Deutschlands erster Digitalminister
Karsten Wildbergers gemischte Bilanz

Seit mehr als einem Jahr ist Karsten Wildberger Minister für Digitales und Staatsmodernisierung. Was hat der CDU-Politiker bisher erreicht?

    Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, steht vor einer Wand im Bundestag und blickt nach links.
    Karsten Wildberger hat einen anspruchsvollen Job: Er soll Digitalisierung und Staatsmodernisierung voranbringen. (picture alliance / photothek.de / Florian Gaertner)
    Karsten Wildberger hat sich große Ziele gesetzt. Die Verwaltung in Deutschland soll digitaler werden, die digitale Infrastruktur will der CDU-Politiker ausbauen, die Digitalwirtschaft soll gestärkt und die Abhängigkeit von US-Konzernen wie Microsoft oder Google verringert werden.
    An Geld mangelt es nicht. Der Etat für sein Ministerium beläuft sich auf rund 4,5 Milliarden Euro. Wie weit ist Deutschlands erster Digitalminister bisher gekommen?

    Mehr digitale Behördengänge

    Ein Auto abmelden, Elterngeld beantragen, einen Bauantrag stellen: Eigentlich soll das überall in Deutschland seit 2022 auch online möglich sein. Das Onlinezugangsgesetz von 2017 verpflichtet Bund, Länder und Kommunen, alle Verwaltungsleistungen auch digital anzubieten. Doch in vielen Landkreisen ist ein großer Teil der Onlinedienste bis heute nicht verfügbar.
    Ein Grund: In den Bundesländern wurden Online-Systeme für Ämter bislang oft parallel entwickelt. So gibt es beispielsweise bundesweit acht verschiedene Online-Bezahlsysteme für Verwaltungsdienstleistungen.

    Lösung für die Ämter: Hohe Erwartungen an den Deutschland-Stack

    Digitalminister Wildberger will das mit dem sogenannten Deutschland-Stack ändern. Die einheitliche Digitalinfrastruktur für die Verwaltung ist eine Art Baukasten mit IT-Lösungen, aus dem sich Bund, Ländern und Kommunen bedienen können. Das soll dabei helfen, Verwaltungsprozesse schneller zu digitalisieren und Kosten zu sparen.
    Florian Theißing von der Berliner Denkfabrik Agora Digitale Transformation setzt große Erwartungen in den Deutschland-Stack: „Das ist wirklich ein Ansatz, der mich hoffnungsvoll stimmt, dass wir mit der digitalen Verwaltung ein gutes Stück weiterkommen.“ Der „D-Stack“ soll laut Digitalministerium schrittweise bis 2028 aufgebaut werden.

    EUDI-Wallet: Digitaler Personalausweis auf dem Smartphone

    Ein weiteres Projekt ist die digitale Brieftasche EUDI-Wallet („European Digital Identity Wallet“). In der Smartphone-App sollen Bürger beispielsweise Personalausweis, Führerschein oder Bibliotheksausweis digital ablegen können.
    Die Idee für die EUDI-Wallet stammt ursprünglich von der EU-Kommission. Digitalminister Wildberger erkannte das Vorhaben als Prestigeprojekt und will mit einer ersten Ausbaustufe in wenigen Monaten starten.
    Für Florian Theißing hat die EUDI-Wallet das Potenzial zum „Gamechanger“. Der Informatiker erhofft sich ein “alltagstaugliches Instrument” für viele verschiedene Anwendungsfälle.

    Datenschutz & Klarnamenpflicht: Kritik an der EUDI-Wallet

    Doch es gibt auch Kritik an der App. Nach Vorstellungen der SPD soll die EUDI-Wallet auch als Altersnachweis für die Nutzung von Social-Media-Plattformen eingesetzt werden.
    Eine Funktion, die das ermöglicht, ohne dass man auch seine Identität preisgibt, sei zum Start der App aber nicht vorgesehen, kritisiert Marielle Findorff vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Findorff warnt: Die Altersverifikation könnte so zu einer De-facto-Klarnamenpflicht für die Nutzung von Onlinediensten führen.
    Findorff kritisiert außerdem, dass Diensteanbieter laut den bisherigen Plänen potenziell alle Daten abfragen dürfen, die sie abfragen möchten. Der Gesetzgeber müsse beim Schutz der personenbezogenen Daten deutlich nachbessern, fordert die Verbraucherschützerin.
    Die EUDI-Wallet soll im Januar 2027 an den Start gehen, wenn auch in einer abgespeckten Version. Grundlegende IT-Fragen sind noch offen.

