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StartseiteUmwelt und VerbraucherSelbsthilfegruppe für Reparaturen06.07.2015

Kampf gegen die WegwerfkulturSelbsthilfegruppe für Reparaturen

In Repair Cafés reparieren Teilnehmer alleine oder gemeinsam mit Anderen kaputte Dinge. Toaster, Handrührgerät, Fahrräder – für jede Reparatur findet sich ein ehrenamtlicher Helfer. Das spart Geld und schont die Umwelt. Jetzt wollen sich 16 dieser Initiativen in Nord-Deutschland zusammenschließen.

Von Axel Schröder

Plattenspieler-Reparatur in einem Repair Cafè (dpa/Daniel Karmann)
Plattenspieler-Reparatur in einem Repair Cafè (dpa/Daniel Karmann)
Weiterführende Information

Repair Cafés weltweit

Serie Warum Reparieren besser ist als Wegwerfen

Reparieren statt wegwerfen

Nachhaltigkeit Da geht noch was

Multimedia-Präsentation der Stiftung "anstiftung & ertomis" zum Thema Repair Cafés

Holger J. (*) sitzt an einem der langen Tische im Repair-Café in Hamburg-Wellingsbüttel. Vor ihm liegt ein auseinandergebauter Mixer, ein Handrührgerät. Der pensionierte Fernmeldetechniker kennt sich aus mit elektrischen Geräten und hat schnell herausgefunden, warum der Mixer nicht mehr läuft.

"Normalerweise gehört an so ein Gerät so sechs, sieben Zentimeter Kabeltülle. Knickschutztülle sagt man auch. Und die ist nicht da. Und deswegen ist das auch immer an der gleichen Stelle geknickt worden, bis es durch ist."

Ob der Hersteller bewusst auf die Knickschutztülle, ein einfaches, wenige Cent teures Bauteil, verzichtet hat, um die Lebensdauer des Geräts zu verkürzen, ist nicht klar. Aber bei immer mehr Produkten fällt auf, dass sich die Hersteller kaum Gedanken um die Langlebigkeit machen, kritisiert Kristina Deselaer, eine der Organisatorinnen des Repair-Cafés.

"Warum ist eine Sache nicht so gebaut, dass man sie aufbekommt und reparieren kann? Und dass man Ersatzteile bekommt? Wenn eine Reparatur gar nicht zum Konzept eines Designs oder der Gestaltung einer Sache gehört, was sagt mir das? Das sagt mir: Jemand, der das herstellt, schätzt die Materialien nicht und erwartet auch von dem, der es kauft, dass er die auch nicht schätzt. Dass er bereit ist, die nach kurzem Gebrauch wegzuschmeißen. Oder ins Recycling zu geben, was auch Energie kostet. Ist auch nicht die intelligenteste Lösung, die modernste."

Gemeinsam reparieren hält besser

Während unten im Repair-Café Fachmänner und -frauen für Elektrotechnik, Näharbeiten, für Fahrradreparaturen den Besuchern bei der Instandsetzung von Hosen, Mixern und Rädern halfen, trafen sich am Sonnabend einen Stock darüber 16 dieser Initiativen aus Norddeutschland, um sich zu vernetzen, um Erfahrungen auszutauschen, so Kristina Deselaers:

"Viele haben die gleichen Themen, bei denen es manchmal etwas kompliziert ist, etwas zu organisieren oder rechtlich abzusichern. Oder: Man freut sich auch über die gleichen Dinge. Und dann ist es natürlich mal eine tolle Sache, sich mal zu vernetzen. Dinge zu besprechen, damit nicht jeder das Rad neu erfindet. Es ist wie Repair-Café selber: Es geht um Wissenstransfer."

Geklärt werden können dann zum Beispiel Versicherungsfragen: Was passiert, wenn Kunden oder ehrenamtliche Helfer sich während ihrer Arbeit im Repair-Café verletzen? Wie kann man sicherstellen, dass von reparierten, mit 220 Volt betriebenen Elektrogeräten, keine Gefahr ausgeht?

"Der Bereich, der sich mit Strom befasst, ist etwas, das mit sehr viel Vorsicht gehandhabt wird. Zumindest bei den Repair-Cafés, die ich kenne und bei uns sowieso: Da wird erstmal nicht jeder rangelassen, sondern das macht eine Elektrofachkraft oder jemand, der darin unterwiesen ist. Und dann sagt der auch, was der Besucher selber machen kann und was nicht. Und wenn das Gerät unser Repair-Café verlässt, dann wird es vorher VDE-endgeprüft. Das heißt, wir haben ein Prüfgerät. Und da werden bestimmte Messungen mit gemacht, dass da keine Fehlerströme sind. Dass man wirklich sagen kann: 'Ja, das ist jetzt in Ordnung! Da passiert nichts!'"

Am Ende, das ist das Ziel in den Repair-Cafés, sollen die Besucher mit wieder funktionstüchtigen Küchen- oder Faxgeräten, Rasenmähern oder Klappstühlen nach Hause gehen. Ressourcen werden geschont und Müll vermieden. Und nebenbei, fast genauso wichtig, kommt man ins Gespräch miteinander, während man zusammen den den defekten Mixer untersucht:

"Das ist so ganz alltagsnah. Und irgendwie hat das auch so eine herzliche Note. Gerade, weil so viele ältere Leute eine Rolle spielen, die gerade an so einem Punkt im Leben sind, wo sie denken: 'Braucht mich denn noch jemand? Und ich habe da was auf dem Kasten! Sieht das keiner mehr?' Und es wird da gesehen. Und Alt und Jung vermischen sich da."

Und genau davon ist auch Kristina Deselaers Mutter überzeugt. Die ältere Dame sitzt mit ihrer Kollegin unten im Repair-Café. Vor sich eine Nähmaschine.

"Das heißt Nähstation, wie Sie sehen. Und dann reparieren wir. Eben haben wir eine schöne Cordjacke mit einem schönen kaputten Loch gehabt. Und das hat sie zusammengenäht. Wir finden das so toll, die Idee. Jeder ist begeistert und geht mit diesem neu reparierten Gegenstand wieder aus dem Haus."

(* Der Name ist der Redaktion bekannt.)

 

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