
Mit seinem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos sorgte der kanadische Regierungschef Mark Carney für Aufsehen. Auch bei US-Präsident Donald Trump, der sich prompt über Carneys Rede beschwerte. Denn dieser hatte erklärt, die alte Weltordnung sei zerbrochen und käme auch nicht mehr zurück. Aber man sollte ihr auch nicht hinterhertrauern, aus dem Bruch könne etwas Größeres, Besseres, Stärkeres und Gerechteres entstehen.
Um nicht zwischen den Großmächten USA und China zerrieben zu werden, müssten die Mittelmächte sich zusammentun, forderte Carney. Denn wenn sie nicht mit am Tisch säßen, stünden sie auf der Speisekarte.
Kanada wolle für andere Länder ein Partner sein, der langfristige Beziehungen auf der Grundlage von Werten anstrebe. Die USA erwähnte Carney dabei nicht, dafür betonte er, dass er Partnerschaften mit anderen Mittelmächten anstrebe, darunter europäischen Staaten. Aber wie eng könnten die Beziehungen Kanadas zu Europa und der EU werden?
Spekulationen über EU-Beitritt Kanadas
Europa und Kanada pflegen schon lange enge Beziehungen, aber mit Beginn der zweiten Präsidentschaft Trumps, der Kanada gerne mal als 51. Staat der USA bezeichnet, wird immer öfter über einen möglichen EU-Beitritt Kanadas spekuliert. So schlug der frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) Anfang 2025 vor, Kanada in die EU aufzunehmen. Europa müsse sich angesichts der zweiten Amtszeit von US-Präsident Trump nach neuen Bündnispartnern umsehen und Kanada sei ein strategisch und wirtschaftlich enorm wichtiges Land und in vielen Dingen europäischer als manche EU-Mitgliedstaaten.
Da gebe es sicher eine kulturelle, politische und auch sprachliche Nähe, sagt Laura von Daniels von der Amerika-Forschungsgruppe der Stiftung Wissenschaft und Politik. Aber man müsse auch die geografische Entfernung sehen. Aus Sicht der EU gebe es zahlreiche andere Kandidaten, die einen EU-Beitritt vielleicht nötiger hätten als Kanada - etwa die Ukraine.
So arbeiten Kanada und die EU schon zusammen
Kooperationen zwischen beiden Seiten sind aber auch ohne einen EU-Beitritt möglich und schon längst gängige Praxis. Was EU und Kanada in die Waagschale werfen können, zeigt sich schon darin, dass die zusammen rund 490 Millionen Einwohner haben (350 Millionen hat die EU, Kanada rund 40 Millionen) und nach Angaben des Europäischen Rats fast ein Fünftel des weltweiten BIP erwirtschaften und rund 19 Prozent des weltweiten Handels mit Waren und Dienstleistungen abwickeln. Flächenmäßig ist Kanada nach Russland der zweitgrößte Staat der Erde.
Grundlage der Handelsbeziehungen zwischen der EU und Kanada ist seit mehreren Jahren das Wirtschafts- und Handelsabkommen CETA, das seit September 2017 vorläufig in Kraft getreten ist. Obwohl es noch nicht von allen EU-Staaten ratifiziert ist, nahm der Handel mit Waren und Dienstleistungen zwischen 2016 und 2024 um etwa 72 Prozent zu. Mit einem Anteil von fast acht Prozent am Handel war die EU der zweitgrößte Handelspartner Kanadas. Allerdings mit extrem großem Abstand hinter den USA.
Mehr als 75 Prozent der kanadischen Exporte gehen weiterhin in die USA. Die Wirtschaft beider Länder ist äußerst eng verflochten. Auch für die EU sind die USA noch der wichtigste Handelspartner. Kanada steht auf Platz zwölf der wichtigsten EU‑Handelspartner.

Doch Kanada und EU wollen ihre Handelsbeziehungen ausbauen: Auf einem Gipfeltreffen Ende Juni 2025 vereinbarten beide Seiten zudem eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft und Verteidigung. Kanada ist Mitglied des Programms SAFE (Security Action for Europe). Die EU stellt dabei Geld bereit, um den gemeinsamen Kauf von Waffen zu fördern. Das sind 150 Milliarden Euro, auf die Kanada auch zugreifen kann. Insbesondere die größere Unabhängigkeit von Washington dürfte für Kanada ein starkes Motiv gewesen sein, dem Programm beizutreten.
Das wirtschaftliche Verhältnis von Kanada und den USA
Obwohl der Handel Kanadas mit der EU wächst, bleiben die USA der dominante Partner. Die USA als wirtschaftlich-technologische und militärische Supermacht sind mit rund 350 Millionen Einwohnern und einem BIP von rund 29,2 Billionen US-Dollar die derzeit stärkste Volkswirtschaft der Welt.
Kanada kommt mit seinen 40 Millionen Einwohnern auf ein Bruttoinlandsprodukt von rund 2,25 Billionen US-Dollar im Jahr 2024. Die Waren- und Handelsströme Kanadas sind mit rund 70 bis 75 Prozent in Richtung USA ausgerichtet, auch wenn der Export leicht sinkt. Zugleich ist Kanada aber auch das wichtigste Exportziel für 32 der 50 US-Bundesstaaten.
Was die EU von Kanada lernen kann
Für Laura von Daniels von der Stiftung Wissenschaft und Politik hat Carney mit seiner Rede die Richtung für eine Zukunft der EU gewiesen. „Es geht darum, Nostalgie beiseitezulegen und nicht länger zu übertünchen, dass wir eine Disruption auch im Verhältnis mit den Vereinigten Staaten haben, wie wir sie bisher nicht kannten. Das bedeutet natürlich auch als Antwort, dass man die eigene Abhängigkeit abbauen muss, nicht nur von den USA, und dass man die Kooperation mit anderen Mittelmächten sucht.“
Wie das konkret aussehen könnte, erläuterte Carney ebenfalls in Davos. Kanada habe in den vergangenen sechs Monaten zwölf weitere Handels- und Sicherheitsabkommen auf vier Kontinenten geschlossen, unter anderem mit China. Mitte Januar 2026 einigten sich Xi Jinping und Carney darauf, Handelsbarrieren bei bestimmten Produkten abzubauen. China senkt die Zölle auf kanadischen Raps, Kanada senkt im Gegenzug Zölle auf chinesische Autos. "Wir haben unseren Handel diversifiziert, indem wir andere Teile der Welt erschlossen haben", erklärte Carney.

Dass die veränderte Weltlage noch nicht überall in der EU angekommen ist, zeigt sich für die Politologin Nicole Deitelhoff vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung am Mercosur-Abkommen. Die Verzögerung des Abkommens im EU-Parlament habe gezeigt, dass sich die Grünen über die Folgen ihres Abstimmungsverhaltens nicht im Klaren gewesen seien. Die europäischen Regierungschefs hätten hingegen geschlossen hinter dem Abkommen gestanden, selbst der französische Präsident Macron. Insgesamt wachse in der EU das Bewusstsein dafür, dass es schwer werde, mit den alten Entscheidungsverfahren und Abstimmungsprozessen in der neuen Weltordnung zu bestehen.
gue












