Freitag, 24.05.2019
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteCorsoManifest gegen die allgegenwärtige Rape Culture15.07.2014

Kerstin Grether Manifest gegen die allgegenwärtige Rape Culture

Sie gilt als "Susan Sontag der deutschen Pop-Kritik", die Autorin und Sängerin Kerstin Grether. "An einem Tag für rote Schuhe" heißt ihr neuer Roman. Atmosphärisch dicht erzählt er, wie die Protagonistin als Musikerin zwischen dem Spaß auf der Bühne und den Auseinandersetzungen mit einer von Männern dominierten Branche hin und her gerissen ist.

Rote vegane Schuhe stehen im veganen Schuhladen avesu in der Schivelbeiner Straße in Berlin Prenzlauer Berg, fotografiert am 23.08.2012. Verkauft werden hochwertige und schöne vegane Schuhe für Menschen, die Tierleid vermeiden möchten. Zum Einsatz kommen Lederersatzstoffe, die aus umweltverträglicher und fairer Herstellung stammen. (Jens Kalaene / dpa)
"An einem Tag für rote Schuhe" liefert wie nebenbei eine präzise Schilderung des Musikgeschäfts (Jens Kalaene / dpa)

Kerstin Grether ist ein künstlerisches Gesamtkunstwerk: Autorin, Musikerin, Sängerin und Songtexterin mit rotem Lippenstift und zeitweise rosa Strähnchen im blonden Haar. Eine junge Frau, die gerne unbequeme Fragen stellt und gerne unberechenbar ist.

Genauso unberechenbar wie ihr neuer Roman "An einem Tag für rote Schuhe". Auf der einen Seite erzählt sie ganz beiläufig vom Glamour und von der Feierstimmung des Berliner Nacht- und Clublebens, auf der anderen Seite schildert sie eine Hauptfigur, die als Musikerin zwischen dem Spaß auf der Bühne und den Auseinandersetzungen mit einer von Männern dominierten Branche hin und her gerissen ist. In eine softe, leichtfüßige Sprache gehüllt, schreibt Grether über schlimme Dinge und schlimme Jungs, fragt nach dem Bösen.

Gewalt und Demütigungen

In ihrem Roman erlebt die Protagonistin Clarissa Underwood Gewalt und Demütigungen, die sich parallel zum schrillen Musikerdasein ereignen.

Kerstin Grether: "Clarissa Underwood wurde auf der Strasse von zwei Männern sexuell belästigt und vergewaltigt und sie wurde auch in ihrer Jugend schon vergewaltigt, und sie wird auch ständig sexuell belästigt im Alltag. Und ich wollte einfach diesen Bewusstseinsprozess aufschreiben, wie diese Schuldgefühle von Opfern sexueller Gewalt abfallen und wie sie anfangen, wütend zu werden auf eine Gesellschaft. Das nennt sich 'rape culture', in der sexuelle Übergriffe, Belästigungen zur Tagesordnung gehören und auch ein bisschen verharmlost werden und vor allem auch geduldet werden."

Clarissa lehnt sich auf. Ein Thema, das auch andere Autoren aktuell aufgreifen, zum Beispiel Feridun Zaimoglu. In seinem neuen Roman Isabel beginnt sich die Hauptfigur, ebenso zu wehren.

Feridun Zaimoglu: "Dieser Roman ist unter anderem auch ein Männervernichtungsroman. Und dass eine Isabel wütend wird, das ist natürlich und auch realistisch, denn sie reagiert, sie sieht also, führt Isabel auch Krieg, gegen die Perversionen, gegen die kranke Welt, die von wem gemacht ist' Von Männern."

Wenn Frauen Frauen mobben

Kerstin Grether jedoch geht noch weiter als Feridun Zaimoglu und seziert in ihrem Buch auch das Verhalten der Frauen untereinander, die die Welt mit ihrem Verhalten gleichsam prägen und gestalten. Es geht ihr nicht nur um die Gewalt seitens der Männer, sondern auch um vorherrschende Aggressivität unter Frauen. Genauso wie Gewalt gehören für sie Neid und Missgunst zu den Ingredienzen des Bösen.

Kerstin Grether: "Und das ist auch das Schlimme, wenn Frauen sich gegenseitig mobben. Und so kann man innerhalb einer Gesellschaft nicht agieren, finde ich. Man muss halt ganz verschiedene Blumensorten lieben können, auch wenn man selbst gerade nicht die blaue Blume ist oder so."

Das Engagement von Kerstin Grether beschränkt sich nicht nur aufs Schreiben. Auch in ihrer Arbeit als Songtexterin und Sängerin der Band "Doctorella" beschäftigt sie sich mit Themen wie Solidarität unter Frauen, Liebe und Gleichberechtigung. So ist parallel zum Roman auch ein neuer "Doctorella"- Song erschienen. Eine Fortsetzung des Romans?

Kerstin Grether: "Der Song ist eigentlich der nächste Step, wenn der Roman beendet ist, weil die Protagonistin sitzt ja auf dem Scherbenhaufen ihrer Beziehung. Und in diesem Song fängt sie an, einen Forderungskatalog aufzustellen, was will ich eigentlich von den Männern? Und das Lied heißt: 'Ich brauche ein Genie, was mein Herz repariert.'"

Auf spielerische Art und Weise singt "Doctorella" über den Genie- Kult, der in der Musikbranche meistens um Männer gemacht wird: Elvis Presley, Bob Dylan oder Kurt Corbain, um nur einige zu nennen. Genauso wie in Kerstin Grethers Buch hegt im "Doctorella"-Song nun eine Frau einen Genieanspruch und sucht nach einem ebenbürtigen männlichen Partner, der es aushält, eine coole Frau an seiner Seite zu haben.

Kerstin Grether: "An einem Tag für rote Schuhe"
Ventil Verlag 2014, 16,90 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk