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KamerunZum höchsten Berg Westafrikas

Durch den tropischen Regenwald bis auf über 4.000 Meter: Eine Tour zum Mount Cameroon in Kamerun führt durch verschiedene Klimazonen und ist atemberaubend schön. Auf dem Weg dahin stößt man auch auf die Spuren der Kolonialzeit - und vielleicht auf einen Waldelefanten.

Von Bettina Kaps | 08.10.2017

Kamerun - Unterwegs zum Mount Cameroon
Umrankt von Legenden und für die Bakweri ein heiliger Ort - der Mount Cameroon (Dlf / Bettina Kaps)
Ausgangspunkt für Touren auf den Kamerun-Berg ist Buea. Die Hauptstadt der englischsprachigen Region Südwest liegt auf einem Hochplateau, unmittelbar am Fuß des Vulkans. Das Taxi fährt uns zur Trekking-Agentur. Fertige und noch mehr unfertige Steinhäuser wechseln mit ärmlichen Holz- und Wellblechhütten ab. Die Straßen sind ungewöhnlich sauber - nirgends Müllhaufen, wie in allen Städten, die wir in den französischsprachigen Landesteilen gesehen haben. Der Chauffeur erklärt uns, dass es in Buea einen "cleaning day" gibt: Jeden Mittwoch sollen die Bewohner ihre Stadt säubern.
Wir halten vor einem schmalen Haus. Ein rundlicher Mann mit breitem Lachen erwartet uns schon. Jean Claude Tsafack ist Leiter einer der vielen Trekking-Agenturen in der Stadt, überraschenderweise spricht er fließend deutsch.
"Ich bin ein Naturfreund, liebe es, in der Natur zu sein. Ich habe in Deutschland Geografie und nachhaltigen Tourismus studiert. Als ich 2008 nach Hause zurückkehrte, habe ich gedacht, ich könnte Trekking Touren organisieren."
Die Entwicklung von Öko-Tourismus am Mount Cameroon wird von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit unterstützt. Ziel ist es, den Jägern im Wald eine Lebensgrundlage als Bergführer oder Träger zu vermitteln. Tsafack selbst beschäftigt zehn Guides und über 30 Porter, aber das genügt leider bei weitem nicht.
"Wenn ich ehrlich bin: Es gibt noch ein paar, die auf die Jagd gehen. Aber die meisten haben kleine Felder, wo sie anbauen können, um zu überleben."
Wandern von Ende November bis Juni
Im Regenwald rund um den Kamerun-Berg leben Schimpansen, Drill-Affen, Antilopen, Waldelefanten, Stachelschweine. 2009 wurde das Gebiet zum Nationalpark erklärt, seither ist die Jagd strikt verboten. Wanderurlaub ist hier von Ende November bis Anfang Juni möglich. Danach setzt die Regenzeit ein, und Jean-Claude sattelt auf sein zweites Standbein um: Er betreibt eine Nichtregierungsorganisation mit dem Namen "Pro Climate International".
"Wir hatten ein Projekt mit der Verteilung von verbesserten Öfen, die Holz benutzen zum Kochen. Das Projekt ist leider zu Ende gegangen und wir werden in den nächsten Monaten ein anderes Projekt aufbauen, damit die Frauen mit weniger Holz kochen können."
Jean Claude zeigt uns verschiedene Prototypen, an denen er herum tüftelt. Besonders stolz ist er auf eine Tasche aus Styropor, in der die Mahlzeit ganz allein weiter köcheln kann. Partner für sein neues Vorhaben ist der Verein "Brot für die Welt" in Berlin.
Inzwischen ist unser 'Guide' eingetroffen. Bruno trägt ein schneeweißes Polohemd mit dem Wappen der Universität Buea. Der 23-Jährige studiert Geschichte und Politikwissenschaft, mit den Touren finanziert er sein Studium. Gemeinsam mit einem weiteren Mitarbeiter der Agentur stellt er die Verpflegung zusammen: Avocados, Bananen, Ananas, Karotten, Sardinen und vieles mehr, außerdem eine Überraschung extra für uns: rotbackige Äpfel, aus Europa importiert.
Auf dem Weg zum Mount Cameroon in Kamerun.
Seit 2009 Nationalpark: das Gebiet um den Mount Cameroon (Dlf / Bettina Kaps)
Die soll uns Bruno aber erst am zweiten Tag geben, wenn wir durch eine Mondlandschaft ohne Bäume und ohne Gras laufen müssen und so richtig erschöpft sein werden.
