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StartseiteDeutschland heuteIm Wesentlichen eine Frage des Milieus02.11.2018

Kapitalverbrechen unter JugendlichenIm Wesentlichen eine Frage des Milieus

Wenn Minderjährige Gleichaltrige töten, schockiert das die Öffentlichkeit. Die Anzahl solcher Taten sei aber nicht gestiegen und sehr gering, sagte Oliver Fricke, Kinder- und Jugendpsychiater an der Universität Witten-Herdecke, im Dlf. Gruppensituationen spielten dabei eine wesentliche Rolle.

Oliver Fricke im Gespräch mit Ute Meyer

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Ein Polizeiwagen mit Blaulicht (dpa/picture alliance/Friso Gentsch)
Kapitalverbrechen unter Jugendlichen sind sehr selten, schockieren aber die Öffentlichkeit. (dpa/picture alliance/Friso Gentsch)
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Ute Meyer: Im Januar hat einer Gesamtschule im westfälischen Lünen ein 16-jähriger Schüler einen 14-jährigen Mitschüler erstochen. Er soll sich durch böse Blicke provoziert gefühlt haben. Heute Mittag wurde das Urteil gesprochen. Sechs Jahre Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Im Sauerland sitzt seit vorgestern ein 14-jähriger Junge in Untersuchungshaft. Er hat gestanden, einen älteren Mitschüler in der Nähe des Schulgeländes erwürgt zu haben. Angeblich war der mutmaßliche Täter unglücklich in das Opfer verliebt. Warum begehen junge Teenager Kapitalverbrechen?

- Darüber möchte ich sprechen mit Professor Oliver Fricke, Kinder- und Jugendpsychiater an der Universität Witten-Herdecke. Herr Professor Fricke, ein 16-Jähriger und ein 14-Jähriger, die Gleichaltrige getötet haben sollen. Was bringt sehr junge Menschen dazu, zu töten?

Oliver Fricke: Solche Ereignisse machen uns natürlich auch betroffen, und das gehört auch für uns nicht zum Alltag. Insgesamt sind solche schwerwiegenden Verbrechen – wir wissen ja noch nicht, ob es ein Verbrechen ist, was letztendlich dahintersteht – ausgesprochen selten. Und auch, wenn es jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung, weil es sich eben auch zeitlich zusammenzieht, gehäuft erscheint, im Rückblick über die vergangenen Jahre ist es gar nicht häufiger geworden. Also wenn man in die Statistiken guckt, dann sind es ungefähr ein bis zwei solcher Vorfälle pro 100.000 Einwohner im Jahr, und das ist seit 1990 ungefähr auch konstant geblieben.

Meyer: Dennoch die Frage: Woher kommt in so jungen Jahren diese Gewalt? Das ist ja ungewöhnlich.

Fricke: Gebe ich Ihnen recht. Wenn man sich das anguckt in der Kriminalstatistik, dann ist insgesamt die Kriminalität im Jugendalter und auch im Alter des Heranwachsenden – das ist von 18 bis 21 dann – fallend. Es gibt ganz gute Untersuchungen dazu, die zeigen, dass die meisten Delikte doch aufgrund von psychosozialen Randfaktoren entstehen, das heißt, Gruppensituationen spielen eine Rolle. Und daneben muss man sich das …

Meyer: Was bedeutet das, Entschuldigung, Gruppensituationen?

Wenn Jugendliche dieses Milieu verlassen, haben sie kein besonders hohes Risiko für schwere Straftaten

Fricke: Also dass jemand in einem Milieu, Jugendmilieu unter Umständen, unterwegs ist, was eher gewaltstiftend ist als gewaltnegierend, dieses klassische "auf die schiefe Bahn kommen". Und auch das kann man ganz gut sehen: Wenn die Jugendlichen dieses Milieu verlassen, haben sie kein besonders hohes Risiko, später noch einmal schwere Straftaten zu begehen.

Meyer: Das heißt, die Straffälligkeit ist gar nicht so sehr eine Frage des Alters, ob jemand nun erwachsen ist oder jugendlich, sondern eine Frage des Milieus?

Fricke: Ganz wesentlich, und dann natürlich altersabhängig auch vom Reifezustand. Also die Kriminalität steigt an mit dem Heranwachsen dann auch, und das, was nicht typisch ist für das Alter, ist, dass es zu so schwerwiegenden Delikten kommt. Häufig sind eben die klassisch kleineren Delikte bis zur Körperverletzung oder einfachen Körperverletzung, was schon schlimm genug ist, aber dass es zu schweren Einzeltaten kommt, ist eher die Ausnahme. Und das muss man sich dann auch immer sehr gut im Einzelfall angucken, was dahintersteht.

