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Kandidaten entäuschen Erwartungen

Auf keines der brennenden Themen haben die Spitzenkandidaten im französischen Präsidentschaftswahlkampf konkrete Antworten gegeben. Mir ihrer Angst vor Arbeitsplatzabbau im Zeichen der Globalisierung bleiben die Franzosen somit allein. Dabei sind die Erwartungen an Staat und Politik hoch. Aus Paris berichtet Margit Hillmann.

    In einer Bar der nordfranzösischen Kleinstadt Albert, nur wenige Kilometer vom Airbus-Standort Méaulte entfernt: Die junge Wirtin hinterm Tresen hört ihre Kunden jeden Tag über die angekündigten Entlassungen bei Airbus und eine ungewisse Zukunft diskutieren. Manchmal wütend, oft mit Sorge, sagt sie:

    "Die Leute sind wütend, auch wenn man sie inzwischen weniger meckern hört. Sie haben natürlich Angst. Alle haben sie Angst. Die Leute haben Kredite laufen, fürs Haus oder das Auto. Sie machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Familie, ihrer Kinder. Und wo sollen sie wieder Arbeit finden? Wo? Das ist das große Problem. Ich weiß nicht, wie sie das hinkriegen wollen."

    Zwei Rentner, die an einem kleinen Tisch ihren Wein trinken, sehen das genauso: Wer arbeitslos wird, riskiert in der Gegend keine neue Stelle zu finden. Es gibt hier ja kaum noch Unternehmen, sagt der Ältere der beiden, der selbst mehrere Jahrzehnte im heutigen Airbus-Unternehmen gearbeitet hat:

    "Was bleibt uns denn hier noch. Diese Gegend war früher ein Zentrum des Maschinenbaus. Wir haben hier Drehbänke, Hobelmaschinen und Fräsmaschinen und so weiter gebaut. Nicht weit von hier gab es eine Fabrik, die haben Handtücher und Schwämme hergestellt: weg, einfach so! Wo soll das enden? Sollen wir in Zukunft alles von den Chinesen kaufen? Das ist wohl ein Witz!"

    Ein Architekt, der seinen Kaffee am Tresen trinkt, bezweifelt denn auch, dass der so genannte Power8-Sparplan eine europäische Umstrukturierung sei, mit dem Unternehmen aus der Krise geholt werden soll. Airbus will Teile der Produktion in Billiglohnländer verlagern, glaubt er:

    "Alle hier denken das. Die wollen in Wirklichkeit auslagern, dahin, wo die Arbeitskraft billiger ist. Das liegt ja auch auf der Hand: Wieso sonst sollten die so viel Personal entlassen, wenn doch die Auftragsbücher voll sind? Ich glaube, es geht nur darum, noch mehr Geld zu verdienen."

    "Die wahren Motive werden verschwiegen. Das wahre Motiv ist das Auslagern der Arbeit in Billiglohnländer."

    Davon ist auch Odile Denis, Ingenieurin und Gewerkschaftsvertreterin bei Alcatel-Lucent überzeugt. Der Brachenriese der Telekommunikation will, wie im Februar bekannt wurde, weltweit 12.500 Arbeitsplätze abbauen, davon rund 1500 in Frankreich. Offiziell begründet die Direktion den Personalabbau mit der Fusion zwischen Alcatel und dem amerikanischen Unternehmen. Dadurch seien Arbeitsplätze überflüssig geworden. Doch das erkläre nur einen Teil der vorgesehenen Kündigungen, rund ein Drittel der geplanten Entlassungen, meinen die französischen Gewerkschafter. In Wahrheit bereite der Konzern vor, günstige Standorte in Asien mit der Arbeit zu beauftragen, hoch qualifizierte Arbeit einschließlich die der Forschungsabteilungen des Telekommunikationskonzerns:

    "Wenn es um das Verschieben der Arbeit in Billiglohnländer geht, denken die Leute im Allgemeinen an Textilbetriebe und so weiter. Aber wir befinden uns schon in der nächsten Etappe. Bei Alcatel sind überwiegend Ingenieure beschäftigt. In meinem Betrieb sind mehr als 90 Prozent Ingenieure und Führungskräfte. Trotzdem ist unser Standort stark von den Entlassungsplänen betroffen."

    Sie machen sich nichts vor, sagen die Alcatel-Gewerkschaftsvertreter. Es werde auf jeden Fall Entlassungen geben. Doch müsse verhindert werden, dass nach und nach hoch qualifizierte und zukunftsträchtige Arbeit in die Billiglohnländer verschwindet, bis die Standorte in Frankreich schließlich ganz dichtgemacht werden. Und dass sei Aufgabe der Politik, die müsse regulierend eingreifen. Die Erwartungen der Franzosen an den Staat sind hoch. Er sei dafür verantwortlich, die Folgen der Globalisierung abzufedern, heißt es immer wieder. Die Gewerkschafter haben die Kandidaten der Präsidentschaftswahlen eingeladen, um ihre Positionen zu erfahren. Deren Antworten waren allerdings nicht sehr befriedigend, seufzt Gewerkschafterin Odile Denis:

    "Die beiden Hauptkandidaten Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy, haben uns beide versichert, dass sie die Unternehmensforschung und -entwicklung mit einer gezielten Politik unterstützen wollen, um den Standort Frankreich attraktiver zu machen. Aber keiner der beiden hat uns konkrete Details oder Zahlen genannt. Ihre Antworten waren doch sehr oberflächlich."