Der Berg sieht nicht besonders hoch aus
Wir packen Kleider und die Tagesration in Plastiksäcke, weil auch jetzt schon, im April, mit Regen zu rechnen ist. Die "kleine Regenzeit" hat früh eingesetzt, möglicherweise eine Folge der Klimaerwärmung. Zelte, Kochgeschirr, Wasser und alles, was richtig schwer ist, schleppen die beiden 'Porter' für uns. Rainer und Julios sind Anfang 20 und beide noch Schüler. Ohne sie müssten wir auf die Tour verzichten.
Hinter der Agentur erhebt sich der Berg, den wir bezwingen wollen: Ein breites Monstrum, erst bewaldet, dann mit Gras bewachsen. Er sieht nicht besonders hoch aus. Das liegt aber nur daran, dass der Gipfel in 4.100 Meter Höhe von hier unten aus unsichtbar ist. Der Gebirgsstock verdeckt ihn.
Die Tour beginnt bei einem alten Postgebäude aus dem Jahr 1902, erbaut von den deutschen Kolonialherren. Das Haus mit dem leuchtend grünen Ziegeldach wird nicht mehr genutzt, aber durch die Fenster sieht man noch verstaubte Telefone und Faxgeräte wie vom Flohmarkt. Bruno beteuert, dass alle funktionieren. Der junge Mann zeigt auf die ausgedehnte Stadt zu unseren Füßen.
"Buea wird 'Stadt der legendären Gastfreundschaft' genannt, weil es Fremde besonders gut aufnimmt. Wir haben auch ein angenehmes Klima. Deshalb sind die deutschen Kolonialbeamten bald nach ihrer Ankunft im Jahr 1884 von Douala nach Buea umgezogen. Hier sind viele Überbleibsel der Deutschen zu sehen, vor allem Regierungsgebäude wie der Sitz des Gouverneurs der anglophonen Region Südwest."
Auf einem Brunnen neben der Post ist Bismarck abgebildet und am Hang steht ein weißes Schlösschen. Mit rotem Ziegeldach und achteckigem Turm erinnert es an Villen in Berlin oder Hamburg. Der deutsche Gouverneur von Puttkamer hatte sich die Luxus-Residenz gebaut, heute dient sie dem Kameruner Staatspräsidenten Paul Biya. Oft wohnt er hier allerdings nicht. Der 84-jährige Autokrat - er ist seit 34 Jahren im Amt - hält sich offenbar lieber in Genf auf als im eigenen Land.
Pflanzenvielfalt im tropischen Regenwald
Genug geschaut - der Berg ruft. Buea liegt 1.000 Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Wir müssen unseren ersten Übernachtungsplatz erreichen, auf 2.800 Meter. Wir laufen an einer Farm vorbei, auf den Gemüsefeldern arbeiten etwa 50 Menschen. Alles Strafgefangene, die vor ihrer Entlassung resozialisiert werden sollen, sagt Bruno. Das überrascht positiv - die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bewertet die Haftbedingungen in Kamerun nämlich als desaströs.
Gleich hinter dem Hof beginnt der tropische Bergregenwald. Selbst im dichten Baumschatten ist die feuchte Luft eigentlich viel zu warm zum Bergsteigen. Wir laufen an weiß blühenden Engelstrompeten vorbei. Der Jackfruchtbaum trägt große grüngelbe Früchte am Stamm, ihre Schale gleicht einem Reibeisen. Das gelbe Fruchtfleisch schmeckt süß und erinnert entfernt an Aprikosen. An anderen Bäumen hängen lange grüne Früchte. Bruno erklärt, dass er Kigelia Africana heißt.
"Der Baum ist für die Tiere hier ganz wichtig. Schimpansen und Elefanten ernähren sich von seinen Früchten."
Die Früchte können sieben Kilo schwer werden. Sie färben sich später braun, dann gleichen sie Würsten. Deshalb spricht man auch vom Leberwurstbaum. Bruno zeigt uns auch einen Prunus africana, dessen Blätter an Kirschlorbeer erinnern. Die Rinde ist an manchen Stellen abgeschält. Aus ihr wird Arznei gewonnen.
"Viele Pflanzen hier haben Heilwirkungen. Der Prunus Africana ist ganz besonders wichtig. Forscher haben nachgewiesen, dass man aus seiner Rinde Medikamente gegen Prostatakrebs und Malaria herstellen kann. Der Baum ist leider gefährdet. Um ihn zu schützen, sorgt der Nationalpark für eine nachhaltige Nutzung, er wird hier in einer Baumschule gezüchtet."
Die Region um den Kamerunberg zählt zu den artenreichsten weltweit. Die ursprüngliche Vegetation zieht sich noch weitgehend intakt von den Mangroven an der Küste über den tropischen Bergregenwald bis in die Savanne und die alpinen Zonen. Fast 8.000 verschiedene Pflanzenarten wurden hier bereits registriert. Wissenschaftler haben das Gebiet deshalb zur schutzbedürftigen Zone erklärt.
