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Karl Philipp Moritz heute

Der Schriftsteller Karl Philipp Moritz legte mit 22 Jahren seinen Roman "Anton Reiser" vor. Dieses Buch wird immerhin als Beginn der modernen deutschen Literatur gewertet. Doch das Gesamtwerk des Generalwissenschaftlers Moritz bietet noch viel mehr: Es zerfällt in die Bereiche Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Sprachgeschichte, Pädagogik und Psychologie.

Von Eva-Maria Götz | 21.09.2006

"Das ist das Problem der heutigen Forschung. Heute brauchen wir, um die Moritzsche Tätigkeit aufzuarbeiten und zu editieren, Leute aus sechs, sieben, acht Bereichen, das heißt, wir brauchen Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker, Sprachhistoriker, Pädagogen, Freimaurerhistoriker, Psychologen, es sind also ganz viel Bereiche, in die heute Moritz` Oeuvre zerfällt und das hat auch die Rezeption dieses Werks solange behindert."
Sagt die Weimarer Moritzforscherin Anneliese Klingenberg über den Schriftsteller, der sich in keine Schublade stecken lässt und der schon zu Lebzeiten die intellektuelle Gesellschaft in Berlin und Weimar in Erstaunen versetzte. Dabei war ihm ein Aufstieg in allerhöchste gesellschaftliche Kreise ganz und gar nicht vorher bestimmt. Am 15. September 1756 als Sohn armer Eltern in Hameln geboren, macht Moritz zunächst eine Lehre als Hutmacher. Die Jahre bei dem sadistischen, bigotten Lehrherrn, der den 14-Jähirgen bis zum Selbstmordversuch trieb und seine zahlreichen Ausbruchsversuche in Richtung Wandertheater, verarbeitet Moritz im "Anton Reiser". In diesem Buch, dass als "Beginn der modernen deutschen Literatur" gewertet wird, findet Moritz sein Thema: die Entwicklung des Individuums in Selbstbestimmung und Freiheit. Konrad Wiedemann, Professor für Deutsche Philologie an der TU Berlin:
"Er stand ja zeitlebens unter dem Eindruck, dass er eine Jugend hinter sich hat, die ihm alle Freiheit genommen hat und von da her, weil er doch früh eine intellektuelle Basis erklommen hat, kann es nur noch darum gegangen sein, wie man Freiheit gewinnt."

Moritz gelingt die Flucht aus der Lehrstelle, mithilfe eines Stipendiums gelingt dem Hochbegabten sogar der Schulbesuch. Über Erfurt und Wittenberg, wo er schließlich Theologie studiert, kommt Moritz nach Berlin. Eine Stelle als Lehrer am noch heute bestehenden Gymnasium zum Grauen Kloster wird für den 22-Jährigen der Eintritt in die Berufswelt und die Berliner Gesellschaft.
"Der größte Sonderling, den ich je gekannt habe. Offenbar hatte er originelles Genie und durch seine spielende Lehrart ist er uns nützlich geworden; denn wir lernten durch ihn Geschmack im Denken und Spekulieren finden. Und wenn wir gleich gar keine Sachkenntnisse erhielten so war doch sein Unterricht in formeller Rücksicht nicht vergeblich."
Erinnert sich ein Schüler an den Lehrer, der trotz seines unorthodoxen Lehrstils zum Konrektor aufsteigt, um kurz darauf den Dienst zu quittieren, sein Glück als Autor einer erfolgreichen "Deutschen Sprachlehre" und etlicher Gedichte zu versuchen und eine England- Reise zu beginnen, über die er anschließend eine Beschreibung veröffentlicht, die ihm großen Ruhm als Schriftsteller einbringt. Aus dem Außenseiter wird ein Shootingstar der Salons, und Gelehrten- Kollegs.

"Erstmal war er durch seine jugendliche psychische Traumatisierung, das steht fest und das macht ja seinen Ruhm aus, war er zunächst mal ein Sonderling, in diese Rolle war er hineingewachsen und hineingedrängt. Er begreift aber, dass Berlin seine Chance ist und nimmt an dem typisch Großstädtischen von Berlin, diesem ganz einmaligen gesellschaftlichen Leben in Deutschland für das nur das Symbol die berühmten jüdische Salons sind, daran nimmt er teil. Er kann also die kommunikativen Möglichkeiten, die eine Großstadt bietet ziemlich virtuos bespielen."

Sagt Conrad Wiedemann, der sich in seinem Vortrag unter Anderem mit Moritz und seiner Bedeutung für die aufstrebende Metropole beschäftigte. Immer wieder versucht es der mittlerweile Lungenkranke mit dem Schuldienst, immer wieder flieht er nach kurzer Zeit vom existenzsichernden, aber ungeliebten Katheder. Er geht auf Reisen, arbeitet als Journalist, veröffentlicht sprachtheoretische Schriften. Die Beschäftigung mit seinem eigenen psychischen Leiden, Biograph Willi Winkler spricht von der "beiläufigen Entwicklung der Psycho- durch die Selbstanalyse", verarbeitet Moritz in seinem "Magazin zur Erfahrungsseelenkunde", der ersten Zeitung, die sich ausschließlich mit der Psychologie beschäftigt.