    Ausbau der digitalen Infrastruktur

    Karsten Wildberger hat sich zum Ziel gesetzt, die digitale Infrastruktur in Deutschland zu modernisieren. Ein wichtiger Baustein dabei ist der Ausbau des Glasfasernetzes. Deutschland hinkt hier im internationalen Vergleich weit hinterher: Nur gut die Hälfte der Haushalte ist derzeit an das Netz angeschlossen.

    Breitband-Ziel 2030: Schnelles Internet für alle bleibt fraglich

    Die Ausbaugeschwindigkeit hat in Deutschland zuletzt immerhin stark zugenommen: Millionen Haushalte erhielten 2025 über Glasfaser oder moderne TV-Kabelnetze Gigabitanschlüsse; Wildbergers Ministerium unterstützt Kommunen bei der Modernisierung des Netzes mit Millionensummen.
    Ob das von der Vorgängerregierung ausgerufene deutschlandweite Ziel „schnelles Internet für alle bis 2030” allerdings eingehalten wird, ist äußerst fraglich. Der Bundesverband Breitbandkommunikation geht nicht davon aus.

    Wirtschaftsförderung und digitale Souveränität

    Die deutsche Wirtschaft zu stärken, ist das Hauptziel des Digitalministers. Wohlstand entstehe heute auch „in Fabriken aus Daten und Algorithmen“, erklärte Wildberger im April im Bundestag. Rechenleistung nannte der CDU-Politiker den „neuen Rohstoff“, Rechenzentren seien „die Raffinerien“.
    Nach Plänen Wildbergers sollen sich bis 2030 die Kapazitäten der Rechenzentren in Deutschland daher mindestens verdoppeln. Wildberger verspricht sich von dem Ausbau auch mehr digitale Souveränität: Die neuen Anlagen sollen die Bundesrepublik unabhängiger von US-Konzernen wie Microsoft und Google machen.

    Abhängigkeit von US-Konzernen: Microsoft baut Rechenzentren

    Ein ganzes Rechenzentrums-Cluster entsteht derzeit an drei Orten im Rheinischen Revier in Nordrhein-Westfalen. Der Minister kam im März zum Spatenstich. Bauherr der neuen Anlagen ist allerdings kein deutsches Unternehmen – sondern ausgerechnet Microsoft. Die heimischen Daten landen also wieder bei einem US-Konzern.
    Wie groß die Abhängigkeit von US-Konzernen inzwischen ist, zeigt ein Blick auf die nackten Zahlen: Zwei Drittel des weltweiten Cloud-Marktes sind in der Hand von Microsoft, Amazon und Google.
    Bei Betriebssystemen in der Verwaltung hat Microsoft ein Quasi-Monopol. Allein der Bund zahlte 2025 knapp eine halbe Milliarde Euro an Lizenzgebühren für Windows, Word, Outlook und Co.
    Und mit der zunehmenden Bedeutung von künstlicher Intelligenz wachsen auch die Abhängigkeiten von US-Firmen wie OpenAI, Anthropic und dem Chiphersteller Nvidia.

    Open Source in der Verwaltung: Ausweg aus der Microsoft-Falle?

    Das soll sich ändern. Deutschland soll mehr in Infrastruktur investieren, die Europa dann unabhängiger von US-Konzernen macht. Einige Bundesländer wie Schleswig-Holstein setzen zudem schon auf Open-Source-Lösungen statt auf Produkte von Microsoft.

    Onlineartikel: Tobias Kurfer / Radiofeature: Johannes Zuber und Marie Zinkann