Samstag, 19.09.2020
 
StartseiteKultur heuteKein gut imitierter Boulevard28.09.2013

Kein gut imitierter Boulevard

"Der nackte Wahnsinn" zum Auftakt der Intendanz Bachmanns am Kölner Schauspiel

Stefan Bachman beginnt seine Intendanz am Schauspiel Köln mit vier Stücken. Den Auftakt macht "Der nackte Wahnsinn". Regisseur Rafael Sanchez und seinem Ensemble gelingt damit allerdings keine Standortbestimmung.

Von Karin Fischer

Intendant Stefan Bachmann am neuen Spielort in Köln-Mülheim. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Intendant Stefan Bachmann am neuen Spielort in Köln-Mülheim. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" ist ein Knaller. Ein bisschen wie Thomas Bernhards "Der Theatermacher" für den Boulevard. Das Stück zeigt eine Schauspieltruppe erst auf der Probe und im zweiten und dritten Akt dann auf Tournee in abgelegenen Kleinstädten, und es zeigt damit auch den ganzen Wahnsinn, der sich neben und hinter einer Bühne abspielt: vergessliche, alkoholisierte oder eifersüchtige Schauspieler, einen freundlich säuselnden bis aggressiv polternden Regisseur, einen Techniker als Ersatz-Schauspieler, eine Assistentin am Rande des Nervenzusammenbruchs. Das ausgegebene Probenziel ein paar Stunden vor der Premiere lautet "Türen" und "Sardinen".

"Leute, Entschuldigung, ich habe die Sardinen vergessen." – "Also diese Sardinen, die machen uns noch fix und fertig. Wir haben jetzt hier vier Teller Sardinen, sie nimmt sie, ich nehme sie, sie müssen dahinten zu der Orgel da, also ich meine, versteht ihr?" - "Ist was mit den Sardinen nicht in Ordnung?" – "Was anderes als Sardinen, vielleicht?" - "Poppylein, das geht nicht gegen dich, deine Sardinen sind super."

Die Farce hat ein irrsinnig hohes Tempo, neben den 8 Türen spielen Tüten, Taschen, Treppen und Teller eine maßgebliche Rolle, und der Witz besteht darin, dass das Publikum, das im ersten Akt lernt, wie das Stück geht, im dritten einer sehr lustigen Selbstauflösung von Text und Truppe beiwohnt. Die Klipp-Klapp-Orgie wird gern an kleineren Theatern als Lustspiel programmiert, und an größeren, um Schauspieler und Publikum zwischen Lessing, Shakespeare, Büchner oder Beckett mal richtig von der Leine zu lassen. Die Antwort auf die Frage, warum Stefan Bachmann ausgerechnet diesen Schenkelklopfer zum Auftakt seiner Intendanz in Köln zeigt, kann eigentlich nur lauten: Er will ein toll aufgestelltes neues Schauspielensemble auf der Höhe seiner Kunst zeigen. Oder er will – nach den dezidiert schweren und politisch gedachten Stücken, die Karin Beier zeigte - ein erstes Ausrufezeichen für eine neue Unterhaltungskultur setzen. Beides ist Regisseur Rafael Sanchez leider misslungen.

Da sind einerseits Sabine Orléans, Bruno Cathomas oder Julischka Eichel als wirklich bedeutende Neuzugänge, fantastische Schauspieler, die hier aber nur dümmlich, naiv oder grob sein dürfen. Bruno Cathomas als Regisseur fängt in Minute Eins an zu brüllen. Robert Dölle und Yvon Jansen sind zwar perfekt als Darsteller in einer schmierigen Klamotte, und Thomas Müller beeindruckt mit dem größten Laufpensum und den am wenigsten zu Ende gesprochenen Sätzen, aber als Ganzes ist das nicht gut imitierter Boulevard, sondern schlechtes Stadttheater.

"Klasse!" – "Oh, jetzt habe ich die Sardinen verlegt." – "Ah." - "Ah." – "Gleichzeitig!" – "Ah."

Und alle haben mit der Akustik der neuen Halle noch Schwierigkeiten – das Schauspiel Köln spielt noch zwei Jahre im umgebauten "Depot" im rechtsrheinischen Stadtteil Mülheim. Die Verstärkung durch Mikroports macht aber die Bühnensituation kaputt, weil die Stimmen jetzt aus Lautsprechern von überallher kommen. Die Breitwandbühne mit englischem Landhausmobiliar, steinernem Riesenkamin, einem riesigen ausgestopften Bär und einem riesigen Flokati ist natürlich genügend hässlich für den ganzen Tumult, der im zweiten Teil vor allem pantomimisch stattfindet, samt Scheich, runtergelassenen Hosen und einem Kaktus als Folterwerkzeug für den Regisseur. Aber diese Bühne ist so groß, dass Rafael Sanchez sie noch mit zwei Pianisten an Flügel, Piano und Orgel dachte füllen zu müssen, die mehrheitlich Pause haben.

Im dritten Teil der immerhin dreieinhalbstündigen Aufführung wird das Stück – und das ist dann wirklich stark – zum reinen Text-Dada. Kein Anschluss stimmt mehr, die Schauspieler improvisieren wie die Weltmeister, und am Schluss wird fast rührend schön gesungen. Nur die eine Frage, die ein Schauspieler während der Probe so gerne stellt: "Wo sind wir?" ist für das Kölner Publikum schon am ersten Abend zu DER Frage der Saison geworden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk