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StartseiteSonntagsspaziergangDas Gulliversum zu unseren Füßen03.02.2019

KanaldeckelDas Gulliversum zu unseren Füßen

Sie liegen uns überall zu Füssen - und finden doch kaum Beachtung: Kanaldeckel. Dabei sind sie oft aufwendig gestaltet, verweisen auf die Stadtgeschichte, zeigen Wappentiere und Stadtheilige. Um diese Vielfalt zu erhalten, haben Fans die Wissenschaft vom Gullideckel begründet, die Dolologie.

Von Katja Lückert

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Paderborn, Kanaldeckel, mit dem Symbol der drei Hasen (picture alliance / Rainer Hackenberg)
Wahrzeichen Paderborns: das Dreihasenbild findet sich im Kreuzgang des Domes - und auf einigen Kanaldeckeln der Stadt (picture alliance / Rainer Hackenberg)
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Wenn man Lukas Müller vom Schweizer Dolologen-Verein die naheliegende Frage stellt, ob er eigentlich immer nur gesenkten Blickes durch die Städte dieser Welt spaziere, dann kommt die Antwort prompt:

"Nicht nur, aber auch."

Denn dort zu unseren Füssen gibt es viel zu sehen, oft marschieren wir recht achtlos über sie hinweg, über die Dolen. Der helvetische Ausdruck Dole stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet eigentlich Röhre, Rinne oder Halbschale, wodurch früher das Abwasser weggeführt wurde. Es ist eine Schachtabdeckung, ein Kanaldeckel, ein Gulli.

Ein Deckel für mittlerweile alles: Wasser, Strom, Internet

Paris, London, Rom - für Lukas Müller gibt es überall Gelegenheit, den Blick auf die runden oder quadratischen Abdeckungen im Boden zu richten, unter denen sich Versorgungsleitungen aller Art befinden, Strom, Telefon, Internet, längst nicht mehr nur die Abwasserleitungen.

"Rom hat sehr viele, und die Besonderheit von Rom, da gibt es noch Steindeckel, die nur in der Regel drei Schlitze haben, in der Mitte einen längeren und links und rechts zwei kürzere und in Rom begegnet man häufig dreieckigen Deckel, da steht dann wunderschön: SPQR, senatus populusque romanus, und die Wölfin ist drauf."

Wo seine Begeisterung für Kanaldeckel angefangen habe und wie man auf so etwas Abwegiges komme; daraus gleich eine Wissenschaft zu machen - die Dolologie, frage ich.

"Ich war mit meiner Familie in Südfrankreich in den Ferien und wir wollten einen Besuch machen im Palais des Papes in Avignon. Ich machte früher von meinen Reisen immer Bilder, wir standen da vor dem Platz und waren dreiviertel Stunden zu früh, dann habe ich auf dem Trottoir einen rechteckigen Deckel gesehen, auf dem stand: Ville d‘Avignon und da habe ich gefunden, ein wunderschönes Beispiel für den Einstieg in diese Bilderserie und ab da habe ich auf den Boden geschaut und habe die Vielfalt entdeckt."

Normierung zerstört die Vielfalt

Heute scheint leider keine römische oder französische Sonne, es regnet und wir gehen wir durch Schaffhausen. Aber was kümmert uns der Himmel, wir schauen ja eh auf den Boden. Die Kürzel auf den Deckel geben meist die Herstellungsorte an. Gegenwärtig gibt es noch etwa vier Werke in der Schweiz, die Deckel produzieren, früher machte das jede Stadt selbst und es gab Deckel in vielen verschiedenen Größen und Formen. Mit der Industrialisierung wurde die Kanalisation vielerorts professionalisiert. 1867 segnete in Zürich die Stadtregierung die Kloakenreform ab. 1868 folgte der Frischwasserbeschluss. Die Folge war ein eigentlicher Dolendeckelboom. Die heutige Normierung ist Müller ein Graus, er liest überall die ganz eigene Sprache der Deckel.

"Dieser Deckel ist sehr alt, es ist kein Signet darauf, ich vermute, das könnte einer sein, aus der lokalen großen Gießerei Georg Fischer. Er ist alt, weil er Rillen hat, das macht man heute gar nicht mehr vor allem wegen der Radfahrer."

