Golfstaaten
KI als neues Öl

In der der Golfstaaten entstehen riesige Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Die Vereinigten Arabischen Emirate investieren in ihre Zukunft nach dem Öl. Doch der Preis dafür ist hoch und der Irankrieg bedroht das neue Geschäftsmodell.

    Roboter mit Menschen beim "Bridge Summit" in Abu Dhabi
    Die Vereinigten Arabischen Emirate setzen auf KI: Bei der Konferenz und Messe "Bridge Summit" in Abu Dhabi wurden auch Roboter vorgestellt (IMAGO / Matrix Images / Nic Bothma)
    Die Golfstaaten sind mit Erdöl und Erdgas reich geworden. Doch diese Ressourcen sind endlich. Um unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu werden, orientieren sich die Länder neu, indem sie in Technologien investieren: von Rechenzentren, Robotik und Biotechnologie bis hin zu Raumfahrt und Quantencomputern. Vor allem die rechenintensive künstliche Intelligenz (KI) gilt als neues Gold. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Saudi-Arabien und Katar bauen deshalb Rechenzentren aus. Damit könnten die Golfstaaten zu globalen Tech-Großmächten werden – wenn nicht der Irankrieg dazwischenkommt.

    Inhalt 

    Vorreiter Vereinigte Arabische Emirate 

    Die Emirate gehören zu den größten Ölproduzenten der Welt und sind gerade aus der OPEC, der Organisation Erdöl exportierender Länder, ausgetreten, um künftig mehr und selbstbestimmter Öl fördern zu können. Um in Zukunft aber von der Ölmacht zum KI-Hub zu werden, wollen die Emirate massiv KI-Rechenleistung anbieten, sogenanntes Compute, eine im globalen KI-Hype begehrte Ressource. Die Emirate wollen laut "Handelsblatt" bis 2030 13 bis 14 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts mit KI erwirtschaften, also knapp 100 Milliarden Dollar. Ähnliches streben Saudi-Arabien und Katar an. 

    Investitionen und Kooperationen 

    Zentraler Akteur in der Umsetzung staatlicher KI-Pläne in den Emiraten ist die Firmengruppe G42 aus Abu Dhabi - auch Khazna Datacenters gehört dazu. Tahnoon bin Zayed al Nahyan, der Vorsitzende von G42, ist ein Bruder des Präsidenten, nationaler Sicherheitsberater des Landes und das Machtzentrum der emiratischen KI-Strategie. Als Vorstand des KI-Staatsfonds MGX vergibt er milliardenschwere Investitionen an internationale Tech-Unternehmen wie Microsoft, xAI von Elon Musk oder - über den Bau eines Rechenzentrums - an die europäische KI-Hoffnung, das französische Mistral AI. Besonders viel emiratisches Geld fließt in den KI-Branchenriesen OpenAI, der im Mai 2025 eine besondere Partnerschaft ankündigte: „OpenAI for Countries“.
    Um als Land mit KI nach vorne zu kommen, ist für die Emirate die Nähe zu den USA essenziell. Den USA ist neben dem Kapital wichtig, die Golfregion vom Einflussbereich des großen KI-Rivalen China fernzuhalten. Laut „Wall Street Journal“ hat der Staatsfonds MGX 500 Millionen Dollar in einen privaten Kryptowährungsfonds der Familie Trump investiert - kurz bevor der US-Präsident strenge Exportbeschränkungen für KI-Chips gelockert hatte. Ohne die können die Emirate wiederum keine KI-Rechenzentren bauen - solche wie "Stargate".
    Dabei handelt es sich um eine Infrastrukturallianz der emiratischen Gruppe G42 und Khazna Datacenters mit den US-Unternehmen wie NVIDIA, OpenAI, Cisco und Oracle sowie mit der japanischen SoftBank. Schirmherr ist US-Präsident Donald Trump, der bei einem Besuch in den Emiraten Pläne für „Stargate UAE“ präsentierte. Es soll ein Fünftel des Rechenzentrumscampus ausmachen, der bis zu 250 Milliarden Dollar kosten könnte. Ein kleiner Teil des Campus soll noch zum Jahresende 2026 anlaufen.  

    Welche Standortvorteile haben die Golfstaaten? 

    Die Golfstaaten liegen günstig an einem Schnittpunkt zwischen Europa, Asien und Afrika. Sie verfügen über billige Energie, vor allem fossile, aber auch Solarenergie. Außerdem schöpfen sie aus enormen Staatsfonds, aus denen in internationale Technologieunternehmen investiert wird. Schließlich ist die Akzeptanz von KI in der Bevölkerung sehr hoch – deutlich höher als in Europa.  
    Das Land investiert massiv in KI-Technologie: Die Emirate fördern Start-ups, trainieren arabische KI-Sprachmodelle und etablieren seit Jahren KI-Bildung als Unterrichtsfach an Schulen. Sie haben eine eigene KI-Universität und den weltweit ersten Minister für künstliche Intelligenz, Omar Al Olama. Mit der rasant steigenden Rechenleistung wollen die Emirate nach offiziellen Angaben als erste Regierung weltweit die Hälfte ihrer Arbeit an autonome KI-Agenten auslagern. „In zwei Jahren laufen 50 Prozent der Behörden, Dienste und Abläufe über autonome KI-Systeme.“  
    Schließlich kann die autokratische Regierung zügige Projektentwicklungen notfalls auch gewaltsam durchsetzen. Mit Protesten von Bürgern und Umweltverbänden ist wegen der drohenden Repressalien aber nicht zu rechnen. 

