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StartseiteCampus & Karriere"Das Ziel ist klar verfehlt worden"08.09.2014

Kampf gegen Analphabetismus "Das Ziel ist klar verfehlt worden"

Im Kampf gegen Analphabetismus in Schwellenländern müsse nicht nur darauf geachtet werden, dass Kinder die Schule besuchen, sondern auch, dass die Lehrer ausreichend ausgebildet seien, sagte Walter Hirche, Präsident der deutschen UNESCO-Kommission, im DLF-Interview. Aber auch in Deutschlands Schulen müsse wieder mehr Wert auf die Vermittlung von Grundfertigkeiten wie Lesen und Schreiben gelegt werden.

Walter Hirche im Gespräch mit Benedikt Schulz

Zwei Hände halten ein aufgeschlagenes Buch.  (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
Walter Hirche: "Ich finde es nach wie vor erschreckend, dass auch in Deutschland 7,5 Millionen Erwachsene nicht lesen und schreiben können beziehungsweise sich den Sinn nicht erklären können dessen, was sie lesen." (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
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Texte übersetzen für Menschen mit Leseschwäche (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 08.09.2014)

Benedikt Schulz: Heute ist Weltalphabetisierungstag. Einer von diesen Tagen, an denen auf etwas hingewiesen wird, an denen dann etwas kritisiert, bedauert oder mit großen Worten gefordert wird. Man kann das überflüssig finden, aber die Zahlen hier, die haben es eben einfach in sich: 781 Millionen erwachsene Menschen weltweit können nicht lesen und schreiben. Das sind zwar weniger als noch im Jahr 2000 – da waren das rund 860 Millionen –, aber es sind eben immer noch viel zu viele, vor allem, wenn man bedenkt, dass sich die Vereinten Nationen mal vorgenommen haben, die Zahl der Analphabeten zu halbieren, und zwar, wohlgemerkt, bis 2015. Also kaum, nur wenige Fortschritte. Auf die aktuellen Zahlen hat zum Weltalphabetisierungstag unter anderem die deutsche UNESCO-Kommission hingewiesen. Mit deren Präsident, Walter Hirche, habe ich vor dieser Sendung gesprochen. Meine Frage an ihn: Warum sind die Fortschritte immer noch so gering?

Walter Hirche: Zunächst einmal muss man sagen, das Ziel ist klar verfehlt worden. Es ist zwar gelungen, den Prozentsatz derjenigen, die alphabetisiert sind, zu steigern, aber das reicht eben hinten und vorne nicht. Warum ist es nicht geschafft worden? Wir haben einen ungeheuren Geburtenzuwachs in den Entwicklungsländern oder in einigen Entwicklungsländern, denn ein Drittel der Analphabeten auf der Welt sind alleine in Indien zu Hause, mit einem riesigen Bevölkerungswachstum, und da hat das Schulsystem nicht Schritt gehalten damit. Und es ist überall ein Zusammenhang zwischen schwachen staatlichen Strukturen, Bildungsstrukturen und eben dem Verfehlen dieses Ziels zu erkennen.

Schulz: Und welche Strategien will die UNESCO verfolgen, um diesem selbst gesteckten Ziel zumindest ein bisschen näher zu kommen?

Hirche: Die Strategie liegt vor allem darin, die Multiplikatoren, die zuständig sind in den einzelnen Ländern, selber auszubilden, damit die dann Kinder ausbilden können. Es geht darum, Regierungsstrukturen zu stärken, eine Ausbildung der Lehrer zu betreiben. Das ist einer der wichtigsten Punkte, der unterschätzt worden ist. Man hat in der letzten Dekade gesagt, wir müssen den Anteil der Kinder erhöhen, die zur Schule gehen. Nur, man hat inzwischen festgestellt, dieses formale In-die-Schule-Gehen bringt gar nichts, wenn im Anschluss daran auch nach vier Jahren Schulbesuch die Hälfte der Kinder, die dort auf der Schule waren, nach wie vor nicht lesen und schreiben können. Man hat sehr viel stärker jetzt im Blick – Gott sei Dank, sage ich –, den konkreten Fortschritt vor Ort, und nicht so allgemeine Erfolgszahlen.

Schulz: Hier in Deutschland hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft jetzt vor Tagen gefordert, dass die Bundesregierung mehr tun müsse, um die UNO-Mitgliedsstaaten stärker zu unterstützen. Tut Deutschland genug?

"... auch im eigenen Land noch das eine oder andere nachholen"

Hirche: Man kann natürlich immer mehr machen, und wir haben ja in Deutschland auch unseren Beitrag innerhalb der UNESCO-Familie – die UNESCO ist zuständig für Bildungsfragen weltweit –, gestärkt. Wir haben ein Institut für lebenslanges Lernen in Hamburg und ein Institut für Berufsausbildung in Bonn, was jeweils die UNESCO unterstützt, auch in der Ausbildung von Lehrern, von Ausbildern weltweit. Da kann man mehr tun. Wir müssen aber auch im eigenen Land noch das eine oder andere nachholen, ohne dass wir mit dem Finger auf andere zeigen können. Denn auch bei uns im Lande nimmt der funktionale Analphabetismus zu. Ich finde es nach wie vor erschreckend, dass auch in Deutschland 7,5 Millionen Erwachsene nicht lesen und schreiben können beziehungsweise sich den Sinn nicht erklären können dessen, was sie lesen.

Schulz: Sie sprechen die Situation in Deutschland an. Wie kann es sein, dass in einem Land mit staatlich kontrollierter Schulpflicht diese Menschen trotzdem durch das Raster fallen? Wie kann das passieren?

Hirche: Wie das passieren kann? Das hängt einfach damit zusammen, dass auch bei uns leider durch die Zunahme von pädagogischen Problemen auf Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben zu wenig Zeit verwandt wird und zu wenig intensives Lernen. Es ist schon eine erschreckende Zahl, wenn die Statistiker sagen, dass pro Jahr in Deutschland 220.000 Jugendliche die Schulen verlassen, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Und das sind eben nicht nur Migrantenkinder, da ist ein besonderes Problem, sondern es sind auch Kinder, in deren Familien seit Generationen Deutsch gesprochen wird, die trotzdem das nicht können. Also, unser Schulwesen muss sehr viel mehr Wert darauf legen, dass diese Grundfähigkeiten Lesen und Schreiben, Grundfertigkeiten, dass die erreicht werden am Ende der Schule, und nicht einfach, dass Kinder sich in der Schule nur aufhalten. Dazu müssen die Lerngruppen sicher verkleinert werden, die Intensität des Unterrichts verbessert werden. Das ist eine Frage, die die Länder zur obersten Priorität machen müssen.

Schulz: Das ist die Forderung von Walter Hirche, Präsident der deutschen UNESCO-Kommission. Das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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