Dienstag, 28. Juni 2022

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Kampf um Suhrkamp

"Im Prinzip sieht alles so aus, als würde es auf eine Auflösung des Suhrkamp-Verlages hinauslaufen", schätzt Joachim Güntner die Situation nach dem Urteil des Landgerichts Berlin ein. Eine Option zur Rettung des Verlags wäre ein Investor, an den die zerstrittenen Gesellschafter den Verlag verkaufen könnten.

Joachim Güntner im Gespräch mit Stefan Koldehoff | 10.12.2012

Stefan Koldehoff: Mit einem Teil dessen, was das Landgericht Berlin heute Mittag entschieden hat, war gerechnet worden: Mal wieder – wie schon seit Jahren – streiten die Gesellschafter des Suhrkamp-Verlags miteinander. Diesmal ging es vordergründig um eine finanzielle Frage: Der Medienunternehmer und Suhrkamp-Minderheitsgesellschafter Hans Barlach hatte der Geschäftsführung, zu der die Verlegerwitwe Ulla Unseld-Berkéwicz gehört, vorgeworfen, durch die Anmietung von Event-Räumen im Haus von Frau Unseld-Berkéwicz Privates und Geschäftliches unzulässig vermischt und dem Verlag geschadet zu haben. Hat die Geschäftsführung tatsächlich, entschied das Gericht, und verurteilte die drei Geschäftsführer – unter ihnen Ulla Unseld-Berkéwicz - deshalb zur Zahlung von rund 282.000 Euro Schadenersatz. Dann aber kam – fast im Nachklapp – der eigentliche Hammer: Die Entlastung der Geschäftsführung durch die Gesellschafterversammlung im Jahr 2011 wurde für nichtig erklärt und die drei Geschäftsführer abberufen. Und damit hat, was eigentlich nur ein Streit um Geld und um Stil war, doch eine ganz andere Dimension bekommen – auch wenn Suhrkamp sofort Berufung eingelegt hat. Das nämlich – und diese Frage geht jetzt an meinen Kollegen Joachim Güntner, der den Streit seit Langem verfolgt –, das war doch offenbar das Ziel von Hans Barlach: Weg mit der Witwe, oder?

Joachim Güntner: Es ist in den Jahren, die Hans Barlach dabei ist – das ist seit 2007 -, sicherlich sein Ziel geworden und ich denke es ist ein bisschen das Ziel deswegen geworden, weil er immer so als der hemdsärmelige Kaufmann aus Hamburg abqualifiziert worden ist, mit dem sozusagen die Kulturbeflissenen Suhrkämper sich eigentlich gar nicht abgeben müssen. Mein Eindruck, als ich eben im Jahre 2007 einmal mit Hans Barlach sprach, war eigentlich der, dass er im Grunde ganz zufrieden damit gewesen wäre, könnte er das tun, was das Gesellschaftsrecht vorsieht, nämlich ein oder zwei Geschäftsführer in die Verlagsleitung von Suhrkamp entsenden, eine gewisse kaufmännische Präsenz und Kompetenz dort ausstrahlen und sozusagen sich mit dieser Rolle begnügen und dann mittelbar am Suhrkamp-Nimbus partizipieren. Das hat man nicht zugelassen, man hat alle Versuche abgeschmettert als Mehrheitsgesellschafterin, was die Unseld-Familienstiftung ja ist, ihn mit Geschäftsführern dort präsent sein zu lassen, und man hat es, glaube ich, einfach mit ihm vergrätzt und jetzt hat es diese brachialen Züge angenommen, dass ein Gericht sieht: Hier sind anstößige Verhältnisse, das Verhältnis zwischen den Gesellschaftern ist zerrüttet und im Grunde jetzt den Auftrag erteilt, die Geschäftsführung möge bitte sich selber entlassen. Das ist spektakulär!

Koldehoff: Das sagen die Agenturen und verschiedene Medien heute genauso. Nun kann man dieses heutige Urteil ja wahrscheinlich nicht ohne ein zweites Verfahren sehen, das in der vergangenen Woche in Frankfurt stattgefunden hat, bei dem die Anteilseigner den Ausschluss des jeweils anderen und Hans Barlach sogar die Auflösung des Verlags beantragt hat. Die Entscheidung soll im Februar verkündet werden. Das klingt nicht nach großen Perspektiven fürs Haus, oder ist das alarmistisch, wenn man das fragt?