"Wer sich zum eigentlichen Beobachter des Menschen bilden wollte, der müsste von sich selber ausgehen. Erstlich die Geschichte seines eigenen Herzens von seiner frühesten Kindheit an so getreu wie möglich entwerfen; auf Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit aufmerksam sein, und nichts für unwichtig halten, was jemals einen vorzüglich starken Eindruck auf ihn gemacht hat, so dass die Erinnerung daran sich noch immer zwischen seine übrigen Gedanken drängt."
Schreibt Moritz, eine Einstellung, die auch der Entstehung des "Anton Reiser" zugrunde liegt.
Doch bevor der Roman veröffentlicht wird, zieht es den Autodidakten und vielfältig Gebildeten in Land der Sehnsucht der deutschen Humanisten: nach Italien. In Rom fällt er vom Pferd und direkt vor Goethes Füße: der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Anneliese Klingenberg

"Das war eine intensive Freundschaft menschlich und inhaltlich. Moritz Sprachtheorie war für Goethe von außerordentlicher Bedeutung, denn sie half ihm bei der Umarbeitung von der "Iphigenie auf Tauris" und Tasso. Goethe hat mit Moritz aber auch seine Theorie über die Metamorphosen der Pflanzen besprochen und er fand, dass Moritz einer der wenigen war, die sein Ziel, was er damit erreichen wollte, wirklich verstand."
Moritz entwirft seine Schrift "Über die bildende Nachahmung des Schönen", die grundlegende Gedanken des Weimarer und Berliner Klassizismus formuliert und macht sich nach seiner Rückkehr Hoffung auf eine Stelle an der wiederbelebten Berliner Akademie der Künste, die er auch bekommt, allerdings erst, nachdem er sich Kenntnisse in Architektur und Mathematik angeeignet hat. Seine Vorlesungen werden zum Magneten, die Brüder Humboldt, Ernst Ludwig Tieck, der Berliner Hofstaat und eine nicht unerhebliche Gruppe gebildeter Frauen gehören zu seinen Verehrern. Dabei verstört er seine Zuhörer und Leser immer wieder mit neuen Formen, wie sie zum Beispiel in der Beschreibung der Italienischen Reise auftauchen. Conrad Wiedemann:

"Das Merkwürdige an seinem Rom- Buch ist, dass er eine Schreibweise entwickelt, einen Stil, die gewissermaßen die Mythisierung der Stadt verweigert. Er gibt nur noch kleine Bewusstseinsprotokolle, die er aneinanderreiht und die Botschaft des ganzen heißt: eine Stadt setzt sich zusammen aus einem Vielzahl von Detailleindrücken in deinem Bewusstsein, die musst du durchlaufen, du musst an Orte mehrmals gehen, aber du kannst sie auch ganz zufällig durchwandern...Das wurde überhaupt nicht verstanden."
Seiner Zeit voraus ist Moritz auch in seiner Beschäftigung mit der Deutschen Sprache an der Akademie der Wissenschaften, in die er ebenfalls berufen wird. Die nennt sich damals noch "academie royale", die Verkehrssprache ist französisch und der Versuch, eine deutsche Grammatik zu erstellen, hat kulturpolitische Dimensionen. 1793 stirbt Karl Philipp Moritz, der schrullige Volksaufklärer, der genialische Autodidakt, der unakademische Gelehrte im Alter von 37 Jahren. Für Christoph Wingertszahn, Leiter der Kritischen Werkausgabe an der Berlin Brandenburgischen Akademie der Künste ist es höchste Zeit, ihn neu zu entdecken:

"Wir hoffen, dass wir es schaffen werden mit dieser Tagung Moritz doch noch zu einem Klassiker zu machen, denn den Klassikerstatus, den seit dem 19. Jahrhundert Goethe, Schiller und andere haben, den hat er bis heute noch nicht erreicht. Das liegt darin, dass er nicht ganz einfach in eine Linie zu bringen ist, dass er oft Kehrtwenden macht, dass er von Jahr zu Jahr unterschiedliche Werke schreibt und dass es bei ihm keine gradlinige Entwicklung gibt etwa zum Rationalismus hin oder vom Rationalismus weg, es gibt immer wieder ein Umschwenken und ein Zur- Kenntnis- Nehmen der andren Seite, das macht es so faszinierend, eigentlich faszinierender als die Entwicklung zum Rationalismus hin oder zur eindeutigen Klassik."