Kommentar zu den Kessler-Zwillingen
Der Todeszeitpunkt als Teil der Lebensplanung

Der doppelte Suizid der betagten Kessler-Zwillinge bewegt – vor allem wegen der unverbrüchlichen Geschwisterliebe bis in den Tod. Doch der Fall deutet auch auf einen anhaltenden Streit um die Planbarkeit unseres Lebens hin. 

Von Petra Gehring |
    Porträt-Aufnahme von Alice und Ellen Kessler
    Waren als Sängerinnen und Tänzerinnen international bekannt: Alice (l.) und Ellen Kessler (picture alliance / dpa / Lennart Preiss)
    Der Tod von Alice und Ellen Kessler bewegt die Öffentlichkeit. Die beiden verblüffend ähnlich aussehenden Tänzerinnen und Schauspielerinnen, genannt „die Kessler-Zwillinge“ oder auch „die beiden Kessler-Zwillinge“, werden nicht nur als glamouröse (und wohl auch geistreiche) Unterhaltungskünstlerinnen gewürdigt. Sondern die Art ihres Todes lässt aufhorchen: Die Zwillinge ließen sich von einer privaten Sterbehilfeorganisation das gemeinsame Lebensende organisieren – selbstverständlich als bezahlte Leistung.
    Bestellt, bezahlt, gemacht: Für die einen ist das eine erstrebenswerte Art zu sterben (vorausgesetzt natürlich, die tödliche Substanz funktioniert plangemäß, nämlich schmerzfrei und schnell). Denn ist diese Serviceleistung nicht besser als Altern, Siechtum und unwägbares Warten aufs Sterben?

    Suizid aus Angst vor dem Tod

    Für die anderen wirkt die geplante Einnahme von tödlichem Gift wie ein unendlich trister Schritt. Wie groß muss der Drang nach Kontrolle, nach dem perfekten Abgang sein, holt man sich Sterbehelfer ins Haus. Konnten die Kesslers – sportlich trainiert, diszipliniert, stets lächelnd – Gebrechlichkeit derart wenig ertragen? Auch wenn Depression im Spiel war: Kann man nicht etwas so Wichtiges wie den Tod einfach kommen lassen – ähnlich wie Freundschaft und Liebe? Aus dieser zweiten Sicht hat jeder Sterbehilfetod etwas von Suizid aus Angst vor dem Tod.

    Wird der assistierte Suizid zum Normalfall?

    Eine Folgeüberlegung gilt dem Altern. Wird der assistierte Suizid bald der saubere Normalfall für alle – nicht alle Kranken, aber vielleicht doch alle Kranken, sagen wir: Achtzig plus? Gehört die Zukunft einer Lebensplanung, die Lebensqualität, Lebensdauer wie auch den Zeitpunkt fürs Lebensende durchschematisiert?
    Während die Kesslers Gift nehmen, initiiert die Junge Union eine symbolische Diskussion über mutmaßlich erforderliche Rentenabsenkungen (wohlgemerkt nicht für ihre eigene Generation, sondern für Seniorinnen und Senioren in den Jahren zuvor). Und auch mit einer unvorhergesehenen Wehrpflicht tun sich junge Leute – angesichts eines anders „geplanten“ Lebensweges – schwer. Und Tod an der Front? Doch wohl verfrüht! Abermals scheinen „Wunsch-Lebensläufe“ zu zählen.

    Verschiedene Ideen von Freiheit

    Im Grunde kollidieren in diesen Debatten ganz verschiedene Ideen von Freiheit: Die Freiheit zu Verwirklichung meines Willens, eines „Bildes“ dessen, was zu geschehen hat. Oder aber die Freiheit, sich gerade nicht festzulegen, nicht alles selbst zu organisieren, sondern den Willen und die Umstände eher als Zusammenspiel zu sehen. Natürlich nicht fremdbestimmt, aber doch so, dass der Alltag (gerade in wichtigen Dingen) für „Überraschungen“ offenbleibt. Freiheit als Durchsetzungsmacht steht gegen Freiheit als Ermöglichungsmedium. Freiheit als Planungssicherheit steht gegen Freiheit immer neu hier und jetzt.

    Kein Triumph der Sterbeplanung

    Damit zurück zu den Kesslers. Ihr Fall scheint mir eine Art Etikettenschwindel zu sein. Denn wer ihn als gelungenes Beispiel für den Service von Sterbehilfeorganisationen hinstellt, übersieht, dass uns am Sterben der beiden nicht das Geplante, sondern etwas anderes fasziniert. Nämlich das Faktum des Doppelsuizids. Noch im Äußersten begehren sie, zusammenzubleiben. Keine will die andere überleben: Das ist ganz der romantische Liebestod. Ein Tod, der angesichts der ikonischen Symmetrie der beiden Doppelschönheiten irgendwie auch in ästhetischer Hinsicht ihr Lebenswerk – als ein gemeinsames – besiegelt.
    Dass am Rande des romantischen Bildes sich bezahlte Sterbehelfer tummeln, bleibt somit ein Makel. Kein Triumph der Sterbeplanung. Denn der Tod hätte die beiden schlichtweg von sich aus gemeinsam holen sollen. Ich hätte ihnen dies ganz unerzwungen gewünscht!

    Haben Sie Selbstmordgedanken?

    Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, oder jemanden kennen, der suizidgefährdet ist, suchen Sie Hilfe. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/1110111 und 0800/1110222. Auch ein Kontakt per Chat und E-Mail ist möglich: www.telefonseelsorge.de.