Dieser Roman ist trockene Thesensammlung und saftiger Kitschroman zugleich und er kehrt alle europäischen Moralvorstellungen um. Die Guten sind die Fabrikbesitzer, fleißig und visionär, sie wirtschaften in die eigene Tasche und damit für das Wohl der Nation. Die Bösen sind Parasiten und soziale Almosenempfänger, die unfähige, schwache, dumpfe Masse. Zwischen diesen Polen gibt es nichts. Und als die egoistischen Großindustriellen in den Streik treten, bricht die Welt auf einmal zusammen.
In der 30 Meter großen Kölner Industriehalle, die jetzt interimsweise das Schauspiel Köln ist, stellt Intendant Stefan Bachmann seine Protagonisten zunächst starr in kleine Lichtinseln. Jeder ist sich im eigenen Spot selbst der Nächste, sogar wenn eine große Party gefeiert wird. Dagny Taggart will die größte Eisenbahngesellschaft Amerikas retten, Hank Rearden liefert ihr den billigen Stahl dazu, behindert werden sie von Hanks nichtsnutziger Mutter und Ehefrau oder Dagnys sozial gesinntem und faulem Bruder. Mit lautem Knattern fährt ein LKW in die Halle ein, Nikolaus Benda springt als drecksverschmierter Cowboy und Ölmagnat Ellis Wyatt heraus, der die Dinge trotzdem ins Rollen bringt.
Live vor dem Publikum werden mit Lärm und Gestank zehn Meter Eisenbahntrasse verlegt, während Melanie Kretschmann als Dagny mit stahlharter Stimme und heruntergekühlt hilflos um ihr Riesenprojekt herumspringt. Ganz fern von amerikanischen Moralvorstellungen gönnt sie sich mit dem verheirateten Stahlproduzenten trotzdem heiße Stunden im LKW. Doch auch die Liebe ist bei Ayn Rand nur durch Leistung erkauft.
Bis zur Pause ist die Inszenierung dennoch reines Thesentheater: Die Standpunkte dieser für europäische Ohren so erstaunlichen Kapitalismusbibel werden so unhinterfragt und starr in die Charaktere gepflanzt, als sei es eine Hollywood-Verfilmung. Nach der Pause weitet sich der gut vierstündige Abend dann ins Mythische.
"Was ist das hier für ein Ort? -Liegen sie still, Miss Taggart. -Ich kenne Sie schon seit Jahren! - Kenne ich Sie? Wie heißen Sie? - John Galt!"
John Galt heißt der Heilsbringer, der den Motor der Welt angehalten hat und die visionären Großindustriellen in einer riesenhaften Schneekugel aus Plastik ihren Fabriken entzogen hat – woraufhin alles zusammenbricht wie eine Seifenblase, die im Bühnenbild ebenso angedeutet ist. Unsterblich verliebt sich Dagny Taggart nun in ihn. Bachmann inszeniert Guido Lamprecht als Jesusfigur im Monteursanzug. Seine zentrale Rede kommt schließlich so sympathisch, arrogant-faschistoid und neokolonial zugleich herüber, dass man auch als Zuschauer ins Schlingern gerät: hat John Galt nicht Recht, wenn er vom Sieg der Vernunft über die Dummheit spricht, den Fortschritt preist und die Faulheit verflucht?
Nach langem Anlauf gelingt Stefan Bachmann, die ganze gruselige Gehirnwäsche von Ayn Rands Roman in den Zuschauerköpfen so lebendig zu machen, dass man noch lange darüber nachdenken muss.
"Ich hab ihn 1985 kennengelernt… damals war Köln das Zentrum der Kunstwelt. Er war eine Vision. Ein Bruder im Geiste. Eine Legende."
Der Mann, um den fünf Schauspieler hier in aufgesetztem Zitier-Tonfall kreisen, ist eine andere Art von Heilsbringer: der Künstler Martin Kippenberger, der auch ein paar Jahre Station in Köln machte. Nach seinem Tod mit 44 Jahren begann eine Mythisierung, die heute noch anhält. Die Regisseurin Angela Richter befeuert die Legendenbildung in ihrem Abend "Kippenberger! Der Exzess des Moments" mit einer lustigen, assoziativen Collage von Kunst-Gossip, gesammelt in Interviews mit Kippenberger-Begleitern, die über weite Strecken einer Guido Knopp-Geschichtsdoku ähnelt.
Auf die Spitze getrieben wird das durch eine etwas zu lang andauernde Theatersport-Einlage, in der sich die Schauspieler zu Begriffen wie "Angela Merkel" oder "Kubismus" kippenbergeresk verhalten müssen. Ansonsten wird zwischen fünf riesigen Leinwänden mit Kippenberger-Bildern oft im 80er-Jahre-Stil getanzt. Oder es erzählt der Schauspieler Juri Englert einen grandiosen Viertelstundenwitz über Schildkröten, Weihnachtsbäume und tote Mütter – ganz so wie Kippenberger einst Veranstaltungen mit überlangen Witzen sprengte.
Und natürlich erfährt man viel über die vielen Frauen, die Geburt seines Kindes, darüber, dass er kurz vor seinem Tod an Leberkrebs nach Aceton roch. Nur über Kippenbergers Kunst erfährt man sehr wenig. Vielleicht aber auch sehr viel: Der Abend packt den wilden, eitlen Künstler über die wilde Assoziation. Und das ist zwar ein wenig eitel, aber sehr unterhaltsam.
In der 30 Meter großen Kölner Industriehalle, die jetzt interimsweise das Schauspiel Köln ist, stellt Intendant Stefan Bachmann seine Protagonisten zunächst starr in kleine Lichtinseln. Jeder ist sich im eigenen Spot selbst der Nächste, sogar wenn eine große Party gefeiert wird. Dagny Taggart will die größte Eisenbahngesellschaft Amerikas retten, Hank Rearden liefert ihr den billigen Stahl dazu, behindert werden sie von Hanks nichtsnutziger Mutter und Ehefrau oder Dagnys sozial gesinntem und faulem Bruder. Mit lautem Knattern fährt ein LKW in die Halle ein, Nikolaus Benda springt als drecksverschmierter Cowboy und Ölmagnat Ellis Wyatt heraus, der die Dinge trotzdem ins Rollen bringt.
Live vor dem Publikum werden mit Lärm und Gestank zehn Meter Eisenbahntrasse verlegt, während Melanie Kretschmann als Dagny mit stahlharter Stimme und heruntergekühlt hilflos um ihr Riesenprojekt herumspringt. Ganz fern von amerikanischen Moralvorstellungen gönnt sie sich mit dem verheirateten Stahlproduzenten trotzdem heiße Stunden im LKW. Doch auch die Liebe ist bei Ayn Rand nur durch Leistung erkauft.
Bis zur Pause ist die Inszenierung dennoch reines Thesentheater: Die Standpunkte dieser für europäische Ohren so erstaunlichen Kapitalismusbibel werden so unhinterfragt und starr in die Charaktere gepflanzt, als sei es eine Hollywood-Verfilmung. Nach der Pause weitet sich der gut vierstündige Abend dann ins Mythische.
"Was ist das hier für ein Ort? -Liegen sie still, Miss Taggart. -Ich kenne Sie schon seit Jahren! - Kenne ich Sie? Wie heißen Sie? - John Galt!"
John Galt heißt der Heilsbringer, der den Motor der Welt angehalten hat und die visionären Großindustriellen in einer riesenhaften Schneekugel aus Plastik ihren Fabriken entzogen hat – woraufhin alles zusammenbricht wie eine Seifenblase, die im Bühnenbild ebenso angedeutet ist. Unsterblich verliebt sich Dagny Taggart nun in ihn. Bachmann inszeniert Guido Lamprecht als Jesusfigur im Monteursanzug. Seine zentrale Rede kommt schließlich so sympathisch, arrogant-faschistoid und neokolonial zugleich herüber, dass man auch als Zuschauer ins Schlingern gerät: hat John Galt nicht Recht, wenn er vom Sieg der Vernunft über die Dummheit spricht, den Fortschritt preist und die Faulheit verflucht?
Nach langem Anlauf gelingt Stefan Bachmann, die ganze gruselige Gehirnwäsche von Ayn Rands Roman in den Zuschauerköpfen so lebendig zu machen, dass man noch lange darüber nachdenken muss.
"Ich hab ihn 1985 kennengelernt… damals war Köln das Zentrum der Kunstwelt. Er war eine Vision. Ein Bruder im Geiste. Eine Legende."
Der Mann, um den fünf Schauspieler hier in aufgesetztem Zitier-Tonfall kreisen, ist eine andere Art von Heilsbringer: der Künstler Martin Kippenberger, der auch ein paar Jahre Station in Köln machte. Nach seinem Tod mit 44 Jahren begann eine Mythisierung, die heute noch anhält. Die Regisseurin Angela Richter befeuert die Legendenbildung in ihrem Abend "Kippenberger! Der Exzess des Moments" mit einer lustigen, assoziativen Collage von Kunst-Gossip, gesammelt in Interviews mit Kippenberger-Begleitern, die über weite Strecken einer Guido Knopp-Geschichtsdoku ähnelt.
Auf die Spitze getrieben wird das durch eine etwas zu lang andauernde Theatersport-Einlage, in der sich die Schauspieler zu Begriffen wie "Angela Merkel" oder "Kubismus" kippenbergeresk verhalten müssen. Ansonsten wird zwischen fünf riesigen Leinwänden mit Kippenberger-Bildern oft im 80er-Jahre-Stil getanzt. Oder es erzählt der Schauspieler Juri Englert einen grandiosen Viertelstundenwitz über Schildkröten, Weihnachtsbäume und tote Mütter – ganz so wie Kippenberger einst Veranstaltungen mit überlangen Witzen sprengte.
Und natürlich erfährt man viel über die vielen Frauen, die Geburt seines Kindes, darüber, dass er kurz vor seinem Tod an Leberkrebs nach Aceton roch. Nur über Kippenbergers Kunst erfährt man sehr wenig. Vielleicht aber auch sehr viel: Der Abend packt den wilden, eitlen Künstler über die wilde Assoziation. Und das ist zwar ein wenig eitel, aber sehr unterhaltsam.