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StartseiteUmwelt und VerbraucherKeine Atomkraftwerke als "Kaltreserve"31.08.2011

Keine Atomkraftwerke als "Kaltreserve"

Bundesnetzagentur will bei Engpässen auf Kohlekraftwerke setzen

Abgeschaltet bleibt abgeschaltet - die Bundesnetzagentur will keines der acht stillgelegten deutschen Atomkraftwerke als "Kaltreserve" nutzen. Stromengpässe im Fall eines harten Winters sollen über konventionelle Kraftwerke gedeckt werden.

Christel Blanke im Gespräch mit Georg Ehring

Atomkraftwerk Biblis (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
Atomkraftwerk Biblis (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Georg Ehring: Gerade einmal eine viertel Stunde sind die Deutschen im Jahr ohne Strom. Die Zuverlässigkeit des Elektrizitätsnetzes ist in den vergangenen Jahren immer besser geworden, und das soll auch so bleiben. Zu Stromausfällen soll auch der Atomausstieg nicht führen. Die Bundesnetzagentur will deshalb eine Kaltreserve vorhalten. Das sind Kraftwerke, die kurzfristig einspringen können, wenn es im Netz eine kritische Situation gibt, also etwa, wenn im Winter Strommangel droht. Heute Vormittag hat Matthias Kurth, der Präsident der Bundesnetzagentur, gesagt, dass er dabei auf die abgeschalteten alten Atomkraftwerke durchaus verzichten kann. – Christel Blanke in Berlin, welche Kraftwerke sollen denn bei Bedarf wieder angeschaltet werden?

Christel Blanke: Kohle- und Gaskraftwerke, also sogenannte konventionelle Kraftwerke. Und zwar sollen es konkret sein die Kohlekraftwerke III in Mannheim, der Block C in Ensdorf sowie das Kraftwerk II Mainz-Wiesbaden. Dort wird Strom mit einer Gasturbine produziert, die anderen beiden sind wie gesagt Kohlekraftwerke. Entscheidend war, dass die Landesregierung von Baden-Württemberg vor ein paar Tagen angeboten hatte, Mannheim als Reservekraftwerk zur Verfügung zu stellen. Dafür war es nötig, auf ein langwieriges Verfahren nach der Emissionsschutzverordnung zu verzichten, weil in Mannheim dann möglicherweise gleichzeitig fünf statt vier Blöcke in Betrieb wären. Aber wie gesagt, dazu ist die Regierung in Stuttgart bereit, wahrscheinlich auch deshalb, weil sie auf jeden Fall (es ist ja eine grün-rote Regierung) einen Alt-Atommeiler als Reservekraftwerk ablehnt.

Die Bundesnetzagentur hatte vom Gesetzgeber den Auftrag bekommen, bis zum 1. September, also bis morgen zu prüfen, ob Kraftwerke in Reserve gehalten werden müssen, um die Versorgung mit Strom auch im Winter und die Stabilität der Netze zu gewährleisten, und wenn irgend möglich, dann sollte das kein Atomkraftwerk sein. Der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, sagte dazu heute in Berlin:

"Es bleibt uns erspart, ein Kernkraftwerk zu reaktivieren für diese Zwecke. Es ist aber kein Grund zu sagen, dass wir uns völlig beruhigt zurücklehnen können. Die Situation in Deutschland wird für mehrere Jahre, insbesondere in solchen Situationen, die wir auch sehen müssen, dass es harte Winter gibt, in denen die Erneuerbaren nicht am Netz sind, sehr ernst bleiben."

Blanke: Und deshalb muss alles dafür getan werden, die Atomkraftwerke zu ersetzen. Niemand könne garantieren, dass es mit den vorhandenen Kapazitäten verlässlich Strom geben werde, sagte Kurth. Und er weist darauf hin, dass es auch vor dem Abschalten der acht ältesten Atommeiler immer mal wieder Stromausfälle gegeben hat. Das muss künftig verhindert werden, fordert er, und deshalb bräuchten wir einen größeren Puffer.

Matthias Kurth: "Dieser größere Puffer kann nur durch Zubau neuer Kraftwerke im Süden insbesondere geschehen und er kann nur geschehen durch einen raschen Netzausbau. Dieses Thema ist erkannt. Der Gesetzgeber hat ja mit dem Netzausbau-Beschleunigungsgesetz uns auch noch zusätzliche Verantwortung gegeben, die wollen wir wahrnehmen, und wir wollen auch für Akzeptanz werben, dass diese Maßnahmen unabdingbar sind."

Blanke: Um Akzeptanz werben für neue Kraftwerke und neue Netze, das fordert Kurth aber auch von denen, die sich jetzt freuen werden, dass kein Atomkraftwerk in Stand-by-Betrieb gehalten werden muss. Die Regelung mit den Reserve-Kohlekraftwerken und –Gaskraftwerken gilt nun erst mal für die nächsten zwei Winter und sie ist nicht nur möglich, weil deutsche Kraftwerke mit einer möglichen Leistung von bis zu 1.000 Megawatt zur Verfügung stehen. Weitere 1.000 Megawatt können, wenn nötig, aus Österreich angekauft werden.

Matthias Kurth: "Österreich hilft uns, weil es mit dem deutschen Markt vollständig gekoppelt ist, weil wir keinerlei Netzengpässe mit Österreich haben und diese Kapazitäten im Bedarfsfall auch zur Verfügung stehen können."

Blanke: Für die Kosten für den Reservebetrieb müssen übrigens die Verbraucher aufkommen. Sie zahlen das über die Netzentgelte. Das müsse uns Sicherheit schon wert sein, sagt Kurth. Mit Blick auf die künftige Energieversorgung appelliert er zu prüfen, ob nicht weitere konventionelle Kraftwerke in Reserve gehalten werden könnten. Zum Beispiel sollte die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die alten Steinkohleblöcke erst dann in Datteln vom Netz nehmen, wenn der neue ans Netz geht.

Matthias Kurth: "Ich glaube, wir können es uns nicht erlauben, in dieser angespannten Situation, wo wir natürlich prioritär die AKW-Abschaltung vorgenommen haben, jetzt weitere konventionelle Kapazitäten insbesondere in Süddeutschland vom Netz zu nehmen."

Blanke: Grundsätzlich geht es bei all diesen Maßnahmen nur um einen Sicherheitspuffer. Bleibt der Winter mild, dann werden die Reservekraftwerke aller Voraussicht nach überhaupt nicht gebraucht.

Ehring: Die Bundesnetzagentur plant für knappe Stromverhältnisse im Winter. Herzlichen Dank an Christel Blanke.

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