Archiv

Kampagne
Westliche Werte an Chinas Universitäten unter Beschuss

Chinas politische Führung versucht, Einfluss auf die Universitäten im Land zu nehmen. Anfang vergangenen Jahres hat der damalige chinesische Bildungsminister angeordnet, Universitäten von "westlicher Irrlehre zu befreien" und hat eine Überprüfung ausländischer Lehrbücher angeordnet. Für deutsche Studenten in China hat die Kampagne gegen westliche Werte bislang keine Konsequenzen.

Von Axel Dorloff | 11.11.2016
    Studenten sitzen am 11.11.2014 im Hörsaal der Tongji Universität in Anting bei Shanghai (China)
    Die Kommunistische Partei fordert Linientreue des Lehrpersonals an Chinas Universitäten ein. (picture alliance / dpa - Ole Spata)
    Auf dem Campus der Tsinghua Universität in Peking möchte er sich nicht mit uns treffen. Wu Qiang war an der chinesischen Eliteuniversität sechs Jahre Dozent für Politikwissenschaft. Sein Forschungsgebiet: Soziale Bewegungen in China und Südostasien. Vor einem Jahr musste er gehen. Seine liberale Haltung und sein akademisches Interesse waren den chinesischen Behörden ein Dorn im Auge. Jetzt sitzt der 46-Jährige in einem Café im Pekinger Stadtteil Sanlitun.
    "Im Hochschulalltag wurde ich von der Leitung unseres Instituts oft zu Gesprächen gebeten. Es ging dabei immer um mein Forschungsinteresse. Ich wurde gewarnt, nicht mit sensiblen Personen und Organisationen in Kontakt zu treten. Wenn ich raus ins Feld wollte, hat man mich gestoppt. Ob bei den Unruhen im chinesischen Wukan oder bei Occupy Central, den politischen Protesten 2014 in Hongkong. Ich wollte die Trips sogar selbst bezahlen, wurde aber vom Institut und der Polizei gestoppt."
    Dokument Nummer 9 mit Tabuthemen
    Chinas ideologischer Kampf hat längst auch die Universitäten erreicht. 2013 kam das parteiinterne Dokument Nummer 9 an die Öffentlichkeit. Es enthält sieben Tabuthemen, die in den Medien und an Universitäten nicht länger erwähnt werden sollen, darunter Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit. 2015 hat der damalige chinesische Bildungsminister Yuan Guiren diesen Kurs noch einmal verschärft und angeordnet, Chinas Hochschulen von sogenannter westlicher Irrlehre zu befreien.
    "Danach hat sich die Atmosphäre auf dem Campus sichtlich verändert. Einige Dozenten, wie ich, wurden gezwungen zu gehen. In den Bibliotheken ist westliche Literatur aus den Bücherregalen entfernt worden. Das passiert in vielen Bibliotheken. Und der Einfluss auf Forschung und Lehre ist größer geworden. Wissenschaftler trauen sich zunehmend nicht mehr, in dem Bereich zu forschen, der sie wirklich interessiert."
    Politisch passt das ins Bild: Die Skepsis gegenüber westlicher Kultur und westlichen Werten wird von Chinas Führung auch an anderer Stelle propagiert. Das neue Sicherheitsgesetz vom Sommer sieht vor, so genannten feindlichen und schlechten kulturellen Einflüssen entschieden zu begegnen. Die repressive Atmosphäre in China nimmt zu – und verändert auch die Hochschulen, sagt Politikwissenschaftler Wu Qiang.
    "Viele Dozenten und Professoren, die vorher Grenzen ausgetestet haben, werden immer vorsichtiger. In der Vergangenheit gab es immer welche, die sich um so etwas wie das Dokument Nummer 9 und die Verbote darin nicht gekümmert haben. Oder sich vor den Studenten sogar über die Chinas Autoritäten lustig gemacht haben. Das trauen sich viele nicht mehr. Und das ist für mich die größte Veränderung."
    Bislang keine Auswirkungen für deutsche Studenten in China
    Für deutsche Studenten in China hat die Kampagne gegen westliche Werte bislang keine spürbaren Konsequenzen. Zumindest hat die Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Peking noch keine entsprechenden Rückmeldungen, sagt der Leiter des Regionalbüros, Thomas Schmidt-Dörr.
    "Das macht uns natürlich auch Sorge, Einschränkungen der Meinungsfreiheit oder der Lehrinhalte. Was wir aber auf der anderen Seite sagen können, ist, dass wir im Moment keine konkreten Auswirkungen beobachten können. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Kooperation zwischen deutschen Hochschulen und ihren Partnern hier in China jetzt in Folge dieser Kampagne, dass die Probleme dadurch haben."
    Laut Chinas Bildungsministerium waren im Jahr 2015 rund 7.500 deutsche Studenten an Chinas Universitäten eingeschrieben. Die meisten kommen für einen Sprachkurs nach China oder sind in technischen Studiengängen eingeschrieben. Bereiche, die von der Kampagne gegen westliche Werte nicht betroffen sind. Anders als die Sozial- und Geisteswissenschaften. Die 20-jährige Li Lin studiert an der Tsinghua Universität Philosophie.
    "Die Professoren halten sich vielleicht etwas zurück, äußern weniger direkt ihre Meinung. Die Vorgaben aus dem Bildungsministerium schränken sie ein. Aber ich habe oft das Gefühl, dass sie eigentlich gerne mehr mit uns teilen würden. Aber unter den derzeitigen Einschränkungen geht das nicht."
    Der in Ungnade gefallene Politikwissenschaftler Wu Qiang versucht sich, als freier Publizist durchzuschlagen. Er schreibt Kommentare und Artikel. Und möchte eventuell an eine Universität nach Deutschland, neun Jahre hat er dort gelebt und seinen Magister und Doktor gemacht. In China sieht er für sich keine Perspektiven mehr.
    "Vor vier Jahren, bevor Staats- und Parteichef Xi Jinping an die Macht kam, konnte man für sensible Themen noch Forschungsgelder beantragen. In den vergangenen Jahren ist das praktisch unmöglich geworden."
    Linientreue von Lehrpersonal gefordert
    Die Kommunistische Partei fordert die Linientreue des Lehrpersonals an Chinas Universitäten ein. Und dieser ideologische Kampf wird entsprechend flankiert. Mit dem neuen NGO-Gesetz, das ab Januar in Kraft tritt, gibt die chinesische Führung den Behörden mehr Macht, westliche politische Einflüsse in der Gesellschaft zurückzudrängen. Auch Nichtregierungsorganisationen aus dem Westen werden künftig stärker kontrolliert. In China sind westliche Werte nicht nur an den Hochschulen unter Beschuss.