Güntner: Nein. Also wir müssen uns jetzt nicht schon gleich die Ausschlachtung des Suhrkamp-Verlages ausmalen. Das können wir auch gerne mal probehalber tun, was das bedeuten würde. Aber es ist sicherlich so, dass das Gesellschaftsrecht die Auflösung als eine ganz normale Option vorsieht für den Fall, dass die Gesellschafter untereinander zerstritten sind, oder dass dieses Zerwürfnis sozusagen heillos ist, und von daher sehe ich eigentlich gar keine andere Chance für das Frankfurter Landgericht, als im Februar, wenn sie entscheiden, entweder dem Ausschluss der einen Gesellschafterseite stattzugeben – und das kann in dem Fall nur heißen: der Seite, die Ulla Unseld-Berkéwicz vertritt -, und damit Hans Barlach recht zu geben, oder aber, wenn sie Barlach nicht recht gibt, dann darüber zu befinden, ob sie auflösen muss, ob sie die Kommanditgesellschaft (das ist die eigentliche Besitzgesellschaft bei Suhrkamp) auflösen muss, und das sieht das Gesetz so vor. Also im Prinzip sieht alles so aus, als würde es auf eine Auflösung dann mittelbar nicht nur der Kommanditgesellschaft, sondern auch des Suhrkamp-Verlages hinauslaufen. So sieht es aus.

Koldehoff: …, es sei denn, einer hebt die weiße Fahne, oder reicht die Hand. Gibt es denn da irgendwelche Hinweise, dass das noch geschehen könnte?

Güntner: Bis jetzt gibt es ja, ich möchte mal sagen, Hochmut kommt vor dem Fall, bei aller Sympathie für den Suhrkamp-Verlag. Aber Peter Raue hat mir noch letzte Woche gesagt, also an Hans Barlach verkaufen wir auf keinen Fall.

Koldehoff: Das ist der Anwalt der Familienstiftung.

Güntner: Das ist der Anwalt und er ist zugleich stellvertretender Vorsitzender in der Unseld-Familienstiftung. Also er ist auch zugleich Partei. Er hat gesagt, Kinder verkauft man nicht. Und das Problem bei der ganzen Geschichte ist: Wie will man Suhrkamp taxieren? Hans Barlach sagt, der Verlag ist 75 Millionen wert. Wenn Sie sich in der Branche umhören, sagen alle Leute: Sie werden keinen Investor finden, der das bereit ist zu zahlen. Wie soll man den Verlag bewerten, die Buchbestände? Da wird der neue Eigner vielleicht sagen, die hätten längst makuliert werden müssen. Die Autoren gehen vielleicht von der Fahne, wenn der Verlag den Eigentümer wechselt. Also das ist unglaublich schwer. Herr Raue hat gesagt, als damals Joachim Unseld, der Sohn des alten Verlagspatriarchen Siegfried Unseld, seine Anteile an Hans Barlach veräußert hat, da wurden als Bemessungsgrundlage 18 Millionen Verlagswert angenommen. Also solange auf der einen Seite Hans Barlach steht und sagt, ich finde aber, der Verlag ist 75 Millionen wert und in dieser Relation müssen meine 39 Prozent Geschäftsanteile bewertet werden, und auf der anderen Seite die Unseld-Familienstiftung sagt, an so einen Typen verkaufen wir nicht, sehe ich noch gar nicht, wie die miteinander ins Gespräch kommen können. Es kann natürlich die Option einfach sein, dass man sagt, wir holen einen Investor, verkaufen das für viel Geld und dann teilen wir es auf. Aber wie gesagt: Diesen Investor müssen sie erst mal finden.

Koldehoff: Auch Bücher machen ist ein Geschäft, selbst in einem Verlag wie Suhrkamp. Die FAZ hat am Wochenende geschrieben, wenn es zu Ende ginge, würde nicht nur das linke Herz der alten Bundesrepublik verschwinden, sondern ein intellektueller Fixstern des Milieus. - Joachim Güntner hat uns ein bisschen bei der Einordnung geholfen. Vielen Dank!


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