Ein heiliger Ort
Der Wald ist abrupt zu ende, wir stehen in einer Savanne. Saftig grüne Grasbüschel wachsen auf dem dunklen Vulkangestein. Der Weg wird immer steiler, jeder Schritt ist mühsam, fast wie bei Treppensteigen, nur nicht so regelmäßig. Weiße Farbmarkierungen zeigen exakt, wo es lang geht. Leere Wasserflaschen, blaue Plastikdeckel und die weißen Stäbchen von Lutschern zeichnen leider auch eine deutliche Spur. Dabei mahnt alle paar hundert Meter ein Schild: "Dies ist ein Nationalpark. Hinterlassen Sie nichts anderes als Ihre Fußspuren". Vermutlich ist der Müll ein Überbleibsel vom "Mount Cameroon Race of Hope". Bei dem mörderischen Wettlauf rennen die besten Athleten in nur vier bis fünf Stunden den Gipfel rauf und wieder runter.
Unvermittelt taucht, in einer Senke, eine rostige Wellblechhütte auf: Wir haben unseren Rastplatz für die Nacht erreicht. Hinter der Baracke entdecken wir - eine Baustelle! Etwa zehn kleine Häuser. Wände aus rötlichem Holz, schräge, asymmetrische Dächer aus Wellblech, Solarpaneele. Die einfache, aber geschmackvolle Architektur fügt sich in die Landschaft ein. Ein Schild mit schwarz-rot-goldener Flagge klärt uns auf: Die deutsche Entwicklungshilfe finanziert hier die so genannte "Fako Mountain Lodge". Fako, so heißt der Kamerun-Berg bei den Einheimischen. Die Kameruner sollen mehr Geld mit dem Tourismus verdienen und ihre Dörfer dadurch entwickeln können.
Unsere Träger sind vor uns eingetroffen. Julios sitzt am Feuer und schnipselt Zwiebeln, Tomaten, Karotten für das Abendessen. Es gibt Reis mit Erdnuss-Gemüsesauce. Rainer baut unser Zelt auf. Seinen Vornamen, sagt Rainer, verdanke er einem Deutschen aus Stuttgart, den sein Vater vor 25 Jahren auf den Kamerunberg begleitet hat. Er sei sein Pate geworden.
Bruno erzählt, dass der Vulkan für die Bakweri - so heißt die hier ansässige Ethnie - ein heiliger Ort sei, um den sich viele Legenden ranken.
"Für sie ist der Berg ein Schrein, der von einem Berggott bewohnt wird, er heißt Ewasa Moto. Wenn der Gott wütend wird, kommt es zur Eruption. Der Vulkanausbruch kündigt sich vorher durch Erdbeben an. So war es auch beim letzten Mal, im Jahr 2000. Die Häuptlinge haben versucht, den Berggott mit Opfergaben zu besänftigen."
Regenreiche Region
Ewasa Moto soll ein Menschenfresser sein, halb Mensch, halb Stein. Er lebe in einer dunklen Höhle in einem heiligen Bezirk des Vulkans. Bruno glaubt offenbar nicht daran. Er beschwört vielmehr den Wettergott.
"Hoffentlich ist morgen gutes Wetter. Hier regnet es nämlich jeden zweiten Tag und da es heute schön war, müsste es morgen eigentlich wieder regnen. Ich hoffe aber sehr, dass das Glück auf unserer Seite ist."
Kamerun
Vielfältig: die Landschaft der sogenannten "Achselhöhle" Afrikas, am Golf von Guinea (Dlf / Bettina Kaps)
Mit über 200 Regentagen im Jahr gehören Buea und die dem Meer zugewandte Seite des Mount Cameroon zu den regenreichsten Orten der Welt. Aber wir haben tatsächlich Glück: Nach einer langen Nacht - wir sind schon gegen 19 Uhr in Tiefschlaf gesunken - haben wir im Morgengrauen eine wunderbar klare Sicht in Richtung Meer. Tief unter uns liegt die Stadt Buea, dahinter erkennen wir saftig grüne Felder - es sind Teeplantagen - und noch weiter entfernt die Küstenlinie mit der Stadt Limbé und zwei Ölbohrinseln im Atlantik.
Aber nach oben hin, zum Gipfel, sieht es anders aus: Alles ist in Wolken gehüllt. Ein deftiges Frühstück mit Sardinen und Avocados gibt eine gute Grundlage für den Aufstieg zum Gipfel. 1.300 Höhenmeter liegen noch vor uns. Der Weg ist längst nicht so steil wie am Vortag. Das Gelände wird immer karger. Nur ein paar knorrige Bäume erinnern an Landmarken. Bäume und Vulkanfelsen sind mit hellgrauen Flechten und Moosen überzogen. Dichte Wolkenfetzen ziehen an uns vorbei. Es wird empfindlich kalt.
