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Kerstin von Lingen: Kesselrings letzte Schlacht. Kriegsverbrecherprozesse, Vergangenheitspolitik und Wiederbewaffnung: Der Fall Kesselring

An Albert Kesselring erinnern sich in Deutschland nur noch wenige, in Italien dagegen ist er eine - wenn auch zweifelhafte - Berühmtheit. Er war Generalfeldmarschall der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, Oberbefehlshaber beim deutschen Rückzug aus Italien und in dieser Eigenschaft für eine Reihe von Kriegsverbrechen verantwortlich. 1947 wurde er zum Tode verurteilt, allerdings schon fünf Jahre später begnadigt und aus der Haft entlassen. Er bestritt seine Verantwortung für den Mord an mindestens 10.000 Zivilisten, behauptete im Gegenteil, Millionen von Italienern das Leben gerettet zu haben, und wollte dafür ein Denkmal errichtet bekommen. Kesselring half kräftig die bis heute lebendige Legende von der Unschuld der Wehrmacht an den nationalsozialistischen Verbrechen zu nähren, und die Alliierten aus Großbritannien und den USA waren nur allzu schnell bereit, deutsche Kriegsverbrecher auf freien Fuß zu setzen, um vor dem Hintergrund des Kalten Krieges die Wiederbewaffnung Deutschlands und die dafür notwendige Eingliederung alter Nazi-Kämpfer in die neue Bundeswehr zu ermöglichen. Wie Kesselring im Zusammenhang mit seinem Prozess die letzte ideologische Schlacht um den eigenen und den Ruf der Wehrmacht geschlagen hat, analysiert Kerstin von Lingen in einer kürzlich erschienenen Studie. Horst Meier hat ihr Buch gelesen.

Von Horst Meier | 10.01.2005
    Es ist heute ein Allgemeinplatz, dass die deutsche Wiederbewaffnung durch die Freilassung prominenter Kriegsverbrecher in alliiertem Gewahrsam gleichsam erkauft wurde. Doch wie dies möglich war, bleibt meist in nebulösen Formulierungen verborgen. In der Untersuchung des Falles Kesselring lässt sich erstmals ein exakter Nachweis führen, auf welchen Wegen einem Netzwerk aus Veteranen, Rechtsanwälten und deutschfreundlichen Zirkeln vor allem in Großbritannien und den USA ... Kesselrings Freilassung gelang.


    Albert Kesselring, geboren 1885, Soldat seit 1904, zuletzt Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber Südwest, kommandierte während der deutschen Besatzung in Oberitalien die Rückzugsgefechte der Wehrmacht. Die Deutschen sahen sich ab 1943 nicht nur den alliierten Invasionstruppen, sondern auch den von diesen unterstützten Partisanen gegenüber. Das nach dem Krieg gern gezeichnete Bild vom "guten General", der Kunstschätze bergen ließ, die Beteiligung an der Deportation der römischen Juden verweigerte und Rom zur offenen Stadt erklärte, dieses Bild ist ein "Zerrbild", schreibt die Autorin: In Kesselrings Verantwortungsbereich fand ein Kampf gegen Partisanen statt, dem im Sommer 1944 die Bewohner ganzer Dörfer zum Opfer fielen: Geplant und stets nach demselben Muster wurden Frauen, Kinder und Greise mit automatischen Waffen erschossen, die teilweise noch bewohnten Häuser angezündet. Italienische Historiker, die übertriebene Opferzahlen korrigiert haben, gehen von 10.000 Toten aus.

    Im so genannten "Bandenbefehl" vom 17. Juni 1944, für den Kesselring verantwortlich zeichnete, sicherte er "jedem" absolute Deckung zu, der im Partisanenkampf "über das bei uns übliche zurückhaltende Maß hinausgeht". Das scharfe Vorgehen gegen so genannte "Partisanenhelfer" ordnete er, so wörtlich, "auch gegen Frauen und Kinder" an.

    Wegen solcher Befehle wurde Kesselring 1947 der Prozess gemacht. Vor dem britischen Militärgericht in Venedig wurde er des weiteren angeklagt, als Vergeltung für ein Sprengstoffattentat in Rom, bei dem 33 deutsche Polizisten starben, die Erschießung von 335 italienischen Zivilisten befohlen zu haben. Kesselring, der sich für "nicht schuldig" erklärte, schlug seine "letzte Schlacht" nach dem Krieg - für die sog. 'Ehre’ der Wehrmacht. Am 6. Mai 1947, nach 57 Verhandlungstagen, wurde er zum Tode durch Erschießen verurteilt.

    Kesselring starb am 16. Juli 1960 in einem Sanatorium in Bad Nauheim an einem Herzinfarkt. Die Jahre, die dazwischen lagen, schildert Kerstin von Lingen in der zweiten Hälfte ihres Buches: Zuerst wurde das Todesurteil in lebenslängliche Haft umgewandelt, dann auf 21 Jahre abgemildert; schließlich wurde Kesselring, an Krebs erkrankt, 1952 begnadigt, 5 Jahre nach dem Todesurteil.

