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StartseiteKultur heuteKeine Erfolge im Spitzensport ohne Doping19.08.2004

Keine Erfolge im Spitzensport ohne Doping

Interview mit Markus Pawelzik, Mediziner, Psychiater und Philosoph

<strong>Beatrix Novy:</strong> Sport ist gesund, Sport ist Fairplay, Sport ist Ausgleich zum Alltagsstress. Glaubt das wirklich noch einer? Beim Leistungssport spricht ja so einiges dagegen. Aber wen interessiert noch, was Theodor Adorno einmal gesagt hat - und das waren noch ganz andere Zeiten - das nämlich dieser Sport den Leib tendenziell selber der Maschine annähert, darum gehört er ins Reich der Unfreiheit, wo immer man ihn auch organisiert. Gegen alle Einsichten sprechen aber die Bilder, die wir alle lieben. Bilder vor Glück weinender Athleten auf kleinen Treppchen, die Bilder jubelnder Fans, die Bilder ansehnlicher Muskeln. Nur eines, so scheint es, kann diese weltweit ausgestrahlten und gedruckten Heldenbilder trügen, die Substanzen aus dem Labor. Vitamine, Immunstimulantien, Proteine - das mag ja alles erlaubt sein, das nehmen sowieso alle. Aber richtiges Doping, das ist etwas anderes, das nie. Markus Pawelzik ist Mediziner, Psychiater und Philosoph. Er hat sich von jeder seiner Disziplin her über dieses Thema Gedanken gemacht, und ich habe ihn gefragt, warum sieht er diese krasse Doppelmoral im Sport?

Moderation: Beatrix Novy

Die unter Doping-Verdacht stehenden griechischen Athleten Kostas Kenteris (m.) und Katerina Thanou mit ihrem Trainer Christos Tsekos (l.) bei der Weltmeisterschaft in Edmonton 2001 (AP)
Die unter Doping-Verdacht stehenden griechischen Athleten Kostas Kenteris (m.) und Katerina Thanou mit ihrem Trainer Christos Tsekos (l.) bei der Weltmeisterschaft in Edmonton 2001 (AP)

Markus Pawelzik: Ich gehe davon aus, dass das Dopingverbot in der jetzigen Form noch mal zu überdenken ist und zwar aus folgendem Grund: Zunächst einmal lieben wir die Sieger, feiern sie und fragen uns relativ wenig, wie diese Erfolge zustande kommen. Wir haben gar nichts dagegen, dass unsere Athleten alle möglichen Arten von Hilfsmitteln in Anspruch nehmen, die beispielsweise ihre Kollegen aus der dritten Welt aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht in Anspruch nehmen können. Trainingsbedingungen, Trainingstechnik, medizinische Unterstützung - all dies gestehen wir den Leuten zu, Hauptsache der Erfolg ist da. Jetzt ist es so, dass in den Spitzenleistungsbereich die zu erreichende Leistung so hoch ist, so extrem ist, dass das nur unter Ausnutzung aller Hilfsmittel möglich ist. Da es ja um den Erfolg geht, nehmen viele Athleten Dopingmaßnahmen in Anspruch - immer mit dem Ziel, dabei nicht erwischt zu werden. Ich habe gerade gestern noch einen Artikel von der New York Academy of Science zugemailt bekommen, in dem man schätzt - und das sind Angaben von Trainern -, dass 90 Prozent aller Spitzenathleten Doping betreiben. Das heißt, sie gehen davon aus, dass sie ohne diese Maßnahmen nicht konkurrenzfähig sind - und das mit Recht - und sind gleichzeitig bemüht, den Dopingfahndern ein Schnippchen zu schlagen, indem sie sich von speziellen Firmen Substanzen liefern lassen, die mit den herkömmlichen Methoden nicht nachweisbar sind.

Novy: Sie haben eben dargelegt, wie die Logik des Leistungssports unerbittlich auf Doping zutreibt. Aber was ist denn Ihre Alternative? Hier geht es ja ums Grundsätzliche, es geht auch um Moral. Was Sie jetzt sagen, das klingt, als sollte man die Dämme brechen lassen, weil die Macht des Faktischen das gebietet. Meinen Sie das?

Pawelzik: Nein, man muss jetzt die Argumente, die gegen Doping sprechen, einmal unter die Lupe nehmen. Das erste Argument lautet immer, Doping schadet den Athleten. Das ist absolut nicht haltbar. Ein sozusagen medizinisch uninformiertes Doping kann natürlich erheblich schädlich sein. Aber wenn man einfach mal daran denkt, dass Sie nach einem komplizierten Beinbruch und langer Immobilität erheblichen Muskelverlust erleiden, und dass man ihn ganz selbstverständlich mit anabolen Stereoiden, das sind genau die Mittel, um die es meistens geht, hilft, in kürzerer Zeit mit Physiotherapie wieder Muskeln aufzubauen. An dem Beispiel können Sie sehen, dass die anabolen Stereoiden per se nicht besonders schädlich sein können.

Novy: Wie ja auch so manches andere, was die Medizin verschreibt. Aber was ist mit der Unfairness, wenn sich der Athlet über den anderen steigern kann durch Medikamente?

Pawelzik: Vielleicht noch eine ganz kleine Bemerkung. Der Sport selber ist in vielen Fällen in hohem Maße schädlich, das wollte ich an dieser Stelle noch einfügen. Das Fairplay-Argument ist in dem Moment hinfällig, wenn das Dopingverbot fällt oder aber, wenn die Mehrzahl ohnehin dopt. Übrig bleibt das einzig wirklich interessante und gleichzeitig vage Argument, das auf den Ethos des Sports hinauswill.

Novy: Also die grundsätzliche Grenze?

Pawelzik: Genau. Sport, so wäre die Idee, ist gut für unsere Gesinnung und Zivilisation, und man sollte diesen Sportgedanken nicht zur Disposition stellen.

Novy: Als Idee?

Pawelzik:Als Idee. Und da würde ich sagen, die herrschende Idee, die herrschende Praxis hat das schon lange ab absurdum geführt. Ich habe nichts dagegen, die Idee wiederzubeleben. Nur, wenn man das täte würde die Gladiatorenvariante des modernen Leistungssports zur Disposition stehen. Da muss man sich einfach klar machen, dass das enorme wirtschaftliche Interessen sind, die dahinter hängen. Da wäre ich sehr skeptisch, ob das gelänge, so dass ich unter dem Strich sagen würde, es ist allemal fairer, das Doping in einer medizinisch kontrollierten Form zu erlauben. Vor allem dann, wenn man es den Unterprivilegierten dieser Erde auch ermöglicht, auf diese Weise an der Konkurrenz an fairer Form teilzunehmen.

Novy: Vielleicht wäre ja eine Extra-Olympiade, für jeden eine mit und eine ohne Doping die Lösung. Das war Markus Pawelzik über Doping und Doppelmoral.

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