Samstag, 24. Februar 2024

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"Kämpfende Formen"
Franz Marcs Weg in die Abstraktion

Franz Marc hat kurz vor dem Ersten Weltkrieg vermehrt abstrakte Gemälde gemalt. Besonders bekannt: die "Kämpfenden Formen". Ausgehend von dem Bild erschließt eine Schau im Franz-Marc-Museum dessen Spätwerk. Zwischen Apokalypse und Utopie vermitteln die Bilder eine Vorahnung des eigenen Todes – und eröffnen vielfältige Interpretationen.

Von Julian Ignatowitsch | 19.09.2016
    Der deutsche Maler und Grafiker Franz Marc und seine Frau Maria in oberbayerischer Tracht, aufgenommen noch vor 1914. Mitbegründer des "Blauen Reiters" (1911). Sein wichtigstes Thema war das Tier. In der Begegnung mit Macke und Kandinsky und in der Auseinandersetzung mit Kubismus und Delaunay fand Marc zu einem eigenen Stil. Marc wurde am 8. Februar 1880 in München geboren und starb am 4. März 1916 bei der Schlacht um Verdun im Ersten Weltkrieg.
    Der deutsche Maler und Grafiker Franz Marc und seine Frau Maria in oberbayerischer Tracht (picture-alliance / dpa / Karl Schnoerrer)
    Sie winden und biegen sich gegenläufig, ineinander, aufeinander zu. Zwei Farbflächen mit Ecken und Kanten, aber vor allem mit vielen Rundungen: Während die rote Form links nach vorne zu gehen scheint, wie im Angriff, ist es, als ob die dunkelblau-schwarze Form rechts zurückweicht, wie in der Verteidigung.
    Der Titel unterstreicht den Eindruck: "Kämpfende Formen". Es ist eines der letzten Gemälde von Franz Marc, dazu eines seiner abstraktesten. Den Namen wählte Marc erst an der Kriegsfront, wo er 1916 wenig später fiel. Man hat heute gar keine andere Möglichkeit, als dieses Bild historisch zu lesen. Als Vorahnung des Krieges, der Katastrophe, des eigenen Todes.
    Was wird und wurde in diesem abstrakten Farbrausch nicht alles gesehen: Geist und Materie, Mann und Frau, Krieg und Frieden, das Sein und das Nichts. Oder konkreter, im roten Teil: eine Qualle, ein Greifvogel, gar der deutsche Adler mit Kriegskrallen. Und wer von ihm – dem Adler – mal gehört hat, der sieht ihn immer wieder. So kann man endlos assoziieren und spekulieren.
    Und das ist der wesentliche Punkt bei Marcs Weg in die Abstraktion. Er hat genau das bezwecken wollen: die Suche nach Bedeutung. Er verstand das Rot, Blau, Gelb, die dynamischen Formen als Symbole, wie Museumsleiterin Cathrin Klingsöhr-Leroy erklärt:
    "Er selbst hat 1913 an seinen Kollegen Robert Delauney geschrieben: Ich kann Ihnen nicht ganz folgen mit ihren Theorien zur Abstraktion. Für mich gibt es kein Werk, das keinen Inhalt hat. Jedes Werk hat einen Inhalt. Vielleicht sieht jeder Betrachter etwas anderes darin, aber es gibt kein Werk, das keinen Inhalt hat."
    Marc bleibt seinem Kunstverständnis also auch als abstrakter Maler im Spätwerk treu, das bei ihm ja immer noch sehr früh angesiedelt ist. Marc wurde schließlich nur 36 Jahre alt. Er sucht das Wahre, das Ursprüngliche, das Ideale. Dabei gelangte er in seiner malerischen Laufbahn motivisch von den Menschen zu den Tieren zu den Formen.
    Genau diese Entwicklung hat das Franz-Marc-Museum im 100. Todesjahr Marcs mit einer Ausstellungs-Trilogie sehr anschaulich und chronologisch nachvollzogen.
    Ahnungen, wie Marc nach dem Krieg weitergemalt hätte
    Dass dabei wieder ein prototypisches Meisterwerk im Mittelpunkt steht, kann als erfreuliche Alternative zum weitverbreiteten "Masse statt Klasse"-Trend gesehen werden. Und auch, dass den "Kämpfenden Formen" wieder ausgewählte Werke von ganz unterschiedlichen Künstlern zur Seite gestellt werden, funktioniert und zeigt neue Perspektiven auf.
    Besonders beachtenswert sind neben den "Kämpfenden Formen" Zeichnungen aus dem Skizzenbuch, das er im Krieg dabei hatte. Mit Bleistift führt Marc an der Front die fantastischen Bildwelten seiner künstlerischen Hochzeit fort und manchmal blickt er auch zurück auf bekannte Motive: die Pferde, die Natur.
    "Bilder, die auf Distanz gehen zur Realität, also da finden sich keine Kriegsmotive. Es sind teilweise Erinnerungen, das war für ihn ein Rückzugsort, ein Schutz, so wie auch seine utopischen Vorstellungen ein Schutz waren."
    Man kann erahnen, wie Marc nach dem Krieg weitergemalt hätte. Und man blickt gleichzeitig auf die Werke derjenigen, die überlebt haben, denn die hängen direkt daneben. Ernst Ludwig Kirchner oder Max Beckmann malen, vom Krieg traumatisiert, verstümmelte und blutüberströmte Menschen; Paul Klee taucht ins Sinnlich-Naive ab. Marc ist in seinen letzten Zeichnungen sicher näher bei Klee.
    Bilder von Fritz Winter oder Rupprecht Geiger zeigen die künstlerische Auseinandersetzung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, also weitere 30 Jahre später. Marc und der Blaue Reiter sind wichtige Bezugspunkte. Schließlich thematisiert eine Installation der zeitgenössischen Künstlerin Michaela Melián in einem träumerischen Schattenspiel die Freundschaft von Franz Marc und Else Lasker-Schüler.
    Das Franz-Marc-Museum schafft es mit dieser Ausstellung einmal mehr, seinen Hauskünstler aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, unterschiedliche Querverbindungen zu ziehen und eines seiner Schlüsselwerke aufschlussreich zu präsentieren.