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StartseiteKalenderblattKämpferischer Gelehrter02.05.2006

Kämpferischer Gelehrter

Am 2. Mai 1906 wurde Wolfgang Abendroth geboren

Der Marburger Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth war in den 60er und 70er Jahren eine der Leitfiguren des außerparlamentarischen Protests in der Bundesrepublik. Als erklärter Marxist verband er in Aktionskomitees gegen die Aufrüstung und die Notstandsgesetze studentische mit gewerkschaftlichen Milieus. Seine moralische Autorität bezog Abendroth nicht zuletzt aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Vor 100 Jahren wurde Abendroth geboren.

Von Wolfgang Stenke

Die Studentenproteste 1968: Wolfgang Abendroth gehörte zu den gestigen Leitfiguren der Außerparlamentarischen Opposition.  (AP)
Die Studentenproteste 1968: Wolfgang Abendroth gehörte zu den gestigen Leitfiguren der Außerparlamentarischen Opposition. (AP)

"Das Wort hat Herr Professor Abendroth, Marburg"

"Meine Damen und Herren, bei dem Problem, vor dem Sie stehen, handelt es sich um eine verfassungspolitische und nicht um eine unmittelbar verfassungsrechtliche Frage."

Wolfgang Abendroth: Politikwissenschaftler, Staatsrechtler, Widerstandskämpfer, Sozialist. "Partisanenprofessor im Land der Mitläufer" nannte ihn sein Schüler Jürgen Habermas. 1967 lud ihn der Bundestag zum Hearing über die geplanten Notstandsgesetze.

"Wir müssen ja nicht nur mit technischen Problemen hier rechnen, die möglicherweise ein moderner Krieg aufwerfen würde, sondern wir müssen auch mit einer anderen Seite der Dinge rechnen: nämlich mit der Seite des möglichen Missbrauchs."

Ausnahmerechte, so hatte Abendroth in der Weimarer Republik erfahren, höhlen die Demokratie aus. Der am 2. Mai 1906 in Elberfeld geborene Lehrersohn wuchs im Milieu der Sozialdemokratie auf, engagierte sich frühzeitig in sozialistischen und kommunistischen Gruppen. Den Sieg der Nationalsozialisten erlebte Abendroth - damals Gerichtsreferendar - als Niederlage der Arbeiterbewegung. Er wurde aus dem Vorbereitungsdienst entlassen und musste zur Promotion in die Schweiz. Zurück in Deutschland brachte ihn der Widerstand gegen die Nationalsozialisten 1937 für vier Jahre ins Zuchthaus. 1943 wurde Abendroth eingezogen und mit dem Strafbatataillon 999 nach Griechenland geschickt. Dort desertierte er 1944 zu den Partisanen. Erst 1946 entließen ihn die Briten aus der Kriegsgefangenschaft. In der Sowjetischen Besatzungszone konnte der Jurist seine Ausbildung beenden und bekam 1948 eine Professur für öffentliches Recht. Da Abendroth sich der SPD angeschlossen hatte und auch nach der Zwangsvereinigung mit der KPD Sozialdemokrat bleiben wollte, ging er aus Furcht vor Repressalien in den Westen. 1950 wurde er in Marburg Professor für wissenschaftliche Politik. Zur Zeit des Kalten Krieges war Abendroth einer der wenigen Marxisten auf einem bundesdeutschen Lehrstuhl.

Der Politikwissenschaftler Joachim Perels, Herausgeber von Abendroths Schriften:

"Er war weitgehend isoliert. Ein Beispiel dazu: Abendroth ist derjenige, der die Interpretation eines der wichtigsten Grundsätze des Grundgesetzes "Die Bundesrepublik ist ein sozialer Rechtsstaat" ganz wesentlich entwickelt hat. Auf der Staatsrechtslehrertagung 1953, wo dies Thema war, war es unmöglich, dass er ein Hauptreferat hielt, weil man die konservativen ehemaligen Nazis eher reden lassen wollte als den Widerstandskämpfer, der das Dritte Reich überlebt hatte."

Auch die Sozialdemokratie, die nach schweren Wahlniederlagen ihre marxistischen Wurzeln kappte und sich zur Volkspartei wandelte, ließ den Politologen bald links liegen. Als die SPD sich 1961 von ihrem Studentenverband SDS trennte, belegte sie auch die Mitglieder der Fördergesellschaft mit Ausschlussverfahren. Abendroth gehörte zu diesem Kreis. Der "Partisanenprofessor", der die Offenheit des Grundgesetzes auch für eine sozialistische Wirtschaftsordnung betonte und in seinen Seminaren die Herrschaft des Nationalsozialismus thematisierte, wurde in den frühen 60er Jahren zum Mentor der opponierenden Studenten.

Perels: "Er war für die APO der Kristallisationskern bevor es sie in vollem Maße gab. Und als sie voll ausgebildet war, war er die Figur, die zum Realismus mahnte und nicht das Revolutionsgedudel, das da vielfach losging, mitmachte."

Wolfgang Abendroth starb am 15. September 1985, vier Jahre bevor der Staatssozialismus in der DDR bankrott erklärte. Dass der Liberalismus mit der Wende dem Marxismus auch als Instrument der Gesellschaftsanalyse den Rang abgelaufen haben soll, wäre dem unangepassten Professor nicht in den Sinn gekommen:

"Der Jungakademiker steht heute in seinen Aussichten genauso vor dem Nichts wie der junge Industriearbeiter Solche Prozesse zu analysieren und zu untersuchen, war immer Funktion marxistischer Wissenschaft und, wohlgemerkt, ebenso marxistischer Praxis."

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