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StartseiteForschung aktuell"Da ist nichts, was diese Brände aufhalten kann"15.11.2018

Kalifornien"Da ist nichts, was diese Brände aufhalten kann"

Die Vegetation in Kalifornien sei durch eine sogenannte Megadürre geschwächt, sagte Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Dlf. In den letzten zwei Jahrzehnten sei darüber hinaus ein Anstieg der Temperaturen gemessen worden - was zu einer Zunahme von Waldbränden führen werde.

Kirsten Thonicke im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Feuerwehrmänner kämpfen gegen die Flammen in Santa Rose in Nord Kalifornien. (picture alliance / Khaled Sayed)
Kalifornien hat seit Jahren Erfahrungen mit Waldbränden - und die besten Experten (picture alliance / Khaled Sayed)
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Lennart Pyritz: Mehr als 50 Tote, Tausende zerstörte Häuser, verkohlte Landschaften: Kalifornien erlebt derzeit die folgenschwersten Flächenbrände seiner Geschichte. Über die Ursachen dafür und die Maßnahmen dagegen wird seit Tagen diskutiert – und auch gestritten. Wir haben über das Thema vor der Sendung mit Kirsten Thonicke gesprochen, Vize-Leiterin des Forschungsbereichs Erdsystemanalyse und Expertin für das Thema Waldbrände am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Ich habe sie zuerst gefragt, inwieweit Brände natürlicherweise zu den Landschaften und Ökosystemen der US-Westküste zählen?

Kirsten Thonicke: Feuer ist dort eigentlich ein natürliches Element. Das gehört zu der Vegetationsdynamik, wie wir es benennen, dazu. Wir haben hier eine Spanne von Buschländern, Grasländern bis hin zu Wäldern, wie man sie auch hier aus dem Mittelmeerraum kennt, und da ist Feuer ein natürliches Element. Normalerweise wiederholen sich Feuer in einer Fläche – man spricht von sogenannten Feuerintervallen – zwischen 20 und 70 Jahren, manchmal auch 100. In den Wäldern in Nordkalifornien wären es dann eher so 100 bis 200 Jahre, wie sich dort Feuer wiederholen. Sie tragen dazu bei, dass abgestorbene Vegetation, das trockene Unterholz verbrennt und die darin fixierten Nährstoffe, Mineralien wieder für die aufwachsenden Sämlinge zur Verfügung gestellt werden. Die Böden sind ja oftmals sehr stark verwittert, nährstoffarm. Insofern gehört es in diesem natürlichen Maß zur Erneuerung der Wälder mit dazu.

Winterniederschläge "extrem niedrig"

Pyritz: Warum fallen denn die Brände in diesem Jahr im Vergleich zu den vorausgegangenen Erfahrungen mit Bränden in Kalifornien so ungewohnt heftig aus? Welche Rolle spielt dabei zum Beispiel das Wetter?

Thonicke: Was wir dieses Jahr haben oder jetzt aktuell, ist eine besondere Situation. Wir haben das Ende der Sommertrockenheit, wie es ja normal ist im Mittelmeer-ähnlichen Klima. Aber es ist jetzt dieses Jahr besonders, weil diese Santa-Anna-Winde, diese trockenen Winde, die aus den Wüsten im Landesinneren kommen, die Luft sehr stark austrocknen. Wir haben also ganz geringe Luftfeuchtigkeit im Moment. Und die treffen auf eine gestresste Vegetation, die vom Sommer ausgetrocknet ist. Die Böden sind ausgetrocknet und bringen so in einem gebirgigen Gebiet eine schlechte Kombination, die zu diesen extremen Feuern geführt haben.

Pyritz: Wenn wir den Fokus da jetzt noch weiter aufziehen und sozusagen global auf die Ursachen blicken, welchen Einfluss hat denn der Klimawandel bei den derzeitigen Bränden oder auf dieses Brandsystem in Kalifornien.

Thonicke: Hier kann man in zwei Schritten den Bogen schlagen. Der erste Schritt ist, die Vegetation ist geschwächt durch eine sogenannte Megadürre, die ungefähr fünf Jahre die Region betroffen hat. Dort waren die Niederschläge, insbesondere die Winterniederschläge extrem niedrig. Sie erinnern sich vielleicht noch an die Bilder von den ausgetrockneten Flüssen, den ausgetrockneten Talsperren. Das hat dazu geführt, dass die Vegetation geschwächt ist, viele Bäume abgestorben sind. Langfristig mit dem Klimawandel hat es damit was zu tun, dass über die letzten zwei Jahrzehnte eine Zunahme der Temperaturen gemessen wurde. Das führt zu einer Zunahme an Waldbränden, die auch immer extremer ausfallen.

Pyritz: Wenn man jetzt direkt auf die Maßnahmen vor Ort schaut – US-Präsident Trump hat ja ein schlechtes Forstmanagement für die Brände in der Region mitverantwortlich gemacht – stimmen Sie da zu? Welche Maßnahmen sollten oder könnten tatsächlich verändert oder überdacht werden beim kalifornischen Forst- und Brandmanagement? Sie haben eben das Stichwort gebracht, dass da viel Totholz in der Landschaft steht. Oder das Stichwort Unterholzbewuchs, Brandschneisen – gibt es da Möglichkeiten, die noch nicht ergriffen worden sind?

