Archiv


Keine Überraschung

Die zehn Mitglieder der Académie Goncourt, allesamt Schriftsteller, darunter so berühmte wie Jorge Semprun, Michel Tournier und Robert Sabatier, spürten wohl bei ihrem traditionellen Treffen im Pariser Restaurant Drouant heute Vormittag, dass sie einen so bedeutenden Kollegen wie Pascal Quignard nicht länger übergehen konnten. Zwar hat bei dem traditionsreichen Prix Goncourt auch das Übergehen Tradition: Céline und Aragon zum Beispiel haben ihn nie erhalten, Marguerite Duras erst mit 70 Jahren, aber dass der 54-jährige Pascal Quignard diesmal gewissermaßen 'dran’ war, spürte jeder, weshalb die Entscheidung für den Favoriten auch keine Überraschung darstellt.

Ein Beitrag von Burkhard Müller-Ulrich |
    Gleichwohl waren die Umstände der Preisvergabe unerwartet. Nicht nur, weil ein situationistischer Spaßvogel um Punkt 13 Uhr für eine etwas aufregende Show mit anschließender Rempelei sorgte. In diesem Augenblick sind nämlich alle französischen Radio- und Fernsehsender live dabei, wenn François Nourissier, der rauschebärtige Präsident der Goncourt-Jury aus dem Restaurant tritt, um die Entscheidung zu verkünden. Tatsächlich trat auch ein Mensch mit Rauschebart heraus und erklärte den Outsider Morgan Sportès zum Sieger, allein es war ein falscher François Nourissier, der echte folgte dreißig Sekunden später, und bei den wartenden Journalisten herrschte für einen Augenblick totale Verwirrung. In den 99 Jahren der Existenz des Prix Goncourt hat es schon manchen Zwischenfall gegeben, diese Art von Medien-Scherz jedoch war neu.

    Die zweite Besonderheit bei der Wahl Pascal Quignards liegt indes in seinem Werk. Denn es entspricht mitnichten jener Art von Literatur, welche die Goncourt-Juroren normalerweise auszuzeichnen pflegen. Es ist nicht einmal ein Roman, sondern eine dreibändige Sammlung von heterogenen Textfragmenten, die vom einzeiligen Aphorismus bis zur Kurzgeschichte reichen. In der französischen Gegenwartsliteratur steht Quignard mit diesem Unternehmen einzig da:

    Mit meinem vorigen Buch "Vie secrète" habe ich eine Form gefunden, in der ich glücklich war. Es ist dies eine Abfolge von Erzählungen, Romananfängen, Antithesen, Überlegungen und biografischen Fragmenten, wo der Prozeß des Nachdenkens greifbar wird. Es handelt sich hier um ein Werk, das ich bis zu meinem Tod fortführen will; die ersten drei Bände liegen vor, unvollendet natürlich, und ich bin froh, dass ich auf diese Weise alle meine Empfindungen mit großer Aufrichtigkeit zu Papier bringen kann.

    Da die Académie Goncourt ihren Preis nur für ein einzelnes Buch vergeben kann und nicht für drei Bände mit 760 Seiten, setzte sie kurzerhand nur einen davon auf die Liste. So kommt es, dass statt des Opus magnum mit dem Titel "Dernier royaume" (letztes Königreich) jetzt nur dieser eine Band "Les ombres errantes" (Die irrenden Schatten) genannt wird.

    "Les ombres errantes", damit meine ich etwas, was sich auch in der Struktur des Buches widerspiegelt, nämlich dass der Akt des Lesens eine Art des Herumirrens ist. Wenn man ein Buch öffnet, weiß man nicht, wohin man geht. Man lässt sich führen in Zeiten, an Orte, zu Gefühlen, mit denen man sich sonst nicht ohne weiteres eingelassen hätte. Überhaupt sind unsere Leben Irrpfade, die wir auf verschiedene Weisen rekapitulieren - je nachdem, zu welcher Zeit und mit welchen Personen wir leben.

    Pascal Quignard, der mehr als zwei Dutzend Bücher veröffentlicht hat, war schon des öfteren für den Prix Goncourt nominiert. Trotz seiner konstanten Produktion gehört er selbst in Frankreich zu den weniger bekannten Autoren, was nicht zuletzt mit dem Bildungsanspruch seiner Romane und Essais zusammenhängt. Quignard ist in der Altphilologie zuhause, seine historischen Abhandlungen sind durchweg interessant, gediegen und manchmal originell. Alles wüst Genialische oder dreist Vermessene ist seiner Dichtung fremd. So war für ihn wohl schon der Ausbruch aus den herkömmlichen Formen des Romans ein existentieller Befreiungsschlag.

    Ich finde nicht, dass ich gegen den Strom schwimme. Ich versuche einfach etwas anderes, nachdem ich 25 Jahre lang ziemlich normale Sachen geschrieben habe. Aber man kommt in ein Alter, in dem man sich freier fühlt, um einfach das zu tun, was man tun möchte.

    Link: mehr ...

    229.html