    Wie es im Kraftfeld von Antikommunismus und Kaltem Krieg zu dieser Wendung kam, wie der Symbolwert des Falles Kesselring für verschiedene Interessen nutzbar gemacht wurde, beschreibt die Autorin sehr anschaulich. Während das britische Kabinett 1948 beschloss, das Prozessprogramm gegen Kriegsverbrecher einzustellen - in Reaktion auf Kritiker wie den damaligen Oppositionsführer Winston Churchill -, formierte sich die deutsche "Kriegsverbrecherlobby". Der Verteidiger Kesselrings, Rechtsanwalt Hans Laternser, hatte bereits im Prozess die Legende vom "anständigen Italienkämpfer" gesponnen. Mit seinem Buch "Verteidigung deutscher Soldaten", das Plädoyers und andere Rechtfertigungsschriften bot, tat er ein Übriges, das Image seines Mandaten aufzupolieren. Mit Erfolg. Große Teile der Presse, evangelische und katholische Würdenträger, die Rechtsschutzstelle im Bundesjustizministerium, Kurt Schumacher, Konrad Adenauer und Marion Gräfin Dönhoff von der ZEIT setzten sich für Kesselring ein - wie schon zuvor der Vatikan. Eine, so die Autorin, "bemerkenswerte Allianz".

    Dabei ist zu beobachten, dass sich der Eindruck, die "Siegerjustiz" werde nun korrigiert, mit jedem Entgegenkommen der Alliierten verstärkte. Durch beispielloses Zusammenspiel aus gelenkter Presse und psychologischen Bedürfnissen ... besonders seitens der Soldatenverbände wurden die deutschen Kriegsverbrechen in der kollektiven Erinnerung der Bundesrepublik quasi gelöscht oder zum "Justizirrtum" umgedeutet.

    Höhepunkt der Pressekampagne war eine dreiteilige Serie der Zeitschrift "Stern", die 1951 mit dem Titel aufmachte "Nicht Gnade, sondern Recht". Die FAZ formulierte: "Unschuldige kann man nicht amnestieren." Die Metamorphose des Kriegsverbrechers zum Ehrenmann, der hinter Kerkermauern schmachtete, ist ein besonders spannendes Kapitel.

    Im Zuge der Kampagne, die "Freiheit für Kesselring!" forderte, verdichtete sich ein "apologetischer Nebel", der sich nur allmählich auflöste. Die Autorin leistet vorzügliche Aufklärung und kommt zu dem gut begründeten Ergebnis, Kesselrings Mitschuld am Tod der italienischen Zivilisten stehe aufgrund seiner "Bandenbefehle" "nach wie vor fest". Andererseits sei nicht zu belegen, dass er im Fall der römischen Geiseln Urheber des Erschießungsbefehls war.

    Kerstin von Lingen wertete nicht nur Unmengen von Akten und Literatur aus, sondern konnte durch eigene Recherchen neue Quellen erschließen: So hat sie die Flugbücher aufgespürt, die Kesselrings Inspektionsreise, das heißt seine Abwesenheit während des Attentats von Rom beweisen. Außerdem hat sie den im Bundesarchiv gelagerten Nachlass von Rechtsanwalt Laternser aufgearbeitet und zugänglich gemacht.

    Das Buch bietet die detailreiche Rekonstruktion eines Falles, der im Dreieck von Kriegsverbrechen, Vergangenheitspolitik und Wiederbewaffnung einige Jahre die westdeutsche Nachkriegsdebatte prägte. Eine subtile, hochdifferenzierte Studie, die dem einstigen Generalfeldmarschall historische Gerechtigkeit widerfahren lässt, ohne dem Kriegsverbrecher Kesselring das Geringste zu schenken.

    Kesselring selbst blieb, auch wenn er anfangs über den Blutrausch einzelner Einheiten erschrak, ein Verfechter der "ewigen Werte des Soldatentums". Er sah sich, wie das Time Magazin mit Blick auf seine Memoiren spottete, "in der schönen Tradition deutscher Heerführer, die zwölf Jahre lang nichts gesehen, nichts gehört und nichts getan hatten". Er hat sich jedenfalls, schreibt die Autorin, "zu keiner Zeit mit dem Gedanken auseinandergesetzt, dass militärische Tugenden wie Tapferkeit, Pflichterfüllung und Disziplin auch für unsittliche Ziele erbracht worden sind."

    Dementsprechend selbstgerecht trat Kesselring nach seiner Freilassung als Gutachter vor deutschen Gerichten und als Ehrenvorsitzender verschiedener Veteranenverbände auf – und verspielte binnen kurzer Zeit seinen guten Ruf. So urteilte etwa der künftige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, "Leuten seines Schlages" dürfe man nie wieder ein militärisches Kommando übertragen.

    Während der Kesselring-Mythos vom unschuldigen Generalfeldmarschall mit seinem Protagonisten 1960 begraben wurde, hat sich die Legende vom "Sauberen Krieg an der Südfront" bis in die 80er Jahre unwidersprochen halten können. Kesselrings letzte Schlacht war damit seine erfolgreichste.

    Horst Meier war das über 'Kesselrings letzte Schlacht’. Kriegsverbrecherprozesse, Vergangenheitspolitik und Wiederbewaffnung’ von Kerstin von Lingen. Es ist im Schöningh Verlag erschienen, hat 392 Seiten und kostet 35.90 Euro.