"Die erfahrensten Feuerwehrkämpfer"

Thonicke: Nein, nicht wirklich. Aufgrund der Megadürre sind Millionen von Bäumen abgestorben. Das ist für die Forstwirtschaft infolge dieser fünfjährigen Megadürre ein Problem in einer Größenordnung, die eine riesige Herausforderung für die Förster dort darstellt. Sie müssen wissen, das ist die Region, die seit Jahren Waldbrände als Phänomen kennt. Das sind die erfahrensten Feuerwehrkämpfer, die wissenschaftlich am besten aufgestellten Experten in der Region, die dort ihr Wissen auch den Experten und Managern zur Verfügung stellen. Dort gibt es seit Jahren auch Versuche und Experimente mit sogenannten kontrollierten Bränden im Unterholz, um die Feuergefahr zu mindern. Was wir jetzt aber haben, ist eine Kombination von extrem seltenen und sehr besonderen Bedingungen in einer Größenordnung, wie es der Staat Kalifornien nicht kennt. Da hilft keine Brandschneise, da hilft kein Abbrennen von Unterholz. Da ist nichts, was irgendwie diese Brände aufhalten kann, es sei denn, es setzt ein massiver Regen ein.

Pyritz: Sie haben jetzt gesagt, da laufen Experimente oder sind schon Experimente gelaufen zum Abbrennen von Unterholz. Könnten denn solche Maßnahmen unter in Anführungsstrichen normalen Bedingungen, also bei normal auftretenden Bränden in dieser Region Wirkung zeigen?

Thonicke: Ja, in bestimmtem Maße schon. Diese kontrollierten Brände versucht man durchzuführen, wenn die Luftfeuchtigkeit hoch genug ist, so 35 Prozent oder so, aber keine Winde sind und man sozusagen ein gering intensives Oberflächenfeuer dort in einer Fläche anzünden kann, um das genau zu beobachten, wie der Brand sich entwickelt, und dass er sozusagen die gewünschte Totbiomasse erfasst und verbrennt. Was man gesehen hat, ist, dass dann die entsprechenden Wälder nicht so einen großen Schaden genommen haben, wenn normale Feuer aufgetreten sind. Aber auch andere Wälder, wo das nicht passiert war, waren bei ähnlichen normalen Feuern gleichfalls resistent gegenüber großen Waldbrandschäden.

Pyritz: Das ist jetzt eine extreme Situation. Wie ist es denn – Sie haben ja eingangs gesagt, diese Brände gehören aber auch sozusagen zum natürlichen Rhythmus, zum natürlichen Auftreten in diesen Landschaften und Ökosystemen. Müssten also Brände in dieser Region, im Westen der USA schlicht akzeptiert werden, und sollten dementsprechend nicht alle Regionen bebaut und besiedelt werden? Wäre das auch eine Konsequenz aus dieser Erfahrung?

Eine "Hochrisikozone"

Thonicke: Wir haben in verschiedenen Forschungsprojekten in den letzten Jahren auch Experten mit dabei gehabt, die sich mit diesem sogenannten Wildland Interface beschäftigen, also der Siedlungen, die in den Wald gebaut werden, weil es sich schön wohnt, aber eigentlich verkannt haben, dass es eigentlich eine hohe Risikozone ist. Ich denke, diese ganzen üblichen Regularien müssen alle auf den Prüfstand. Und man muss, glaube ich, überdenken oder den Leuten zumindest klar machen, wenn ihr hier wohnt, ihr wohnt in einer Hochrisikozone, das kann dazu führen, dass bei Feuerextremen ihr euer Hab und Gut verliert. Und vielleicht müssen da bestimmte Sachen auch einfach noch mal völlig neu auf den Prüfstand, auch um die Menschen zu schützen.

Pyritz: Inwieweit sind denn die Verhältnisse an der Westküste der USA, über die jetzt viel berichtet wird, mit denen in Europa und speziell Deutschland vergleichbar in Bezug auf die Ursachen oder die Ursachen, die da zusammenkommen können unter bestimmten Bedingungen?

Thonicke: Das ist nicht ohne Weiteres übertragbar. Wir haben erstens eine ganz andere Vegetationszone, wie wir sagen. Wir haben ja hier unsere gemäßigten Laubwälder mit unseren gepflanzten Kiefern und Fichtenwäldern. Unser Klima ist anders, wir haben eigentlich noch Sommerniederschläge und kalte Winter mit Regen und Schnee. Uns fehlen die Wüstenwinde, die zum Austrocknen der Vegetation führen und einen Waldbrand noch extra anfachen können. Die Konstellationen sind komplett anders. Was vergleichbar ist, ist, dass die Feuer hier wie dort ganz oft durch die Menschen verursacht werden. Ich denke, hier muss noch mal auch ein neues Bewusstsein geschaffen werden und auch hier einige Regularien neu auf den Prüfstand. Was natürlich beide Regionen auch gemeinsam haben, ist, dass auch hier die Temperaturen zunehmen und damit auch das Waldbrandrisiko steigt, und wir ja auch hier in diesem Sommer gesehen haben, dass durch die hohen Temperaturen, die lang anhaltende Trockenheit auch hier plötzlich mehr Waldbrände aufgetreten sind und auch hier extremere Waldbrände aufgetreten sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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