Mondlandschaft mit Vulkankegeln
Bruno zieht Mütze und Handschuhe an. Dummerweise haben wir für unsere Afrikareise keine Wintersachen eingepackt. Aber Ersatz-Socken über die klammen Hände gezogen tun es auch. Der Wind pfeift heftig, der Nebel bestäubt uns mit winzigen Wassertropfen. Nach gut drei Stunden erreichen wir eine Kuppe. Ein loses Holzschild verbürgt, dass wir unser Ziel tatsächlich erreicht haben: Den Gipfel des Mount Cameroon auf 4.095 Meter Höhe. Das fühlt sich gut an, obwohl es hier oben extrem ungemütlich ist. Der Wind bläst jetzt so stark, dass wir nur schnell ein Foto machen und gleich wieder absteigen. Weil es eine Rundtour ist, geht es auf der anderen Seite weiter.
Vulkangestein, Vulkanschotter, Vulkankies und -sand. Wir rutschen und schlittern den schwarzbraunen Hang herab. Die Luft wird wieder wärmer, der Wind legt sich. Bruno teilt die Äpfel aus, und sie schmecken jetzt tatsächlich wie exquisite Leckerbissen. Auch der Nebel lichtet sich. Wir sehen eine Art grauschwarzer Mondlandschaft mit kleinen und großen Vulkankegeln. Ein Forscherteam hat fast 600 Kegel gezählt. Dazwischen liegen riesige, erstarrte Lavaströme, von denen sich einige bis zum Atlantik herab gewälzt haben. Der Kamerun-Berg ist noch überaus aktiv: Im 19. und im 20. Jahrhundert ist der Vulkan jeweils sieben Mal ausgebrochen. Zuletzt spuckte er 1999 und 2000 Lava und versprühte die fruchtbare Vulkanasche.
Es ist still, nur der Wind ist leise zu hören. Kein Auto, kein Flugzeug, keine menschliche Tätigkeit. Einmal kreuzen wir einen Trupp Soldaten: Die Männer suchen ein Privatflugzeug, das vor drei Jahren am Kamerunberg verschollen ist, der Pilot stammte aus Berlin. Jäger haben das Wrack jetzt entdeckt. Ansonsten ist die Gegend menschenleer.
Am späten Nachmittag erreichen wir die Baumzone, wo wir auch unser unserer Nachtlager aufschlagen, der Rastplatz heißt Mann's Spring. Bruno erklärt, warum:
Ein Deutscher gehörte zu den Erstbesteigern des Kamerunbergs, es war der Botaniker Gustav Mann. Nach ihm sind verschiedene Pflanzen benannt und auch eine Quelle hier im Wald. Deshalb heißt der Ort Mann's Spring - die Quelle von Mann. Er war einer der ersten, der sie entdeckt hat.
Kaum sitzen wir mit den Trägern in der Wellblechhütte am Feuer, setzt heftiger Regen ein. Die ganze Nacht hindurch gießt und gewittert es. Bruno hört eine Antilope bellen. Nur einen Tagesmarsch entfernt könnten wir ganz bestimmt Waldelefanten sehen, versichert er. Aber leider müssen wir den Rückweg antreten.
Zur Belohnung unter Palmen am Meer
In der Früh tröpfelt es nur noch. Der Weg führt jetzt überwiegend durch Bergregenwald, es geht steil bergab. Die Wurzeln sind so glitschig, dass wir extrem langsam voran kommen. Wir laufen an Baumfarnen vorbei, die drei Mal höher sind als wir. Schließlich mischen sich vereinzelte Felder in den Wald, Zeichen dafür, dass wir den Nationalpark verlassen haben. Die Bauern haben sich mit Brandrodungen Platz geschaffen, sie züchten Bananen und Cocoyam, so heißt ein Gemüse mit großen breiten Blättern, außerdem Ndole, eine Art Spinat, aber schauderhaft bitter - in Kamerun ist es ein Nationalgericht.
Der Weg mündet in einem Dorf: Wir haben unser Ziel erreicht. Bokwango ist ein Vorort von Buea. Eine bunte Prozession mit Trommeln und Trompeten kommt uns singend und tanzend entgegen, so als ob sie uns einen Empfang bereiten wollte - vermutlich eine Sekte auf dem Weg zu einem der vielen Gotteshäuser.
Wir nehmen Abschied von unseren hervorragenden jungen Begleitern, Bruno, Rainer und Julios. Ein Taxi bringt uns durch hügelige Teeplantagen in die Küstenstadt Limbé, die wir vom Berg aus gesehen haben. Eine knappe Stunde später erholen wir uns unter Palmen am Meer. Hinter uns in den Wolken verbirgt sich der Gipfel des Mount Cameroon.