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StartseiteCampus & KarriereKeiner könne Konjunktiv11.07.2013

Keiner könne Konjunktiv

Jura-Professorin will mit Spezialkursen gegen mangelnde Sprachkompetenz ihrer Studenten ankämpfen

"Misste" als Konjunktiv für "Messen", massenhaft Fehler bei der Kommasetzung und Verwechslungen beim Kasus – in ganz Deutschland klagen Professoren über mangelnde Sprachkompetenz bei Studierenden. Spezielle Kurse für Erstsemester sollen helfen.

Jantina Nord im Gespräch mit Kate Maleike

Gesetze, Kommentare, Aufsätze - Juristen müssen viel lesen und schreiben. Grammatische Grundregeln dürfen da keine Probleme bereiten. (dpa / pa / Fishman)
Gesetze, Kommentare, Aufsätze - Juristen müssen viel lesen und schreiben. Grammatische Grundregeln dürfen da keine Probleme bereiten. (dpa / pa / Fishman)
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Kate Maleike: Ein Anwalt oder eine Richterin, die schon beim Konjunktiv oder der Kommasetzung ins Schleudern kommen und sich deshalb gern hinter juristischen Worthülsen verstecken, die sind so was wie die Horrorvorstellung von Jantina Nord. Die Juraprofessorin hat nämlich bei ihren Studierenden an der Hochschule Wismar massive Deutsch-Probleme festgestellt und will das jetzt durch gezielte Sprachförderung verändern. Wie wir gleich hören werden, geht sie damit ein Problem an, das bei Weitem nicht nur in Wismar besteht. Guten Tag, Frau Nord!

Jantina Nord: Ja, schönen guten Tag!

Maleike: Sie haben festgestellt, dass Jura-Studierende, speziell Ihre Jura-Studierende auch nicht so gut in Deutsch sind, Sprachdefizite haben. Was genau sind denn die Probleme?

Nord: Also vor allen Dingen haben wir festgestellt, dass das in den letzten Jahren erdrutschartig zugenommen hat. Wir hatten früher vielleicht das Problem, dass die Studierenden immer "den" und "dem" verwechselt haben, was vielleicht aber auch ein bisschen dem norddeutschen Zungenschlag geschuldet ist. Inzwischen ist es so, dass wir sagen, 50 Prozent unserer Studienanfänger beherrschen den Konjunktiv nicht mehr sicher, und das ist beispielsweise, wenn man juristische Sachverhalte darstellen will, ein Kernproblem, denn dann kann ich nicht mehr ausdrücken, was ist nun wahr und was wird bestritten, also was ist streitig zwischen den Parteien.

Maleike: Können Sie da mal ein paar Beispiele nennen?

Nord: Das werde ich immer wieder gefragt. Da habe ich natürlich als Prüferin das Problem, ich möchte die Leute nicht verraten. Aber ich kann Ihnen vielleicht sagen, die Hälfte eines Jahrgangs kann an dem Satz "Ich habe mit Herr Müller gesprochen" keinen Fehler mehr erkennen. Und das ist neben dem Konjunktiv das zweite große Problem, was wir haben, dass offensichtlich nur noch der Nominativ bekannt ist und es bei den konjunktivischen Formen so ist, wir haben ja extra einen großen Test gemacht mit den Leuten, damit das also nicht nur professorales Gemoser ist, sondern auch ein bisschen wissenschaftlich abgesichert oder mehr als ein bisschen, hoffentlich, haben unsere Studierenden eben, die Erstsemester Konjunktivformen gebildet, bestenfalls, die es gar nicht gibt. "Misste" beispielsweise als Konjunktiv für "Messen".

Maleike: Hui! Wir wollen vielleicht an der Stelle mal eine kleine Umfrage einspielen, eine Stichprobe, die wir jetzt gemacht haben an der Fakultät für Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg. Dort hat man nämlich zum Teil ähnliche Erfahrungen gesammelt wie Sie.

"Wir haben hier gerade an meinem Lehrstuhl die Seminararbeiten korrigiert und festgestellt, dass etwa 80 Prozent der Arbeiten an schwerwiegenden Rechtschreibungs-, Grammatik- und Zeichensetzungsmängeln leiden. Bei der Zeichensetzung ist fast kein System mehr erkennbar, Konjunktivnutzung ist praktisch nicht mehr bekannt, und das ist natürlich gerade für Juristen eine große Schwierigkeit, weil der Text natürlich das Transportmittel für Recht ist, und wenn der Text nicht klar und verständlich ist, wird auch Recht nicht richtig transportiert."

"Fraglos gibt es ein Problem der Sprachkompetenz bei Studierenden, was sicher sehr viel mit dem Gebrauch sogenannter Neuer Medien zu tun hat und mit den Sprachen, die da verwendet werden, die nicht kompatibel sind mit einer akademischen Sprache, wie sie im Studium gebraucht wird, das heißt, das Problem ist auch eher unabhängig von der Ursache, auf die es oft bezogen wird, Migrationshintergrund und Ähnliches. Soweit es um Fachsprache geht, ist das sicher eine Sache, die die Universität übernehmen muss, das ist unsere Aufgabe, da Studierende auszubilden. Soweit es um eine grundlegende Textkompetenz geht, ist es tatsächlich ein Problem, wenn Studierende an die Universität kommen und hier Schwierigkeiten haben – das ist einfach sehr spät."

