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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Kathrin Röggla: Really Ground Zero18.02.2002

Kathrin Röggla: Really Ground Zero

S. Fischer Verlag, Frankfurt. 2001, 109 Seiten, 7 Euro

<strong> Es war sicher kein Zufall, dass viele Menschen, die die zwei Flugzeuge in das World Trade Center rasen sahen, zunächst nicht glauben konnten, dass das wirklich geschehen war. Die meisten sprachen unmittelbar danach davon, als hätten sie einen Film gesehen, als sei das Ereignis nur eine optische Manipulation gewesen. Es fiel und fällt schwer, diesen Anschlag zu verstehen, ihn in angemessene Begriffe zu fassen. Die Autorin Kathrin Röggla hat es dennoch versucht. Sie war am 11. September zufällig in New York in einer Wohnung, die nur wenige Blocks vom Ort der Katastrophe entfernt liegt, dem Ort, den man heute <em> ground zero </em> nennt. Ihr Buch über den 11. September und seine Folgen hat sie deshalb <em> Really Ground Zero </em> genannt. Barbara Eisenmann hat es für uns besprochen. </strong>

Barbara Eisenmann

Als nine eleven haben die US-Amerikaner die Anschläge des 11. September im kollektiven Gedächtnis abgespeichert. Diese Zahlenkombination lässt allerdings unausgesprochen, welche Sinnbilder sich hinter diesem ja geradezu magischen Datum denn eigentlich verbergen. Gerade aber weil sich die Terroranschläge nicht reibungslos unter bereits vorhandene Erlebnis- und Deutungsschemata subsummieren lassen, hat man sich wahrscheinlich des Datums als kognitivem Label bedient. Als Begleiterscheinung der einstürzenden Twin-Towers ließe sich ja in der Tat von kollabierenden Verstehenskategorien sprechen. So gesehen kann aber der traumatisierende Vorfall in der Wirklichkeit nur selbst zu einem Ort neuer Erfahrungsproduktion werden. Er hätte den Blick auf die Welt verändern können. Um aber das zügige Voranschreiten in der wirklichen Welt nicht all zu lang aufzuhalten, hat man das Geschehene dann doch lieber schnell in alte Muster gezwängt.

Kathrin Rögglas Texte allerdings beschreiben die Phänomene des semantischen Kollapses und die sich anschließenden alltagshermeneutischen Bemühungen, die in unmittelbarer zeitlicher und räumlicher Nähe zu den Anschlägen zu beobachten waren. Und sie ragen, gerade weil sie sich mit Formen der individuellen, gesellschaftlichen, politischen und medialen Bearbeitung beschäftigen, eben über das Unmittelbare selbst schon wieder hinaus. Zu groß sei das gewesen, was da passiert sei, "um es irgendwie integrieren zu können in eine vorhandene erlebnisstruktur", schreibt die Autorin gleich am Anfang. In ihrer eigenwilligen, in früheren Texten bereits erprobten Sprache, einer reflektierenden Mischung aus umgangssprachlichen, szenischen, wissenschaftlichen und literarischen Schreib- und Sprechweisen, beschreibt sie die Absicht der hier versammelten Texte in einem Selbstinterview am Ende des Buches so:

also der versuch, aus diesem haufen an ideologemen, aufgebrochenem vokabular, kontextverschiebungen, rhetorischen operationen, schrägen übersetzungen, einen überblick zu bekommen? Also vom haufen der authentizität zum haufen der begriffsverschiebungen?

Lautet die Frage. Und die Antwort:

das ist das spannungsfeld der schreibenden. was kann man anders, als darin herumzudümpeln.

