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StartseiteUmwelt und VerbraucherKamelhalter in Bedrängnis20.07.2001

Kamelhalter in Bedrängnis

<strong>Kamele werden auch Wüstenschiffe genannt, sie können Wasser lange Zeit in ihrem Körper speichern, sie geben Milch und transportieren Lasten unter widrigen Umständen über große Strecken. Das sind Vorteile, die über viele Jahrhunderte geschätzt wurden, die allerdings heute oft nicht mehr zählen: Das enorme Bevölkerungswachstum in vielen Ländern bringt die Kamelhalter in Bedrängnis, ein Thema, mit dem sich die Liga für Hirtenvölker beschäftigt.</strong>

von Yvonne Mabille

Sie sind darauf spezialisiert, auch unter ungünstigen Bedingungen zu existieren und noch mitten im Mangel ihren Besitzern das Überleben zu sichern ? die Rinder- und Kamelherden der Hirtenvölker oder Pastoralisten ? wie sie auch heißen.

Unter Umweltbedingungen, wo alles knapp ist, wo es kein Wasser gibt - Regen ? man weiß nie, wann er kommt und ob er kommt. Es ist eben eine Mangelsituation. Und da ist der Pastoralismus das beste Mittel, das Beste aus dieser schweren Situation zu machen. Und man kann in diesen Gebieten einfach keine Milchkuhhaltung nach dem westlichen Modell betreiben.

Ilse Köhler-Rollefson ist Tierärztin und Mitbegründerin der "Liga für Hirtenvölker". Die Initiative setzt sich für die Interessen der Hirtennomaden ein. Denn überall auf der Welt sind Tierhalter, die mit ihren Herden umherziehen, in Bedrängnis geraten. Zwei große Probleme bedrohen die Nomaden nach Meinung der Liga: Zum einen der Mangel an Weideland. Weil die Weltbevölkerung weiter wächst, werden landwirtschaftlich genutzte Flächen immer weiter ausgedehnt. Sogar in Gebiete, die sich für Ackerbau nicht eignen und darum früher nur beweidet wurden.

Der zweite Grund ist der, dass die Art der Viehzucht, wie sie von den Nomaden betrieben wird, von den akademisch gebildeten Züchtern und Tierärzten überhaupt nicht anerkannt wird. Dass also die Vorteile nicht wahrgenommen werden. Denn die Tierärzte und ?züchter werden nach dem westlichen Modell ausgebildet und die orientieren sich eben an der westlichen Milchkuh, die 6000 bis 8000 Liter Milch im Jahr gibt. Und alles, was da nicht mithalten kann, das gilt für die als rückständig oder als unterentwickelt.

Dafür können die robusten angepassten Rassen aber noch die karge Vegetation von Steppen und Halbwüsten nutzen.

Es ist ja gut, wenn sie in den abgelegenen Gebieten bleiben. Man will ja eben auch in den abgelegenen Gebieten auch Einkommensquellen erhalten. Es kann ja nicht die ganze Menschheit in Städten wohnen.

Dass viele Hirtenvölker sich die meiste Zeit mit ihren Tieren in abgelegenen Gebieten aufhalten, macht sie ihren Regierungen eher suspekt. Von dort könnten sie wenig Hilfe erwarten, meint Ilse Köhler-Rollefson.

Das gilt auch für die größte Viehhaltergruppe in Westindien ? für die Raikas, mit denen die "Liga für Hirtenvölker" eng zusammenarbeitet. Die Raikas haben früher die Kamelherden der Maharadschas betreut. Seit langem werden sie mit ihren Kamelen immer weiter zurückgedrängt. Schlecht ernährte Tiere erkranken, die Viehhalter bräuchten Hilfe -Informationen über neue Erkenntnisse im Herdenmanagement. Kamelforschung wird jedoch nur in den reichen arabischen Ländern betrieben, wo jedoch sich alles nur um Rennkamele dreht. Ilse Köhler-Rollefson meint dazu:

Das A und O ist, wie kann man die Rennleistung weiter verbessern. Und um die Pastoralisten, die also wirklich noch von ihren Kamelen abhängig sind, also, die sich von der Milch ernähren oder davon, dass sie Kamele als Lasttiere verkaufen; um die kümmert sich keiner von der Forschung her. Unser Projekt in Indien ist von einem australischen Tierarzt, der in Dubai arbeitet, gefragt worden, ob es weibliche Kamele zur Verfügung stellen kann, die dann Embryonen austragen von Rennkamelen.

Kamele tragen nur alle 2 Jahre. Sie sind das Haustier mit der langsamsten Nachwuchsrate. Durch Leihmütter könnten mehr Rennkamele ausgetragen werden. Erfolgreiche weibliche Rennkamelen werden mit Hormonen behandelt, damit sie mehrere Eier produzieren. Die werden künstlich befruchtet und dann von Leihmüttern ausgetragen. Noch haben die Raikas in dieser Frage nicht entschieden.

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