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Kammermusik von Simone Movio
Klänge in verhüllenden Schichten

Leichte Unterhaltung sind die jetzt erschienenen vier Stücke des italienischen Komponisten Simone Movio nicht. Wer sich aktiv auf seine Musik einlässt, den nimmt Movio aber mit auf eine Reise in eine phantastische Welt. Hinein in eine Art Traumwald, in dem physikalische Gesetzmäsigkeiten von Zeit und Raum ausgehebelt scheinen.

Von Barbara Eckle | 17.05.2015

Ein Saxophonspieler
Ein Saxophonspieler (imago / Tillmann )
Eine Tunika ist ein dünnes, luftiges Gewand, das die Menschen in der Antike als Kleid oder Unterkleid unmittelbar auf der Haut trugen. Klassischerweise besteht sie aus zwei rechteckigen Stoffcarrées für Vorder- und Rückseite, die nur an den Schultern mit Heftnadeln locker zusammengehalten werden. Eine Konstruktion, die ständig den Hüllenfall verspricht. Der 1978 geborene italienische Komponist Simone Movio wählt das Bild der Tunika als Überbegriff für seine Musik, die um die Idee des Enthüllens, des Verhüllens und des Verhülltseins kreist. Vier seiner kammermusikalischen Stücke, die er zwischen 2006 und 2012 geschrieben hat, sind nun beim Lable col legno auf einer CD mit dem Titel "Tuniche" erschienen. Und diese stelle ich Ihnen heute vor.
Simone Movio, "Di fragili incanti" (2006), "Tuniche ", Track: 1
Hinter und in diesen winzigen Klangkeimen, die am Anfang des Stücks "Di fragili incanti" stehen, tut sich nach und nach eine Welt auf, die sich jeder Linearität, jeder Entwicklung und jeder Dramaturgie entzieht. Was sich an scheinbarer Vielfalt noch zeigen mag, erweist sich beim genauen Hinhören als ein Bandwurm von Wiederholungen - die doch niemals gleich sind. Man bewegt sich im Laufe des Stücks durch immer neue verhüllende Schichten, die immer neue Vorstellungen vom Verhüllten wecken. Elemente wie der hohe, trockene Ton von Geige oder Flöte, die leisen Seufzer am Ende der Töne, die transparent klirrenden Figuren des Klaviers sind durchwegs präsent in unterschiedlicher Dichte und Dynamik, jagen mal in gespiegelter, mal in umgekehrter Form vorbei. Der Kern allerdings bleibt immer unangetastet. Was sich verändert, ist nur unser Blick darauf.
Simone Movio, "Di fragili incanti" (2006), "Tuniche ", Track: 1
"Von zerbrechlichem Zauber" lautet die Übersetzung des Stücktitels und gibt einen Hinweis auf die Form der Zeitwahrnehmung, die Simone Movio hier gelten lässt. Mit der in Stunden und Minuten getakteten Zeitachse, auf der wir uns täglich durch die sogenannte Realität schieben, hat sie eindeutig wenig zu tun. Vielmehr herrschen die Gesetze einer Zauber- oder Traumwelt, in der Dehnung und Raffung der Zeit sowie abrupte Sprünge die Normalität sind. In den immer leicht veränderten Wiederholungen scheint das bekannte Phänomen der Erinnerung auf, das in gewisser Weise auch ein Kind solcher Traumlogik. Unsere Erinnerung an einen Moment ist quasi wie eine Hülle, die sich über diesen Moment legt und letztlich mit ihm eins wird, denn nur durch die Erinnerung kann dieser Moment wieder lebendig werden.
Diese Art von konzeptuellem Denken ist die wesentliche Schaffenstriebfeder für Simone Movio, der in seiner Geburtsstadt Udine Gitarre studierte bevor er sich ganz dem Komponieren widmete. Er besuchte Kurse bei Stefano Gervasoni und Pierluigi Billone sowie den berühmten Cursus 1 für Komposition und Computermusik am Pariser IRCAM und wurde 2014 von der Ernst von Siemens Musikstiftung mit einem Förderpreis ausgezeichnet, in dessen Rahmen auch die Portrait-CD "Tuniche" entstanden ist. Als prägendste Erfahrung seines musikalischen Werdegangs aber bezeichnet Movio sein Studium bei Beat Furrer, dessen Musik und Unterricht sein kompositorisches Denken maßgeblich beeinflusst hat.
Dass Movio mit seinem konzeptuellen Ansatz gerne zyklisch arbeitet, ist kaum verwunderlich. Den Gendanken des "incanto", des Zaubers, den Simone Movio 2006 in "Di fragili incanti" mit der klassischen Kammerensemblebesetzung Flöte, Klarinette, Geige, Cello und Klavier begonnen hat, setzt er sechs Jahre später in seinem Stück "incanto III" fort. Diesmal allerdings in anderem Klanggewand. Die Besetzung lautet nun - deutlich unkonventioneller: Tenorsaxophon, Schlagzeug und Klavier. Während das Klavier hier quasi eine nahtlose Linie vom alten ins neue Stück fortspinnt, schaffen nun Tenorsaxophon und Schlagzeug eine Klangwelt, die vor allem aufgrund der Vielfalt an metallenen Nachklangsinstrumente im modernen Schlagapparat reich und uferlos ist. Was Movio zuvor mit reduzierten Mitteln und vertrauten Instrumentalstimmen angefangen hat, entlässt er nun in eine Dimension, die voller Geheimnisse und Überraschungen ist – denn nun liegt der Kern hinter noch mehr verhüllenden Schichten als zuvor.
Simone Movio, "Incanto III" (2012), "Tuniche ", Track: 2
Simone Movio will in seiner Musik keine Geschichte erzählen, keine Botschaft vermitteln und auch kein Gefühl ausdrücken. Im Gegenteil. Sein Ziel ist es, selbst als Subjekt aus seiner Musik zu verschwinden und den Fokus statt dessen ganz auf das Betrachten eines Objekts zu richten - dieses Objekt aber ist verhüllt und bleibt es meist bis zum Ende seiner Werke. Man mag dabei an Voyeurismus oder vordergründige Erotik denken, in Wirklichkeit aber gleicht Movios Musik eher der Betrachtung eines Heiligenbildes. Es verbirgt in sich eine Herrlichkeit, die sich uns nur durch die Herrlichkeit ihrer Verhüllung mitteilt, sodass Haut und Hülle letzlich eins werden. So kann auch das Wiederholungselement in seiner Musik als etwas Rituelles, manchmal fast schon Spirituelles empfunden werden. Den Schlüssel zur Entsubjektivierung, die Movio in seinen "Incanti"-Stücken anstrebt, liefert er mit einem Zitat von Ezra Pound am Anfang der Partitur seines "Incanto III", das lautet:
"Pull down thy vanity, it is not man / Made courage, or made order, or made grace, / Pull down thy vanity, I say pull down." Übersetzt heißt das: "Reiß deine Eitelkeit nieder. Mut oder Ordnung oder Gnade sind nicht von Menschenhand geschaffen. Reiß deine Eitelkeit nieder, ich sage: reiß sie nieder!"
Simone Movio, "Incanto III" (2012), "Tuniche ", Track: 2
Wo es kein Ich gibt, kann es auch kein Du geben. Mit der Aufhebung der Dualität entfällt auch jeder Diskurs und jeder dramatische Verlauf von Spannung und Entspannung. Die Richtung von Simone Movios Musik verläuft nicht horizontal mit der Zeitachse, sondern vertikal. Sie dringt in die Tiefe durch die Schichten, durch die Tuniken hindurch auf eine Offenbarung hin, die genau in diesem Vorgang selbst besteht.
Ähnlich zauberhaft wie bei Movios Werkfamilie der "Incanti" ist das Thema eines weiteren Zyklus, der sich dem Phänomen des "Zahirs" widmet. Der Begriff stammt aus dem Arabischen und bedeutet "das Offenbarte". Movio aber bezieht sich damit konkret auf die Erzählung des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges mit dem Titel "El Zahir". Dort ist der Zahir ein magischer Gegenstand, der, wenn man ihm begegnet ist, er alles andere in den Hintergrund treten lässt. Während Erinnerungen an andere Dinge mit der Zeit verblassen, wird die Erinnerung an den Zahir immer plastischer und präsenter. Dieses paradoxe Konstrukt, das Borges literarisch verarbeitet, überträgt Movio in die Musik. Es ist, als inszeniere er dieses Zahir-Phänomen akustisch, um es auf sinnlicher Ebene erlebbar zu machen. " ...come spirali..." - wie Spiralen - heißt das erste Stück des Zahir-Serie und verwendet fast dieselbe Besetzung wie "Incanto III" - Saxophon, Klavier, Schlagzeug - plus noch eine Violine.
Simone Movio, "...come spirali..." (2008), "Tuniche ", Track: 3
Wie Borges arbeitet auch Movio gern mit dem Element der Täuschung, oder genauer gesagt: Er lässt den Hörer zunächst glauben, er führe ihn auf neue Wege, doch stellt sich immer wieder heraus, dass er sich ständig um dasselbe Material bewegt, als würde man lange Strecken zurücklegen, um dasselbe Objekt aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Distanzen zu sehen. Und diesen Vorgang kann man bei Movio als geradezu virtuos bezeichnen. Die Werke "Di fragili incanti", "Incanti III" und "...come spirali..." haben Mitglieder des Klangforum Wien für Simone Movios Portrait-CD "Tuniche" eingespielt.
Wie das Wort "Spiralen" im Titel schon besagt, kreist hier der Blick auf ein Material auf einer runden, aber nie gleichen Bahn um das Objekt herum. Movios eigentliches Ziel ist aber, einen Blick auf das Objekt zu bekommen, in dem alle Perspektiven gleichzeitig enthalten sind. Im Stück "Zahir V", einem der Folgestücke von "...come spirali..." für reine Saxophonquartettbesetzung, kommt Movio seinem scheinbar unmöglichen Ziel sehr nahe. Gegen Ende des Stücks erreicht die Musik einen Kulminationspunkt, in dem Movio die Welt temperierter Tonhöhen verlässt und in ein klangliches Farbensystem einsteigt. Die mittlerweile vertrauten rhythmischen und tonalen Muster ersetzt er durch eine langsam sich entfaltende Klangfarbenmelodie aus Mehrklängen, die wie zu Säulen erfroren in einem zeitlosen Raum stehen. Es ist quasi die Enthüllung, die Offenbarung, eine Art ungefilterte Heiligenschau.
Simone Movio, "Zahir V" (2011-12), "Tuniche ", Track: 4
Wer die leichte Unterhaltung schätzt, könnte von Simone Movios kammermusikalischen Werke auf der CD "Tuniche" enttäuscht sein. Movio verlangt von seinem Hörer eine sehr aktive, konzentrierte Beteiligung, denn nur so kann er ihn mitnehmen auf die Reise hinter die multiplen Tunikaschichten in eine phantastische Welt hinein, eine Art Traumwald, in dem physikalische Gesetzmäsigkeiten von Zeit und Raum ausgehebelt sind und eine andere Realität erlebt wird. Der Weg zur sinnlichen Erfahrung davon führt über verschiedene Ebenen der Abstraktion - und das Erlebnis ist die Mühe wert. Musiker des Klangforum Wien unter der Leitung von Andreas Eberle sowie das Saxophonquartett Sigma Project sind die Interpreten der vier Werke auf Simone Movios Portrait-CD "Tuniche". Sie ist beim Lable col legno erschienen und wurde Ihnen vorgestellt von Barbara Eckle.
Simone Movio, "Tuniche", col legno, LC07989, WWE 1CD 40410