Das Herumdümpeln kann getrost als rhetorische Untertreibung überlesen werden. Den Texten weitaus angemessener ist die im fragenden Part enthaltene Charakterisierung, die die zwei Dimensionen, in denen sie sich bewegen, klar auf den Punkt bringt: die Wirklichkeit, der Authentizitätshaufen, und Versuche ihrer begrifflichen Rekonstruktion, der Begriffsverschiebungshaufen. Dabei nimmt die Autorin als Europäerin in den USA eine besondere Position ein: Die der distanzierten Beobachterin nämlich, die sich auf einem von europäischen Intellektuellen gern studierten Feld, dem amerikanischen Alltag, bewegt, der sich - durch das Ereignis selbst und seine Bearbeitungsversuche vorübergehend verändert - dem europäischen Blick nun noch ein wenig fremdartiger als sonst darbietet. Zudem muss die Autorin die zunächst unfassbaren Ereignisse auch selber irgendwie einordnen, die sie ja immerhin vor Ort erlebt hat, als Literaturfonds-Stipendiatin in Manhattan, in einer Wohnung, die nur wenige Blocks vom Ort des Geschehens entfernt liegt. Eine reichlich komplizierte Ausgangskonstellation also, der Röggla sich allerdings mit einer traumgleichen Leichtigkeit und einem ausgeprägten Sinn für das Komische stellt.

So beschreibt sie beispielsweise in einem mit dem Titel "Geisterfahrer" überschriebenen Text eine U-Bahn-Szene, in der eine Frau einem Mann die magischen Zusammenhänge des Augenblicks erklärt, in dem alles "eleven" sei. Röggla liest den esoterischen Verstehensversuch als eine paranoide Erscheinung, die im Augenblick eben Konjunktur hat. Andere gespenstische Erscheinungen sind allerdings leider konjunkturungebunden. Die Autorin leitet so über zu Verteidigungsminister Rumsfeld und einer seiner an Churchill angelehnten Äußerungen, dass Wahrheit in Kriegszeiten so wertvoll sei, dass sie von einem "body guard of lies" begleitet werden müsse. Diese Äußerung, längst durchs Fernsehen öffentlich geworden, will der Verteidigungsminister dann in der New York Times lieber doch nicht zitiert wissen. Der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, wiederum vermutet, dass die US-amerikanische Bevölkerung zu einer weitgehenden Einschränkung der Informationen bereit sei. Rögglas Beobachtung gilt hier der Bartleby´schen Formel des "would prefer no to", die Fleischer in diesem Zusammenhang verwendet hat. Bartleby, eine Romanfigur des Schriftstellers Herman Melville, verharrt als Schreiber in einer Anwaltskanzlei in einer systematischen Verweigerungshaltung, indem er lediglich seine magische Formel des "I would prefer not to", "ich möchte lieber nicht", äußert. Bartleby will seinen Beruf nicht ausüben und zieht es vor zu schweigen. Eine Haltung, die - wie Röggla anmerkt - jetzt auch deutschen Autoren nahegelegt werde, womit sie, wie nebenbei, auf den in Deutschland verordneten Anti-Antiamerikanismus in der Folge des 11. September anspielt. Die Kette der Überlegungen führt die Autorin dann wieder zurück in den U-Bahnwaggon. Die spiritualisierenden Erklärungen der Sitznachbarin deutet sie jetzt als Versuch, immerhin der "binären good-and-evil-rhetorik" zu entkommen und verweist hiermit, wieder auf eine ganz beiläufige Art, auf die religiös-polarisierende Ideologie von Bush & Konsorten. In einem weiteren Schritt wird das magische Denken der U-Bahn-Benutzerin den von Militär und Medien gemeinsam propagierten Bearbeitungsformen gleichgestellt. Und am Ende führt die Autorin sich selbst als Gegenstand der Beobachtung ein, wie sie in der U-Bahn sitzt und Uwe Johnsons Roman "Jahrestage" liest.

nun, sich im cnn-universum diesen suhrkampziegel auf den schoß zu knallen, mögen manche ebenfalls für ausdruck magischen denkens halten. Ich nicht.

Denn immerhin könne man da über die Tochter der Hauptfigur Gesine Cresspahl lesen "Ihr fehlt zum Krieg, daß sie ihn sieht." Ein derart anregendes, leichtfüßig freies Flottieren durch Wissensbestände unterschiedlichster Art, wie Röggla es in ihrem Buch vorführt, passt gut zur Struktur der hier beschriebenen Wirklichkeit, des nine eleven als schwer handhabbarem Ereigniskomplex.

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