Sonntag, 29. Januar 2023

Archiv


Kaum ein bürgerliches Tabu ausgelassen

Ehebruch, Inzest, Syphilis und Sterbehilfe: Henrik Ibsen hat kaum ein bürgerliches Tabu seiner Zeit ausgelassen in diesem meisterhaft gebauten Stück. David Bösch gelingt eine intensive, atmosphärisch dichte Inszenierung, die bei aller Spukhaftigkeit auch vor plakativen Elementen nicht zurückschreckt.

Von Günter Kaindlstorfer | 11.03.2012

    Was für eine Familie: Der Vater ein versoffener Hurenbock, der die Gattin nach Strich und Faden betrügt, das Dienstmädchen schwängert und dem Sohn eine letale Syphilis vererbt. Als sich der Vorhang zu Ibsens Trauerspiel hebt, ist Kammerherr Alving, das Familienmonster, seit zehn Jahren tot, aber sein Geist spukt immer noch durch den Landsitz irgendwo an einem düsteren, ewig verregneten Fjord. Helene Alving, die von Kirsten Dene gegebene Witwe des Verewigten, wird die Geister der Vergangenheit nicht los.

    "Ich glaube fast, wir alle sind Gespenster. Nicht allein das, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, spukt in uns herum, nein, auch alle möglichen mausetoten Anschauungen und Meinungen, alter Aberglaube und so weiter. Es lebt nicht in uns, aber es steckt doch in uns, und wir werden es nicht los."

    Regisseur David Bösch bemüht sich erst gar nicht, einen bürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts auf die Bühne zu bringen. Er hat das Stück von allen Zeitbedingtheiten gereinigt und konzentriert sich vollständig auf die Eltern-Kind-Problematik, die ja auch heute noch, wie jeder Familientherapeut weiß, für Tragödien größerer oder kleinerer Provenienz gut ist. Regisseur David Bösch:

    "Jeder will das Beste für den anderen, die Eltern wollen das Beste für die Kinder und tun aber das Schrecklichste. Und das andere ist halt, dass all diese Figuren in Lügen verstrickt sind. Man sagt ja immer, bei Ibsen stünde die Frage der Lebenslüge im Zentrum und die Frage: Welches Leben lebe ich, und welches Leben hätte ich gern gelebt, und wann wird mir klar, dass ich vielleicht das falsche Leben gelebt habe."

    "Aus Pflichterfüllung und aus Rücksichtnahme habe ich meinen Jungen belogen, jahrein, jahraus. Und wie feige ich gewesen bin." – "Frau Alving, Sie haben Ihrem Sohn eine glückliche Illusion geschenkt."

    David Böschs Inszenierung spielt in einem mit Spinnweben verhängten Geisterhaus. Nebelschwaden wabern durch einen zwielichtigen, mit stoffbedeckten Möbeln und Alkoholika-Kisten aller Art angeräumten Salon. Das Ganze wirkt wie ein Freudsches Traumszenario. Das Abbild von Papa Alving wacht als monumentales Porträt über der Tragödie, die sich unter seinen Augen vollzieht ...

    Ehebruch, Inzest, Syphilis und Sterbehilfe: Henrik Ibsen hat kaum ein bürgerliches Tabu seiner Zeit ausgelassen in diesem meisterhaft gebauten Stück, das vergangene Ereignisse wie in einem psychoanalytischen Verfahren auf schmerzliche Weise decouvriert. Mit seinen "Gespenstern" hat der norwegische Naturalist spätere Bühnenautoren wie Eugene O'Neill und Tennessee Williams maßgeblich beeinflusst.

    "Der Kammerherr bekam seinen Willen bei dem Mädchen. Und diese Tatsache hatte Folgen, Pastor Manders."

    "Die Sünden der Väter werden heimgesucht an ihren Kindern. Man entkommt seiner Familie nicht, man entkommt seinen Eltern nicht, man entkommt dem nicht, was in Einem ist. Und das, was in Einem ist, hat eben ganz viel mit den Eltern und den früheren Generationen zu tun. Wie Frau Alving sagt: 'Das werden wir nicht los, das steckt in uns'."

    David Bösch gelingt eine intensive, atmosphärisch dichte Inszenierung, die bei aller Spukhaftigkeit auch vor plakativen Elementen nicht zurückschreckt: zu Cat Stevens generationsübergreifender Schnulze "Father and Son" lässt der Regisseur etwa den syphiliskranken Osvald mit einem Vorschlaghammer die Büste des Vaters zertrümmern.

    Ibsens "Gespenster" im Akademietheater, nicht zuletzt ist das ein Fest für fünf fantastische Schauspieler. Kirsten Dene gibt eine grandiose, von der Last des Lebens gebeugte Gespenstermami mit bourgeoisem Hintergrund, eine gramzerfurchte Lily Munster des norwegischen Großbürgertums. Martin Schwab legt ihren keuschen Hausfreund, Pastor Manders, als zauselhaften, krampfigen, unentwegt Bibelweisheiten absondernden Frömmler an. Auch Johannes Krisch, Liliane Almut und Markus Meyer überzeugten mit starken Leistungen. Am Ende gab es satten Applaus für alle Beteiligten. Und so manch einer im Publikum mag nicht nur an Ibsen gedacht haben, während er sich die Hände wundgeklatscht hat, sondern auch an den Wiener Autor Heimito von Doderer. Der hat einmal, vielleicht auf Ibsen rekurrierend, den trefflichen Satz formuliert: "Wer sich in Familie begibt, kommt darin um."