
Donald Trumps erratisches und provokatives Verhalten schürt massiv Ängste in Europa. So wie der US-Präsident Zölle als politisches Druckmittel einsetzt, um andere Länder zu erpressen, könnte er sich auch die Abhängigkeit Europas von digitalen Diensten aus den USA zunutze machen.
Wenn Microsoft, Amazon, Google und Apple den Stecker ziehen, kann in deutschen Amtsstuben und anderswo nicht mehr gearbeitet werden, warnen Experten. Den Ruf nach digitaler Souveränität gibt es schon lange, doch noch nie lagen Schreckensszenarien so nah in Reichweite.
Inhalt
- Wie groß ist die digitale Abhängigkeit Deutschlands und Europas von den USA?
- Wie könnte Trump die EU mit der US-Tech-Übermacht erpressen?
- Was tut die EU, um unabhängiger zu werden?
- Wie reagieren die US-Tech-Konzerne auf die europäischen Emanzipationsbestrebungen?
- Das Beispiel Schleswig-Holstein: Was passiert, wenn Microsoft ausgemustert wird
Wie groß ist die digitale Abhängigkeit Deutschlands und Europas von den USA?
Riesig. Nach einem Bericht des ehemaligen Chefs der europäischen Zentralbank, Mario Draghi, ist die EU bei 80 Prozent ihrer digitalen Technologien und Anwendungen vom Ausland abhängig. Europa kauft Software und andere digitale Dienstleistungen vor allem aus den USA.
Auf Smartphones laufen iOS und vor allem Android, die Betriebssysteme von Apple und Google. Zusammen haben sie in Europa einen Marktanteil von mehr als 99 Prozent. Auf drei von vier Rechnern in Europa ist Windows von Microsoft installiert, in der Regel zusammen mit Word, Excel, Powerpoint, Teams und Outlook. Die drei Tech-Konzerne Amazon, Google und Microsoft beherrschen außerdem 65 Prozent des weltweiten Cloud-Marktes.
Der größte europäische Anbieter hat derweil in der EU einen Marktanteil von gerade einmal zwei Prozent. Und bei Künstlicher Intelligenz stammen etwa 70 Prozent der Basismodelle aus den USA. Das Ungleichgewicht spiegelt sich auch im Handel: Bei Computer-Dienstleistungen hatte die EU gegenüber den Vereinigten Staaten im Jahr 2024 ein Handelsdefizit von knapp 150 Milliarden Euro.
Die großen Tech-Konzerne tun viel dafür, um ihre Vormachtstellung in Europa zu behalten. Das zeigt sich unter anderem an den Aufträgen, die sie trotz aller Rufe nach digitaler Souveränität immer noch an Land ziehen. So hat das Bundesland Bayern einen Vertrag mit Microsoft geschlossen, der in den kommenden fünf Jahren schätzungsweise eine knappe Milliarde Euro an Lizenzgebühren kostet. Die Bundeswehr lässt ihre Cloud von Google bauen.
Wie könnte Trump die EU mit der US-Tech-Übermacht erpressen?
Der US-Digitalexperte Trevor H. Rudolph ist der Ansicht, dass eine US-Regierung „zumindest kurzfristig“ den Zugang zu amerikanischen Cloud-Diensten kappen kann. US-Präsident Trump könnte dafür auf das Notstandsgesetz IEEPA zurückgreifen, das er auch schon als Grundlage für Zölle bemühte. Der International Emergency Economic Powers Act gibt dem Präsidenten mehr Handlungsspielraum, wenn eine „außerordentliche Bedrohung“ für Sicherheit oder Wirtschaft der USA vorliegt. Trump und Vizepräsident JD Vance haben europäische Digitalgesetze wiederholt als Attacke auf amerikanische Interessen verurteilt.
Alternativ könnte die US-Regierung auch zu Exportkontrollen greifen. Durch Ausfuhrverbote verlor etwa der chinesische Smartphone-Anbieter Huawei den Zugang zu Google-Diensten und Chips aus dem Westen. Selbst eine nur kurzzeitige Unterbrechung der US-Cloud-Dienste auf Basis eines Präsidialerlasses würde Deutschland wirtschaftlich und verwaltungstechnisch ernsthaft beeinträchtigen, „wenn nicht sogar handlungsunfähig machen“, warnt Rüdiger Weis von der Hochschule für Technik Berlin.
Was tut die EU, um unabhängiger zu werden?
Die digitale Souveränität ist eine Mammutaufgabe. Die EU hat einerseits die Möglichkeit, die US-amerikanischen Tech-Konzerne mit Gesetzen wie dem Digital Service Act oder dem Digital Markets Act einzuhegen, andererseits sollen europäische Produkte und Lösungen entwickelt werden, um die Macht von Microsoft und Co. zu brechen.
Die EuroStack-Initiative hat einen Strategieplan entworfen, mit dem die Abhängigkeit Europas von außereuropäischen Akteuren minimiert und eine souveräne Digitalwirtschaft aufgebaut werden soll. Sie fordert Investitionen von rund 300 Milliarden Euro. Das Geld soll unter anderem in Clouds, Künstliche Intelligenz, die Entwicklung von Halbleitern, innovative Anwendungen in Gesundheitswesen, Industrie und Finanzwesen und in sichere Kommunikationsnetzwerke fließen.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron unternahmen kürzlich bei einem Digitalgipfel in Berlin noch einmal einen neuen symbolischen Vorstoß für mehr digitale Souveränität. Merz kündigte unter anderem an, bei der Beschaffung von Technologie stärker auf europäische Produkte zu setzen: „Wir machen den Staat zum Ankerkunden für souveräne Arbeitsmittel in der öffentlichen Verwaltung.“
Gesucht: Investitionen aus der Privatwirtschaft
Dringend notwendig sind auch mehr Investitionen aus der europäischen Privatwirtschaft. Ein positives Beispiel ist die Schwarz Gruppe, die im brandenburgischen Lübbenau elf Milliarden Euro in ein Rechenzentrum investieren will. Es ist Teil der Bewerbung um eine der europäischen KI-Gigafactories - also besonders leistungsstarke Rechenzentren, die die EU mit Milliardenbeträgen fördern will.
