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StartseiteSprechstundeKaiserlich ist nur die natürliche Geburt23.04.2013

Kaiserlich ist nur die natürliche Geburt

Europäische Studie "OptiBIRTH" soll Zahl der Kaiserschnitte senken

Jedes dritte Baby in Deutschland kommt mittlerweile durch Kaiserschnitt auf die Welt. Tendenz steigend. Die Studie "OptiBIRTH", an der sich Kliniken aus acht Ländern beteiligen, soll nach Wegen suchen, die Zahl der natürlichen Geburten zu steigern.

Von Michael Engel

Immer mehr Babys kommen per Kaiserschnitt zur Welt. (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Immer mehr Babys kommen per Kaiserschnitt zur Welt. (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

In Dresden kommen 16 Prozent der Kinder mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Das entspricht in etwa den Einschätzungen der WHO, dass in rund 15 Prozent der Fälle ein Kaiserschnitt medizinisch erforderlich ist.

In Landau in der Pfalz hingegen entscheiden sich mehr als 50 Prozent der Frauen für das operative Verfahren unter Narkose. Beim zweiten Kind beträgt der Anteil bundesweit sogar 70 Prozent. Nach Ansicht von Experten ist es vor allem das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis der werdenden Mütter, seitens der Klinik die Planbarkeit solcher Eingriffe, die diese Entwicklung fördern. "OptiBIRTH" - eine europäische Studie - an der Kliniken aus acht Ländern beteiligt sind, soll nun nach neuen Wegen suchen, um die Zahl der natürlichen Geburten zu steigern. Denn allen Experten ist klar: Der Kaiserschnitt ist nur die zweitbeste Lösung.

Gerade mal drei Stunden ist Finley auf der Welt. Die Mutter - Julia Hopf - überglücklich. Das Kind wurde mit einem Kaiserschnitt geholt.

"Das war nicht unbedingt meine Entscheidung. Das musste dann ganz schnell gehen. Ich hab' montags mich so schlapp gefühlt und bin dann auch zu meiner Frauenärztin, und die meinte, meine Werte sind ganz schlecht, also die Leberwerte sind nicht gut und das CTG war nicht so gut, weil seine Herztöne immer wieder abgefallen sind. Dann hab' ich gesagt, OK, holt raus (lacht)."

Beim nächsten Mal, sagt die junge Mutter, möchte sie – wenn irgend möglich – auf natürlichem Wege entbinden. Jedes dritte Baby in Deutschland kommt mittlerweile durch Kaiserschnitt auf die Welt. Tendenz weiterhin steigend. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig, so Prof. Peter Hillemanns, Direktor der Frauenklinik in der Medizinischen Hochschule Hannover:

"Wir sehen, dass das Sicherheitsbewusstsein in der Bevölkerung gerade auch bei den Müttern deutlich zugenommen hat. Wir sehen, dass bei den betreuenden Geburtshelfern, bei den Ärzten, das Bewusstsein, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen, sehr, sehr hoch getrieben wird. Wir sind natürlich auch durch die Juristen, das muss man deutlich so sagen, in eine Ecke gedrängt. Und das wiederum hat dann auch zur Folge, dass dann aus Sicherheitsüberlegungen heraus eine vaginale Geburt nicht angestrebt wird, sondern dass dann ein Kaiserschnitt gewählt wird."

Medizinisch begründet ist der Kaiserschnitt zum Beispiel bei einer Querlage des Kindes. Doch häufig, so der Gynäkologe, werde auch schon bei vergleichsweise kleinen Komplikationen eine Entbindung per Kaiserschnitt empfohlen. Dabei ist das Verfahren gegenüber der natürlichen Geburt mit vielen Nachteilen verbunden: Kinder leiden häufiger unter Infektionen, Mütter unter Thrombosen und Lungenembolien. Für Dr. Mechthild Groß von der Medizinischen Hochschule Hannover gibt es ein klares Votum für die natürliche Geburt.

"Frauen sollten davon überzeugt sein, dass sie die Kraft haben, ihr Kind zu gebären, dass sie motiviert sind, ihr Kind zu gebären, und wenn dieses Gefühl gestärkt wird durch den Rat der Betreuungsperson, dann steht dem Gelingen einer vaginalen Geburt viel weniger etwas entgegen."

Die Hebamme ist die deutsche Leiterin von "OptiBIRTH", einer europäischen Studie mit dem Ziel, den Anteil der natürlichen Geburten zu erhöhen. Zielgruppe sind vor allem Frauen, die beim ersten Kind aus medizinischen Gründen per Kaiserschnitt entbinden mussten, nun aber beim zweiten Kind den natürlichen Weg der vaginalen Entbindung gehen möchten.

"Das sind die Frauen, die mir am Herzen liegen, weil die haben es versucht! Und die haben dieses Gefühl - "Ich will das versuchen" - sozusagen nicht erfolgreich erleben dürfen. Und diese Frauen sind immer die dankbarsten Frauen, wenn es dann beim zweiten Mal hinterher gelungen ist. Und die sagen direkt nach der Geburt: Das ist das Beste, was ich in meinem Leben erlebt habe."

Bislang ist es so, dass 70 Prozent der Frauen mit Kaiserschnitterfahrungen in Deutschland auch beim zweiten Kind das operative Verfahren wählen. Nach Ansicht der Experten von "OptiBIRTH" ist dieser Anteil viel zu hoch und vollkommen unnötig. In einer ersten Studienphase sollen jetzt die Ursachen für diese Entwicklung gefunden werden, um später dann gezielt mit Informationen, aber auch mit frühzeitiger Unterstützung der werdenden Mütter mehr Mut zur natürlichen Geburt zu machen. Noch einmal Prof. Peter Hillemanns:

"Bei einer normalen Situation, einer Mutter, die keine besonderen Erkrankungen hat, ein Kind, das sich normal entwickelt, würde ich selbstverständlich die vaginale Geburt empfehlen."

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