Maleike Das war also unsere kleine Stichprobe aus Hamburg. Frau Professor Nord, wie sieht es denn aus, was hören Sie aus anderen Standorten? Haben die sich auch aufgemacht, dieses Problem in Angriff zu nehmen?

Nord: Ja, also vereinzelt hört man einige Aufrechte, Tapfere, die sich trauen, den Kopf rauszustrecken und das zu sagen. Und ich freue mich sehr, dass offensichtlich unser Projekt in Wismar hier auch noch mal als Befreiungsschlag empfunden wird, dass mehr Leute sich trauen, das zuzugeben, denn das scheint ja nicht zu Hochschulbildung und -ausbildung zu passen, dass man sagt, man kümmert sich um das Problem ganz grundlegender Sprachkompetenz. An der Ruhr-Universität hat schon letztes Jahr einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter gesagt, wir haben hier katastrophale Ergebnisse, teilweise auch in den Arbeiten, die zum ersten Staatsexamen gehören. Und deswegen machen wir ein Projekt Lesen. Also man übt mit den Leuten tatsächlich Lesen.

Maleike Aber natürlich wird das dann nicht nur im Fach Jura auffallen, sondern auch andere Disziplinen klagen ja darüber. Das hören Sie wahrscheinlich auch.

Nord: Absolut. Ich weiß es ganz genau aus dem Bereich Architektur und Medizin. Im Bereich Architektur habe ich mit vielen Kollegen gesprochen, dass die sagen, die machen tolle Entwürfe, aber die können nicht mehr beschreiben, was sie dort gemacht haben. Und in der Medizin ist es ja ähnlich wie in der Juristerei auch schon lange Thema, dass wir da eine Fachsprachlichkeit haben, die übrigens auch gut und richtig ist, dass wir sie haben, aber dass dann im Gespräch mit den eigentlich Betroffenen, denen, die es eigentlich angeht, den Patienten oder den Mandanten, die jeweiligen Gesprächspartner vom Fach nicht mehr in der Lage sind, sich auf die einzustellen, sondern sich dann dahinter verstecken. Und das bringt viel Leid mit sich, denn in beiden Disziplinen geht es ja um menschlichen Schicksale, und wenn ich das nicht mehr den eigentlich Betroffenen so erklären kann, was da los ist, dass sie es auch verstehen und das auch Verantwortlichkeiten aufgedeckt werden, dann ist das natürlich sehr, sehr bitter.

Maleike: Ihnen geht es ja auch nicht darum, die Leute "bloßzustellen", sondern Sie wollen ja unterstützen und wollen, dass diese sprachlichen Defizite später im Berufsleben eben nicht zu Stolpersteinen werden. Wie konkret stellen Sie das denn an? Wie geben Sie "Nachhilfe"?

Nord: Also erst mal bin ich froh, dass wir es jetzt in der Form auch machen können und dürfen. Dass wir Einigkeit darüber erzielt haben bei uns an der Fakultät, dass wir das Kind beim Namen nennen. Dass wir das nicht verstecken hinter so Begriffen wie "legal writing", sondern dass wir sagen, zu Anfang des Semesters bieten wir für alle die, die es denn annehmen wollen, eine Art Brückenkurs an, also ein Propädeutikum Deutsch für Muttersprachler Deutsch. Und genau so etwas soll es sein. Dann fassen wir das im Verlauf des ersten Semesters nach, indem wir dort auch das Lesen von Fachtexten üben. Und dann fassen wir es zum zweiten Mal nach am Ende des ersten Semesters, indem wir dort noch mal die Anwendung von Sprachkompetenz auf das Verfassen von juristischen Fachtexten einüben. Und das besonders vor dem Hintergrund, dass wir leider als furchtbaren Nebeneffekt des Fortschreitens im Studium erkennen müssen, dass, kaum haben wir die Leute bei uns und bilden sie als Juristinnen und Juristen aus, verfallen sie eben auch in dieses Worthülsengeplapper. Und uns da einen Riegel vorzuschieben, wollen wir sie uns nach dem Ende des ersten Semesters noch mal greifen und mit ihnen üben, wie man Dinge klar und präzise ausdrücken kann. Und da geht es, wie gesagt, nicht nur um eine Verständlichkeit, sondern da geht es um eine, ja, eine Genauigkeit den Inhalten gegenüber. Wenn man da genau ist, dann kann man es auch sprachlich genau ausdrücken.

Maleike: Wie kommt das denn bei den Studenten an?

Nord: Erstaunlich gut. Also da muss ich wirklich denen auch noch mal ein großes Dankeschön aussprechen, denn der jetzige Jahrgang war ja sozusagen unser Experimentierjahrgang und das haben wir ihnen gesagt, dass wir da ein großes Problem sehen und dass wir das mit ihnen ausprobieren wollen. Und die haben das mitgetragen und die haben das auch eingesehen, und jetzt haben wir es aber rumgerissen. Ja, und ich hoffe eben, dass man mit dem Abschluss Wirtschaftsjuristin und Wirtschaftsjurist aus Wismar in Zukunft auch verbinden wird, dass das Leute sind, die sprachlich besonders geschult sind.

Maleike: Sagt Jantina Nord, die Professorin für Jura an der Hochschule in Wismar ist und sich jetzt einsetzen möchte für eine bessere deutsche Sprache bei ihren Jura-Studierenden und überhaupt bei den Jura-Studierenden in Deutschland.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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