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Kampf um Kaviar

Die Region Kaspisches Meer gehört zu den der wichtigsten Ölversorgern Europas. Doch das größte Binnenmeer der Welt liefert ein weiteres wertvolles Produkt für den westeuropäischen Markt: den Kaviar. Diese beiden Wirtschaftszweige sind kaum vereinbar. Je mehr Ölförderplattformen im Kaspischen Meer entstehen, desto mehr steigt die Wasserverschmutzung. Andrea Rehmsmeier berichtet.

    In Kabinett 411 der juristischen Fakultät läuft das Seminar "Internationales Umweltrecht". Es ist ein sehr junger Rechtsbereich. Die Astrachaner Universität hat ihn erst kürzlich eingeführt. Kaum ein Dutzend Studenten verlieren sich in dem Hörsaal. Wie sind die Interessen der Ökonomie und Ökologie vereinbar? Das ist die Frage, die heute im Raum steht. Welche Rechtmittel gibt es, die Stör-Wilderei zu stoppen? Wie kann man die Gefahr einer Ölpest im Kaspischen Meer verhindern und die großen Energiekonzerne dazu bringen, Umweltstandards einzuhalten? Es entspinnt sich eine hitzige Diskussion.

    "Das Wohlergehen der Störe und der anderen heimischen Tierarten ist für uns sehr wichtig. Aber der Stör ist ohnehin dem Tode geweiht. Es gibt keine Rechtsmittel, mit denen man sein Aussterben aufhalten könnte. Na gut, es gibt sie, aber sie funktionieren nicht. Um das Umweltbewußtsein unserer Gesellschaft zu verbessern, bräuchten wir im Kaspischen Meer wohl erst eine große Ölpest."

    "Nein, nein, der Schock einer Ölpest würde auch nichts bringen. Für uns wäre das eine Katastrophe, aber die in Moskau würden das noch nicht einmal bemerken. Aber von Moskau hängt doch alles ab, denn von dort kommt das Geld. Ob wir hier an brennenden Ölquellen ersticken, ist denen da oben doch egal! Es ist ein Teufelskreis. Um das öffentliche Bewusstsein zu ändern, müsste sich die staatliche Politik ändern. Damit die Leute endlich sehen, dass unser Staat nicht nur Wegwerf-Gesetze erlässt, sondern Geld für Naturschutz zur Verfügung stellt und Umweltvergehen verfolgt. Statt dessen führt man Scheindebatten. Als Putin in Juni zu Gast bei unserem Gouverneur war, hat er wieder und wieder betont, dass der Stör unbedingt geschützt werden muss. Und die Wilderei geht infach weiter.".

    Dozentin Ljudmilla Kiseljova, eine Frau mit sportlicher Kurzhaarfrisur und energischen Gesten, hat aufmerksam zugehört. Sie ist Meeresbiologin mit politischer Praxis: Im Auftrag von Behörden, Bauträgern oder Energiekonzernen erstellt sie Umweltgutachten. Jetzt wendet sie sich mit beschwörender Geste an die Studenten:

    "Der erste beste Unfall auf einer Ölplattform wird tödlich sein für den gesamten Norden des Kaspischen Meeres. Weil unsere Energiekonzerne, Gasprom und Lukoil, bislang weder das Geld noch die technische Ausrüstung zur Verfügung stellen, um effektiv gegen die Verschmutzung vorzugehen. Wenn jetzt ein Öltanker havariert, greift weder die russische noch die internationale Gesetzgebung. Man kann die Konzerne nicht einmal haftbar machen. Daher steht uns nur ein einziges Rechtsmittel zur Verfügung: Das Menschenrecht auf eine gesunde Umwelt. Was wir brauchen ist ein Team guter Juristen, die damit vor den Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ziehen und das dort durchsetzen. Aber gegen einen Konzern wie die Gasprom zu klagen – dazu sind wir Russen einfach nicht bereit."

    Sicherheitsstandards und Umwelthaftung, das fordert Ljudmilla Kisiliova seit Jahren. Doch ihren Forderungen stehen die Interessen einer mächtigen Industrie gegenüber. Und sie kämpft relativ allein, denn viele nicht-staatliche Umweltverbände aus Astrachan haben sich in den vergangenen Jahren aufgelöst, mancher frühere Aktivist hat die Seiten gewechselt. Kiseljova wechselte auf die internationale Ebene. In den vergangenen fünf Jahren leitete sie ein groß angelegtes UNO-Projekt: Geplant ist ein weitläufiges Naturschutzgebiet, das sich über weite Teile des Wolga-Deltas, der kalmykischen Republik und der Region Wolgograd erstreckt.

    Jetzt setzt die Dozentin ihre Hoffnung in die junge Generation. Die Studenten zu sensibilisieren, das ist ihr größtes Anliegen. Darum nimmt sie Lehraufträge an der Universität gerne an. Doch wenn sie hört, was ihre Studenten zu erzählen haben, dann weiß sie, dass das Umweltrecht in der Wolga-Region noch einen langen Weg vor sich hat.

    "Ich jobbe in einem kleinen Produktionsunternehmen für Störprodukte. Und ich sehe jeden Tag, wie nötig die eine Gewerkschaft und eine starke Rechtsabteilung hätten. Aber sie können das nicht finanzieren. Bei Gasprom oder Lukoil kann man als Justiziar mehrere tausend Dollar verdienen, aber dort bekommt man im Schnitt 2000 Rubel, das sind 60 Dollar im Monat. Darum wird sich niemand von uns freiwillig auf Umweltrecht spezialisieren, jedenfalls nicht in den nächsten zehn oder 15 Jahren. Dann würden wir verhungern. Es bringt einfach kein Geld."