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Kampf dem Spam

Computerfachleute aus aller Welt trafen sich vom 7. bis 9 Juli in Genf zu einer Konferenz der Internationalen Telekommunikationsunion ITU. Im Fokus des Treffens stand dabei Spam, jene unerwünschten Werbe-Emails, die Internetleitungen und elektronische Briefkästen weltweit verstopfen und inzwischen Milliardenschäden verursachen. Jetzt soll international konzertiert gegen die Werbeflut vorgegangen werden.

Von Maximilian Schönherr |
    Das Konferenzzentrum in Genf war sehr international besetzt, mit Computer- und Spam-Fachleuten aus aller Welt. Regierungs- und Industrievertreter stellten auf der ITU WSIS Konferenz über die Abwehr von Spam ihren landesspezifischen Umgang mit den weiterhin zunehmenden Mengen unverlangt zugesandter, kommerzieller Massen-Email dar. Der Leiter des Symposiums, Bob Horton, sieht hier wirtschaftliche Schäden im Bereich von Milliarden von Dollars entstehen:

    ...wenn uns dieses ehemalige Geschäft genommen wird, wenn E-Commerce und E-Business zerstört werden !

    Eine zentrale Rolle spielten Gesetze, die in den nächsten Monaten in den meisten entwickelten Ländern eingeführt werden. Die Strenge, mit der diese Gesetze gegen Spam vorgehen, reicht von dem in Genf allgemein als zu lax eingestuften amerikanischen CAN-SPAM bis zu der von den meisten Teilnehmern als vorbildlich verstandenen Lösung Australiens und Südkoreas. Dort sind Spams per Gesetz bereits jetzt illegal, es sei denn, der Empfänger hat dem Versender ausdrücklich seine Zustimmung erteilt. Als vorbildlich gelten insbesondere die zentralen Anlaufstellen, wo man Spams melden kann, und die dann – in Zusammenarbeit mit ausgebildeten Teams in Verbraucherschutzorganisationen – auch tatsächlich etwas tun. Die Vertreter von Australien und Südkorea berichteten übereinstimmend, dass die meisten Firmen, die Spams versandten, nach dem ersten Anschreiben damit aufhörten. Jenseits aller Spam-Gesetze provozierte der US-Anwalt Jon Pread mit der These, die bestehenden Gesetze reichten im Grunde aus. Denn im Kern sei Spam Diebstahl, und zwar Diebstahl an einem Dienst, für den der Empfänger bezahlt hat. Pread meinte, es sei doch das Mindeste, dass ein Staat seinen Bürger davor schütze, dass ein ungewünschter Eindringling sein Grundstück betrete. Die Spammer, die er vor Gericht gebracht habe, seien große Fische gewesen:

    Und wenn man die Adressdatenbank des einen mit der des anderen vergleicht, stellt man erhebliche Übereinstimmungen fest. Es gibt nicht annähernd so viele Spammer, wie man glaubt. Diese Täuschung kommt daher, dass Spams von allen Seiten auf uns zuzukommen scheinen. 90 Prozent der Leute, die heute unsere Emails zumüllen, passen aber hier in den Vortragsraum.

    Spammer sind Betrüger und verwischen ihre Spuren, sodass weder der Endverbraucher, noch Polizeibehörden in der Lage sind, Spams in ihrer Fülle auf den Grund zu gehen. Dafür gibt es seit einigen Jahren meist ehrenamtlich arbeitende Organisationen wie das Projekt spamhaus.org. Richard Cox:

    Manchmal reichen Gesetze nicht aus, und wir müssen freiwillige Wege gehen, dem Spam Einhalt zu gebieten. Dazu gehört, dass wir die Service Provider dazu bewegen, mit uns zu sprechen. Leider glauben gerade einige der größten Provider, sich mit Spam zu beschäftigen, sei unter ihrem Niveau, für diesen Dreck seien sie nicht zuständig. Das führt dazu, dass wir gerade an die ganz großen Provider, wozu auch die Deutsche Telekom gehört, einfach nicht heran kommen. Dabei könnten sie dem Spam bereits morgen den Hahn abdrehen, indem sie auf unsere Berichte und die von anderen Anti-Spam-Organisationen reagieren, statt sie einfach zu ignorieren. Schlimm ist das.

    Spammer finden immer neue Wege an Geld zu kommen. In Japan greift das Versenden von SMS-Nachrichten auf Mobiltelefone um sich, das vor allem Kinder dazu bringen soll, teuere Nummern anzurufen, um einen Freund zu finden. In der englischsprachigen Welt trägt das so genannte "Phishing" zu einer massiven Verunsicherung bei. Hier sendet der Spammer eine offiziell wirkende Mail, die dazu auffordert, die Bankverbindungsdaten zu aktualisieren, sonst werde das Konto gesperrt. Das nichts ahnende Opfer surft dann eine Seite an, die das seriöse Original eins zu eins nachstellt, also so tut, als sei es Ebay oder die Citibank. In Wirklichkeit greift der Spammer die Daten ab und bekommt Zugang zum Konto des Opfers. Die durch Phishing verursachten Schäden sind Dunkelziffern, wohl aber ist der psychologische Effekt messbar: Man traut dem E-Commerce nicht mehr. 52 Prozent der Befragten einer amerikanischen Studie trauen dem Internet-Banking und –Shopping nicht mehr. Vertreter von Entwicklungsländern von Syrien bis zum Sudan forderten in Genf Hilfe für die zunehmende Flut an Spam-Mails, die ihre zart aufkeimenden Internetverbindungen zu ersticken drohen. Konferenzleiter Bob Horton:

    Für die Entwicklungsländer steht viel auf dem Spiel. Die afrikanischen Staaten etwa hängen stark vom Internet ab. Es ist für sie eine Eintrittskarte in die Zukunft, eine Zukunft der Bildung, der Wirtschaft, des Handels und des gesellschaftlichen Anschlusses an den Rest der Welt. Für sie steckt im Informationszeitalter ein großes Versprechen, und es ist traurig, mit anzusehen, wie Spam diesen Traum von vornherein zerstört. Deshalb ist ihnen so sehr daran gelegen, von Anfang an bei dieser Diskussion mitzuwirken.