    Welche Nachteile haben die Golfstaaten? 

    Bis zu diesem Jahr galten die Emirate als „sicherer Hafen“, doch mit Beginn des Irankrieges erscheint das Geschäftsmodell bedroht. Am 1. März schlugen iranische Drohnen unter anderem in zwei Amazon-Rechenzentren in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein -  mutmaßlich nahe Dubai. Serverschränke wurden zerstört, Mitarbeiter wurden evakuiert, Lüftungssysteme fielen aus, Wasser überschwemmte den Boden, zitieren Medien aus internen Berichten. Die Wiederherstellung wird laut Amazon noch mehrere Monate dauern. Manche Geschäftskunden klagen über Datenverlust - und zahllose regionale Endkunden über ausgefallene Banking-, Liefer- und Taxi-Apps.  
    Die ersten militärischen Angriffe auf moderne KI-Rechenzentren stellen die Betreiber vor neue Herausforderungen. Sabotageakte an Unterseekabeln in der Ostsee zeigen: Die Lebensadern des Internets sind angreifbar. Und der größte Teil der Internetanbindung der Golfstaaten läuft in Form von Glasfasertrassen durch die Straße von Hormus. 
    Heena Nazir von "Germany Trade and Invest", der Wirtschaftsförderungsagentur der Bundesrepublik Deutschland, sieht wegen des Krieges Anzeichen, dass sich die emiratischen KI-Investitionen verlangsamen. Setze sich der Krieg länger fort, könne die unsichere Lage am Golf eher zu einer Diversifizierung von KI-Standorten führen, sagt Adrian Cox von Deutsche Bank Research. 

    Strom aus Öl und Gas 

    Die Rechenzentren für künstliche Intelligenz verbrauchen riesige Mengen Energie. Der Strombedarf im Nahen Osten hat sich in 25 Jahren bereits verdreifacht und soll laut IEA in den nächsten Jahrzehnten um 50 Prozent steigen. Wegen der Kühlung der Prozessoren wird auch die Wasserknappheit zunehmen - und das in einer Region, in der Wasser ohnehin schon knapp ist. Saudi-Arabien will deswegen bis 2030 90 Prozent des Wassers aus Entsalzungsanlagen gewinnen. 
    Der bisher noch billige Strom hat den Nachteil, dass er überwiegend aus fossilen und damit nicht nachhaltigen Ressourcen stammt und damit viel zum CO2-Ausstoß beiträgt. Mit seinen fünf Gigawatt Kapazität würde der KI-Campus so viel Energie verbrauchen wie Berlin, Hamburg, München und Köln zusammen. Die Energieversorgung sei CO2-sparend, schreibt der Bauherr G42, doch wie sich der Energiemix aus Erdgas, Atomenergie und Solarstrom zusammensetzt, bleibt unklar. Laut der internationalen Energiebehörde (IEA) machte im Jahr 2023 Erdgas rund 71 Prozent an der Stromerzeugung der Emirate aus, Atomstrom lag bei rund 20 Prozent, Solarstrom bei nur acht. 
    „Klimaneutralität wird wirtschaftlichem Wachstum untergeordnet“, sagt Friederike Hildebrandt, Koordinatorin des Berliner Netzwerkes “Bits und Bäume”. Der Ausbau von fossilen Infrastrukturen werde mit Hoffnung auf KI und Wirtschaftswachstum gerechtfertigt.  
    Saudi-Arabien will nach eigenen Angaben sein Rechenzentrum mit erneuerbaren Energien betreiben. Die Emirate wiederum wollen ihren Strombedarf bis 2035 zu 60 Prozent mit erneuerbaren Energien und Atomkraftwerken decken. 

    Moralische Aspekte 

    Schließlich stellt sich die Frage, ob es moralisch gerechtfertigt ist, mit autokratischen Ländern zu kooperieren – und sich dabei auch noch massiv von diesen abhängig zu machen. KI-Konzerne wie OpenAI und Anthropic positionieren sich in der Öffentlichkeit zwar gerne als Verfechter demokratischer Werte. Wenn es um Geld aus den Emiraten geht, brechen sie allerdings offenbar mit ihren Prinzipien. Das zeigt auch das Beispiel Anthropic. Das Unternehmen hatte es lange abgelehnt, Investitionen aus der Golfregion anzunehmen, wohl auch wegen Befürchtungen des Firmenchefs, Autokratien könnten KI für Propaganda und Überwachung nutzen. Angesichts des harten KI-Wettbewerbs und einer - angeblich risikoarmen - 500-Millionen-Dollar-Beteiligung eines emiratischen Staatsfonds hatte Amodei jedoch seine moralischen Bedenken über Bord geworfen. 

    Onlinetext: Lukas Gedziorowski