil-, Straf- und öffentliches Recht ergänzen sich und sind Teil unserer Rechtsordnung. Dennoch plädieren Arbeitgeber wie Christian Mayer-Gießen, Partner der Kanzlei Graf von Westphalen, für Reformen, aber behutsam. "Das erste Staatsexamen finde ich jedenfalls gut, ob man das zweite Staatsexamen noch machen muss, weiß ich nicht. Man könnte ja drüber nachdenken, dass nach dem ersten Staatsexamen die Rechstanwaltskammer die Ausbildung der Anwälte selber in die Hand nimmt."
    Und Miriam Angelstorf findet, dass das Staatsexamen nicht das Problem ist, sondern die mangelnde Unterstützung der Studierenden durch die Hochschulen. Das hat die 28-Jährige bei ihrem Studium in Australien ganz anders erlebt. "Mal abgesehen davon, dass sie eben ein anderes System haben, eben nicht Staatsexamen, haben die auch ihren Ausbildungsauftrag sehr viel ernster genommen und da war sehr viel mehr Unterstützung als in Deutschland. Da würde ich mir einfach wünschen, dass die Juristen von ihrem sehr hochnäsigen (lacht) Roß mal runterkommen und ja, mehr auf die Bedürfnisse der Studenten eingehen."
    (*Der Name ist der Redaktion bekannt.)