Kanaldeckel in Budapest, Ungarn. (picture alliance / Weingartner)Pracht in Budapest: polierter Kanaldeckel (picture alliance / Weingartner)

Um die, die drüber fahren, geht es zumeist bei der heutigen Gestaltung von Deckeln. Die Dolen sollen keine Stolperfallen bilden, wie ein wunderschönes Exemplar aus dem kleinen Dorf Paspels in Graubünden, ein Dolendeckel, der aussieht wie ein Gugelhupf und leicht jeden Fußgänger zum Stolpern bringt. Doch die meisten Deckel müssen auf den Straßen die immer schwereren Lastwagen aushalten.

"Also normalerweise sind Gullis, Dolendeckel aus Gusseisen und Gusseisen ist ein sehr starres Material, das druck-und biegefest ist und die Tendenz der neueren Deckel, die haben ein anderes Material. Beim Gießen wird dort Magnesium zu gegeben und dank diesem Magnesiums werden die Deckel leicht beweglich. Das heißt, die werden in einen Rahmen hinein gepresst und dann losgelassen und dann sitzen sie sehr fest, das heißt, das Scheppern fällt dann wirklich weg."

Ein Gullideckel muss 60 Tonnen Lkw aushalten

Schade eigentlich. Der Schweizer Dolologen-Verein hat 23 Mitglieder, es sind Psychologen, Ärzte, aber auch Handwerker und sie alle haben eine Mission:

"Wir möchten die Tiefbauämter dazu bewegen, dass sie, wenn sie eine Straße sanieren, nicht unbedingt auf den billigsten Deckel schauen."

Im Städtchen Klingnau im Kanton Aargau wurde die Altstadt saniert. Mit jeder Sanierung geht die Vielfalt alter, oft stilvoll gestalteter Kanaldeckel verloren, meint Lukas.

"Das kostete Millionen, sag ich jetzt mal, ging auch über zweieinhalb Jahre und die haben jetzt Deckel von einem Billiganbieter, und zwar in der ganzen Stadt den gleichen Deckel und der Deckel hat die Klasse E600, das bedeutet er kann mit einem Fahrzeug von 60 Tonnen befahren werden. Das ist irre, ich finde das nicht sinnvoll und was ich auch nicht sinnvoll finde, ist, da hat man einen Platz und der kostet eine Millionen und dann hat man 20 Deckel und bei diesen 20 Deckeln hat man jetzt 20 mal 100 Franken gespart. Da ist doch in keinem Verhältnis, also ich versteh‘ das nicht."

Mount Fuji auf einem japanischen Kanaldeckel in Kawaguchiko. (picture alliance / Friso Gentsch)Heiliger Berg auf dem Boden: Der Fuji auf einem japanischen Kanaldeckel (picture alliance / Friso Gentsch)

Wer von Schaffhausen den Rhein hinauf fährt, landet mit der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein im schmucken Städtchen Stein am Rhein. Am Schiffsanleger ist viel Betrieb - der nächste Dolendeckel, gleich am Eingang zur Altstadt scheint aus dem Mittelalter zu stammen.

"Stein am Rhein, die haben einen Deckel mit dem Georg auf dem Pferd, der da den Mantel teilt und die haben das gemacht für ihr Stadtbild und haben die ganze Stadt damit bedient, aber das ist ein Einzelexemplar. Dürfte in den Siebzigern oder Achtzigern gewesen sein."

In Japan eine Kunstform

Modernes Stein am Rhein, das sich ganz gegen den allgemeinen Trend entwickelt. Die Dolenwelt ist sehr divers, während in China, das Eisen öfters mal geklaut und als Altmetall gesammelt wird, hat Japan geradezu eine eigene Kunstform aus der Gestaltung von Gullideckeln gemacht. Die Deckel werden dort kunstvoll mit Zeichnungen verziert und bemalt. Ein Dolendeckel wiegt rund 40 Kilo, weshalb es als Sammler -Objekt nicht ganz leicht zu nehmen ist, wer heute Dolendeckel sammelt, hat meistens nur Abbildungen von ihnen, auch Lukas Müller besitzt einige Tausende.

"Mein Fachgebiet ist die Fotografie, aber natürlich bekomme ich auch Deckel. Zu meinem 50.Geburtstag habe ich einen wunderschönen goldbemalten Deckel geschenkt bekommen. Ich war früher auch mal als Lehrer tätig und einige Klassen haben mir den Deckel geschenkt, als Abschiedsgeschenk mit Unterschriften. Die mussten mir versprechen, dass er nicht geklaut ist, sonst würde ich ihn nicht annehmen."

Es ist klar, der goldenen Deckel würde einen Ehrenplatz im Dolenmuseum bekommen, von dem Lukas Müller und seine Dolologen noch immer träumen - denn keine Bildersammlung ersetzt die Hardware, für diese erklärten Hardwarefans.

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