Dienstag, 09. August 2022

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Kein Zurück für antike Kunstschätze?

Trotz aller Unkenrufe: Die Museen erweisen sich nach wie vor als wahre Publikumsmagnete. Und in den großen Museen der Welt ist bekanntlich ja Exotisches und Interessantes zu sehen, Kunstwerke aus fernen Ländern - wie etwa die berühmten Elgin-Marbles vom Parthenon im British Museum, der Pergamon-Altar auf der Berliner Museumsinsel oder der Dendur-Tempel im Metropolitan Museum in New York. BBC-News meldet nun heute, dass sich eine Zahl von großen Häusern von St. Petersburg bis zum Louvre darauf verständigt hätten, niemals mehr eines jener Stücke zurück zu geben, die seit einem Jahrhundert und länger dort zu Hause sind.

Wolf-Dieter Heilmeyer, Direktor der Antikensammlung in Berlin im Gespräch. | 10.12.2002

    Schossig: Woher kommt diese Initiative?

    Heilmeyer: Diese Initiative geht vom British Museum in London aus und ist aus der starken Beunruhigung der Londoner zu erklären, dass von griechischer Seite die so genannten Elgin-Marbles zurück nach Athen gehen sollen. Man hat sich darauf besonnen, dass die großen Zentralmuseen natürlich prinzipiell darauf beruhen, dass man Gegenstände aus verschiedenen Ecken der Welt zusammenstellt, um sie vergleichbar zu machen. Im British Museum ist neben der Klassik ja assyrische Kunst zum Beispiel zu sehen, was man nirgendwo auf der Welt könnte, wenn man nun alle diese Objekte an ihre Ausgangspunkte zurückschaffen würde.

    Schossig: Nun ist zu hören, dass all diese Häuser niemals auch nur eines dieser Stücke zurückgeben wollten. Ist es denn sinnvoll, solch apodiktische Verlautbarungen in die Welt zu setzen?

    Heilmeyer: Das ist meines Erachtens ganz falsch, denn natürlich müssen die Museen in aller Welt sich darauf besinnen, dass nur durch Zusammenarbeit zwischen den großen und kleinen Museen und den verschiedenen Ländern, in denen verschiedene Kulturen aufbewahrt werden, dass nur durch solch eine Zusammenarbeit ein Museum überhaupt Lebendigkeit entfalten kann. Im Fall des British Museum haben wir auch bei einer Konferenz vor wenigen Wochen den Kollegen sehr ernsthaft geraten, sich auf Leihgabenaustausch einzustellen, wir in Berlin tun das seit einigen Jahren mit steigendem Erfolg. Sie können sich vorstellen, dass in den südlichen Ländern, in denen Antiken gefunden werden, die Museen geradezu überlaufen von Gegenständen, die oft gar nicht restauriert und bearbeitet werden können. Solche Gegenstände erhalten wir jetzt in zunehmendem Maß als Leihgaben nach Berlin und wir sehen überhaupt keine Problematik darin, Gegenstände, die sich in Berlin befinden, nun als Gegenleihgabe in den Süden zu geben.

    Schossig: Es ist also gar keine Notwendigkeit, die Elgin-Marbles nach Griechenland zurückzugeben? Die Griechen würden das ja nicht gerne hören, oder?

    Heilmeyer: Ich bin selber in einer Kommission tätig gewesen zum Bau des neuen Akropolismuseums. Dort wird man einen Raum schaffen, in dem man etwas realisieren kann, was es zur Zeit zum Beispiel, das werden Sie gar nicht glaube, nur in Basel gibt, nämlich die gesamten Skulpturen, die seit der Explosion das Parthenon zunächst in Athen und dann in die ganze Welt völlig verstreut wurden, alle im Abguss zu versammeln. Das ist sehr interessant. In der Baseler Skulpturensammlung, die aus Abgüssen besteht, ist das so gemacht worden und etwas Entsprechendes kann man sehr schön auch in Athen machen und dann im Sinne der Leihgaben mehr und mehr mit verschiedenen Originalen ausstatten, um erst mal zu verstehen, was seit der Explosion eigentlich auseinandergeraten ist. Die schlimmsten Fälle sind die, wo man von einem Objekt des Parthenon, zum Beispiel einer der großen plastischen Verzierungen der Außenwände, einen Leib etwa im Athener Akropolismuseum findet, den Kopf im Vatikan und die Füße in London.

    Schossig: Nun hört man ja immer wieder von Gutmenschen etwa oder von interessierter Seite, dass Nophretete wieder nach hause wolle und dass ja auch die Türkei irgendwann mal ihren Pergamon-Altar zurückhaben wolle. Was ist dazu zu sagen?

    Heilmeyer: Das sind im Grunde ähnliche Vorstellungen, die immer wieder davon ausgehen, dass ein Fundobjekt an seinem Fundort richtig ist. Wenn Sie aber genauer überlegen, geht das gar nicht, schon bei den Elgin-Marbles wird niemand die Objekte wieder in den Smog von Athen stellen, sondern es wird nur von dem British Museum in ein anderes Museum in Athen gebracht. Der Besucher wird also nie wieder die Objekte am Bauwerk im Ganzen sehen können. Die Vorstellung muss man sich heute virtuell erarbeiten, früher war das traumhaft oder nur im Gemälde machen. Heute kann und sollte man es virtuell machen. Aber in Wirklichkeit wird man die Objekte nicht mehr zusammenkriegen - sie sind größtenteils zerstört.

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