Meyer: Was können denn Gründe sein? Also jetzt allzu sehr über die konkreten Fälle spekulieren zu wollen, aber in der Vergangenheit – Sie haben gesagt, es gab schon immer solche Fälle –, was können da Gründe sein, wenn jemand in so jungem Alter schon so schwere Delikte begeht?

Fricke: Was für uns immer ganz entscheidend ist als Psychiater, ist zu klären, ob jemand überhaupt von der sittlichen und geistigen Reifeentwicklung alt genug ist, um als Jugendlicher oder Heranwachsender beurteilt werden zu können. Und das Zweite ist, zu gucken, ob es Einschränkungen der Schuldfähigkeit gibt, ob beispielsweise psychische Zustände, die dahinterstehen, oder psychische Erkrankungen oder Störungen Ursache dafür sind, dass es dann zu einer entsprechenden Tat auch gekommen ist. Unabhängig davon natürlich spielt die Moralentwicklung auch eine Rolle, das heißt, wie gut Jugendliche oder Heranwachsende dann auch gesellschaftliche Normen verinnerlichen können und sich auch daran gebunden fühlen.

Meyer: Das heißt, diese schematische Einteilung, ab 14 ist jemand strafmündig, da greift das Jugendstrafrecht, ab 18 gilt jemand als Heranwachsender und ab 21 als voll strafmündig, das kann man so nicht immer sagen.

Fricke: Das muss jedenfalls positiv beantwortet werden vom Gericht. Das heißt, jemand, der 14 ist, ist nicht automatisch dann auch wie ein Jugendlicher zu beurteilen, sondern er muss von der sittlichen und geistigen Reifeentwicklung dann auch einem Jugendlichen entsprechen.

Meyer: Wie kann man aber diese jungen Menschen, sofern denn das Gericht feststellt und Gutachter, Psychiater feststellen, sie sind strafmündig in gewissem Umfang, wie kann man solche junge Menschen denn überhaupt sanktionieren?

Ziel ist es auch, die Entwicklungsprognose zu verbessern

Fricke: Sanktionieren, wenn es zu einer Freiheitsstrafe kommt, eben im Rahmen beispielsweise des Maßregelvollzugs oder im Rahmen einer Jugendstrafe dann entsprechend. Das Entscheidende ist, dass wir die Vorstellung haben, dass es auch entwicklungsfördernd sein sollte. Also Ziel ist ja, dass jemand auch nach der Strafe dann eine andere Entwicklung geht. Das heißt, Sanktionierung ist der eine Punkt, das andere ist aber, eine Entwicklung zu ermöglichen, dass einmal die Gesellschaft geschützt ist davor, dass noch einmal so ein Ereignis auftritt, aber derjenige auch selbst eine bessere Entwicklungsprognose hat.

Meyer: Sie haben gesagt, auch 1990 hat es schon ähnlich viele Vorfälle gegeben. Auf der anderen Seite wird immer gesagt, Ballerspiele, Videospiele, insgesamt ein gewalttätigeres Umfeld, das beeinflusst Kinder und Jugendliche. Würden Sie dem also widersprechen?

Fricke: Dem würde ich nicht widersprechen, aber es ist immer entscheidend, was dann am Ende strafrechtsrelevant wird. Also Jugendliche sind insgesamt nicht gewalttätiger geworden, die Tötungsdelikte haben ganz eindeutig nicht zugenommen, das muss man ganz klar sagen. Und auch sonst sieht man eher eine Abnahme, was die Gewaltbereitschaft unterhalb der Deliktgrenze angeht – das kann man sozusagen auch in Studien angucken, das hat tendenziell eher zugenommen, ist aber dann nicht unbedingt immer primär ...

Meyer: Das heißt Prügeleien auf dem Schulhof, Abziehen.

Fricke: Solche Dinge, genau, wobei da auch unter Umständen die Sensitivität der Wahrnehmung auch sich verändert hat. Kinder berichten auch vielleicht mehr über das, was auf dem Schulhof passiert, als es vielleicht in einer anderen Generation der Fall gewesen ist.

Meyer: Danke schön, Professor Oliver Fricke, Kinder- und Jugendpsychiater an der Universität Witten-Herdecke. Das Interview haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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