Das alles kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesamtbilanz bisher bescheiden ist. So gibt es zum Beispiel einige europäische Suchmaschinen, die das Publikum aber nicht überzeugen konnten. Und auch ein großangelegtes Projekt zum Aufbau einer europäischen Cloud, in der Unternehmen und Behörden ihre Daten sicher speichern, bearbeiten und teilen können sollen, wartet noch auf den Durchbruch. Die Cloud sollte eigentlich in Konkurrenz zu den US-Tech-Giganten treten und anders als diese einen hohen Datenschutz gewährleisten. Inzwischen sind Microsoft, Google und Amazon allerdings Mitglieder der Initiative.
Wie reagieren die US-Tech-Konzerne auf die europäischen Emanzipationsbestrebungen?
Nach Angaben von Lobbycontrol gibt die US-Tech-Industrie inzwischen jährlich rund 150 Millionen Euro für Lobbyarbeit in Brüssel aus. Sie beschäftigt fast 900 Vollzeit-Lobbyisten – das sind mehr, als es Europaabgeordnete gibt. Und deren Einsatz scheint sich auszuzahlen: Die EU-Kommission hat im November 2025 entschieden, die strenge Regulierung von KI und den Datenschutz zu lockern – mit dem Argument, Europa damit wettbewerbsfähiger zu machen. Datenschützer kritisierten das Vorhaben scharf.
Die großen US-Tech-Konzerne haben naturgemäß kein Interesse daran, dass Europa sich von ihnen abwendet. Doch statt die Souveränitätsbestrebungen zu bekämpfen, versuchen sie eher, diese für sich zu nutzen. So werben Microsoft, Google und Co. inzwischen verstärkt mit dem Stichwort „Souveränität“ für ihre Cloud-Dienste, mit Rechenzentren in Europa und angeblicher Unabhängigkeit von den USA. Mit echter Souveränität haben diese Dienste allerdings wenig zu tun. Denn die US-Regierung hat dort weiterhin Zugriff auf die Daten, die Lizenzgebühren fließen in die USA.
Ein Amazon-Rechenzentrum nur für Europa
Die neue Linie der Tech-Konzerne wird in Deutschland politisch sehr unterschiedlich bewertet. Der weltgrößte Cloud-Anbieter Amazon Web Services (AWS) hat in Potsdam gerade ein Rechenzentrum ausschließlich für Europa in Betrieb genommen. Die Server der neuen AWS European Sovereign Cloud seien physisch und rechtlich von den Rechnern des Mutterkonzerns getrennt, heißt es.
Der digitalpolitische Sprecher der SPD, Johannes Schätzl, äußerte sich dennoch mit Blick auf die Datensouveränität sehr kritisch: "Dies ist mit Sicherheit kein Schritt in die richtige Richtung." Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) begrüßte hingegen das Projekt. Digitale Souveränität bedeute keine Abschottung, sondern "echte Wahlmöglichkeiten", betonte er. Europa müsse stärker vom Kunden zum Mitentwickler werden.
Das Beispiel Schleswig-Holstein: Was passiert, wenn Microsoft ausgemustert wird
Wie digitale Souveränität aussehen könnte, zeigt das Land Schleswig-Holstein. Dort hatte die Landesregierung schon 2017 entschieden, sich aus der Abhängigkeit von US-amerikanischen Großunternehmen zu befreien.
Der erste Schritt war eine Bestandsaufnahme: „Die IT-Landschaft des Landes Schleswig-Holstein sah in der Vergangenheit nicht anders aus als in der gesamten Republik“, berichtet Digitalisierungsminister Dirk Schrödter (CDU).
Eine Verwaltung mit Open-Source-Software
Nach der Analyse ging es vor knapp zwei Jahren in die Umsetzung. Das Land setzt seitdem in erster Linie auf Open-Source-Software, also Programme, die kostenlos angeboten werden und deren Quellcode frei zugänglich ist. Inzwischen ist die Verwaltung weitgehend auf quelloffene Alternativen zu Word, Excel und den anderen Microsoft Office-Programmen umgestiegen.
Das ging allerdings nicht reibungslos. Einige Landesbeschäftigte hatten zwischenzeitlich keinen Zugriff auf ihre Mails, es hagelte Kritik, vor allem von Richtern und der Polizei. Allerdings nicht nur wegen der Probleme bei der Umstellung – sondern auch wegen der neuen Software. Diese sei nicht so komfortabel wie die alten Microsoft-Programme.
Microsoft: "wie im Drogengeschäft"
So ist die Bequemlichkeit der Anwender auch ein Stolperstein auf dem Weg zum mehr digitaler Souveränität. Entwöhnung ist vonnöten: Schüler und Studierende bekämen Microsoft-Software erst einmal „for free“, sagt Harald Wehnes, Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises „Digitale Souveränität" der Gesellschaft für Informatik. Das sei „quasi wie im Drogengeschäft“, so der Informatiker: Die Drogen gebe es erst mal umsonst – und dann hänge man dran und es sei sehr schwer, wieder rauszukommen.
Online-Text: ahe / Feature-Text und Recherche: Jonannes Zuber




















